“Das ist nicht der wahre Islam” — Eine realistische Bewertung von Islam und den Charlie Hebdo Anschlägen

Die Reaktion auf den terroristischen Anschlag in Paris einiger Autoren aus der muslimischen Welt haben bei mir und vielen meiner Bekannten Fassungslosigkeit und Enttäuschung hervorgerufen. Statt aus dem Koran Quellen zu zitieren versuchten diese Autoren die Situation zu bagatellisieren. Geleitet von einer inneren Wut haben diese Eiferer auch alle diejenigen, die versucht haben das diese Anschläge nichts mit dem wahren Islam zu tun hat beschuldigt, sich dem Westen anzubiedern. Entrüstet über diese Reaktion einiger Muslime, bin ich der Meinung, dass solch ein terroristischer Akt durch das Aufzeigen relevanter Koranverse nicht gerechtfertigt werden kann. Ebenso bin ich aber auch der Meinung, dass wir Muslime in der Lage sein sollten Selbstkritik an uns auszuüben.

Als Moslem denke ich, dass dieser terroristische Akt dem Koran widerspricht, weil in Sure 4 (an-Nisa:die Frauen) Vers 140 im Koran dem Propheten und den Gläubigen geboten wird, den Ort wo über ihr Glauben gespottet wird zu verlassen. “In dem euch offenbarten Buch gebietet Er euch: Wenn ihr hört, dass Menschen Seine Zeichen verleugnen und über sie spotten, dann sollt ihr euch solange nicht zu ihnen setzen, bis sie über etwas anderes reden. Tut ihr das nicht, so gleicht ihr ihnen. Gott wird die Heuchler und die Ungläubigen allesamt in der Hölle versammeln.” Wie erkennbar wird hier keine intellektuelle Auseinandersetzung, sondern das Verspotten erwähnt. Der Vers ist klar. Muslime sollen sich anstelle in überflüssige Diskussionen einzulassen, diesen Menschen ihren diskursiven Unmut verbal demonstrieren und den Ort verlassen. Auch in der Sure Al Imran (Das Haus Imrans) im Vers 186 steht, dass Gläubige beleidigende Äußerungen begegnen können: “Ihr werdet gewiss an eurem Hab und Gut und an euch selbst geprüft werden. Auch werdet ihr sicher von den Schriftbesitzern und von den Anhängern der Vielgötterei viel Böses hören. Wenn ihr euch aber geduldig und fromm verhaltet, ist das ein Zeichen unerschütterlicher Entschlossenheit. “ Wie auch hier erkennbar werden die Gläubigen nicht zu Gewalt sondern zur Geduld aufgerufen, auch wenn es ihnen schwer fällt. In Sure Al-Mumtahina (die Geprüfte) wird in Vers 8 und 9 angedeutet, dass nur weil jemand über die Religion spottet dieser nicht zu bekämpfen oder ungerecht zu behandeln ist: “Gott verbietet euch nicht, gegen diejenigen, die euch des Glaubens wegen nicht bekämpft und euch aus euren Häusern nicht vertrieben haben, gütig und gerecht zu sein. Gott liebt die Gerechten. Er verbietet euch nur, euch mit denjenigen zu verbünden, die euch des Glaubens wegen bekämpft, euch aus euren Häusern vertrieben und anderen bei eurer Vertreibung Beistand geleistet haben. Das sind die Ungerechten.”

Ich bin der Auffassung, dass diese Verse genügend Anhaltspunkte für Moslems geben, wie sie sich gegenüber der von ihnen wahrgenommen Schmähung ihrer Religion zu verhalten haben. Nur weil ein Moslem, der Spott und verletzende Worte hört dieses Gebot als “passiv” ansieht, gibt ihm das nicht das Recht diese Gebote zu missachten. Für den gläubigen Moslem ergibt sich dadurch die Option, entweder den Konsum solcher Zeitschriften wie Charlie Hebdo zu lassen, bei ernst gemeinten Argumenten diese dementsprechend zu beantworten oder sogar selbst tätig zu werden und solchen Schmähungen selbst mit Humor entgegen zu wirken. Im Koran ist für Moslems geschildert, wie sie sich gegenüber Attacken zum Islam zu verhalten haben und dass sie sich in den Grenzen dieser Verse entsprechend zu handeln haben. Laut Koran dürfen sie nicht nur solchen Aktionen mit Gewalt und Mord begegnen, sie dürfen nicht einmal über die Heiligtümer von Nicht-Muslimen schmähen oder sie gar verleumden. Nachdem ganzen werden sicherlich einige auf mich wütend sein und denken, dass ich übertreibe. Es tut mir leid, aber niemand hat gesagt das ein Moslem sein und werden leicht ist. Vor einigen Tagen hat ein meines Erachtens gebildeter Konservativer in seinem Blog geschrieben, dass wenn einer über die Heiligtümer des Islams spottet, sich bei einem Moslem selbstverständlich die Wut steigt. Nein, unsere Wut sollte nicht steigen, sie sollte es nicht! Wenn die Wut überhand nimmt, dann werden wir vor Allah auch in Rechenschaft gezogen werden, weil wir entgegen dieser Verse des Korans handeln. Dieselbe Person fragt in seinem Blog auch die Laizisten, ob sie denn nicht auch gerne zur Gewalt greifen wollen, wenn gegen ihre Heiligtümer gehandelt wird. Dann sagen wir mal gut, sie dürfen auch, ja sie dürfen auch Gewalt anwenden. Doch auch dies verteidigt aus islamischer Sicht nicht solch eine Handlung. Islam bedeutet ja sich Allah zu ergeben, diese Ergebenheit kommt genau in solchen Situationen zum Vorschein. Werden wir Allahs Worten folgen oder uns unserer eigenen inneren Wut ergeben? Auch wenn die Wut zur Verteidigung unseren Propheten dienen soll ändert sich nichts an der Tatsache. Wir als Moslems dürfen nicht die Regeln Allahs missachten. Denn auch der geliebte Prophet würde uns nichts anderes sagen, als die Worte Allahs zu befolgen. Das Gegenteil davon kann nicht unter dem Deckmantel des Islams verteidigt werden, dies wäre keine islamische Handlungsweise sondern vielmehr eine gefühlsbetonte egoistische Handlung.

Manche konservativen Muslime werden jetzt jedoch gewisse Aussagen des Propheten einbringen, wonach der Prophet selbst bei Hohn und Spott Gewalt angewendet habe. Es gibt sogar Menschen, die solche Hadithe als grundsätzlichen Leitfaden für jeden Moslem betrachten. Wir wissen alle, dass fundamentale Hadithbücher einige hundert Jahre nach unserem Propheten gesammelt wurden, auch genau in einer Zeit, wo politische Auseinandersetzungen existierten. Grade diese Realität kann keinen dazu verlangen an Hadithe zu glauben, wo die Handlung des Propheten dem Koran widerspricht. Mehr sogar, die Personen, die diese Hadithe nicht ablehnen können zur Äußerung “das ist nicht der wahre Islam” keine glaubhafte Gegenargumente anführen.

Ich möchte bevor ich zu den Folgen der Geschehnisse für die Moslems komme noch auf einen Punkt aufmerksam machen. Aufgrund meiner Ansicht und die meiner Freunde wird uns immer wieder die Kritik geäußert, dass wir auf Seiten der Orientalisten stehen. Ich bin jemand, der sich mit dem Westen schon einigermaßen auskennt und die ausländischen Tageszeitungen verfolgt. Daher kann ich sagen, dass Personen, die für den Terrorangriff eintreten, den Islamgegnern wie z.B. Geert Wilders in Holland eher ein Argument gegen den Islam geben, als Personen die den Terrorakt von Paris verurteilen als nicht Teil des “den wahren Islam”. Ebenso kann ich auch Menschen nicht verstehen, die stets versuchen gegen westliche Werte zu kämpfen. Ohne es zu merken liefern sie somit dem Westen immer eine Angriffsfläche gegen den Islam. Die einzige wahre Verhaltensweise ist, sich an die Gebote des Korans zu halten und nicht immer bestmöglich den Westen zu provozieren.

Zudem ist es rechtmäßig die Beziehung zwischen nicht-argumentativer Islamkritik und Meinungsfreiheit zu hinterfragen. Man weiß, dass 2008 einem Mitarbeiter von Charlie Hebdo aufgrund eines antisemitischen Witzes gekündigt wurde. Auch dürfen wir nicht außer Acht lassen, dass am selben Tag des terroristischen Angriffes in Paris Terroristen in Jemen 37 Menschen umgebracht haben, wovon in der westlichen Presse jedoch kaum berichtet wurde. In weiterem Sinne ist eine Doppelmoral bei uns allen geläufig. Den Holocaust verurteilen aber zu Guantanamo oder Gaza stillschweigen. Das hier verschiedene Maßstäbe entwickelt werden wird offensichtlich, aber dies kann nicht mit einer intellektuellen Haltung vereinbart werden. Es ist wahr, dass sehr viele bekannte Personen im Westen, die sich einen Namen gemacht haben in diesem Sinne sehr milde ausgedrückt in einem Widerspruch leben. Gleichzeitig den gesamten Westen so anzusehen -je mehr es einem auch gefällt- ist unrealistisch. In einer von PEW geführter Meinungsumfrage haben im Jahre 2014 72 % der Franzosen eine positive Einstellung gegenüber Moslems. Auch in England haben doppelt so viele eine positive Einstellung zu Moslems als diejenigen Befragten, die eine negative Einstellung hatten. In Europa gibt es sehr viele westlich eingestellte Vereine, die versuchen bei Moslems und Migranten ihre Menschenrechte durchzusetzen. Auch darf man das jüngste Ereignis in Australien nicht vergessen, wo ein Iraner zwei Geiseln in einem Kaffee festnahm und sie dann im Anschluss umbrachte. Hier haben sich Australier gleich in Twitter organisiert um möglichen Hass gegen Moslems zu unterbinden. Auch darf man Personen wie Jordan Weismann nicht vergessen, der — sogar direkt nach dem Anschlag- Charlie Hebdo aufgrund ihrer rassistischen Karikaturen kritisierte. Statt den Westen richtig zu deuten ist es niemals ein Gewinn für uns gewesen, stets auf unser Ego zu hören und sogar gleichzeitig mit unseren niederen Komplexen Szenarien zu bilden, mit dem Inhalt dass “der Westen uns sowieso hasst”.

Was wir Moslems jetzt brauchen ist es uns zu besinnen und unsere Emotionen zur Seite zu legen. Es wird immer Menschen geben, die Fremde nicht mögen, sie sogar hassen und beschimpfen. Dieser Punkt ist auch für die Moslems von Bedeutung. Wir dürfen nicht solchen Personen eine besondere Bedeutung die sie nicht haben beimessen und daher den gesamten Westen als unsere Feinde sehen, sondern stattdessen uns selbst und unsere Ansicht zum Islam reflektieren. Das dürfen wir nicht deshalb tun, weil es “der Westen” möchte, sondern, weil wir es wegen unserer schlechten Lage in die Hand nehmen müssen. Sonst werden wir uns weiterhin als Opfer sehen und zum Beispiel die Schuld dafür dass z.B. die gesamte arabische Welt lediglich so viele wissenschaftliche Artikel wie die Harvard Universität veröffentlicht, bei der angeblichen Befangenheit einiger Gutachter suchen.

*Der Originaltext ist in türkischer Sprache in t24.com.tr erschienen.

Gastprofessur in Leeds Universität