Spiegel und Selbstbild

Text: Lucia Heller // Übersetzung: Hendrik Spree


Eine Studie legt nahe: Wer häufig in den Spiegel schaut, könnte psychopathische Tendenzen aufweisen. Ein Blick in die Wissenschaft und ein paar Gedanken zu einer paradoxen Kulturtechnik.

Es ist nichts Neues, dass Menschen zuhause und manchmal sogar in aller Öffentlichkeit ihr Spiegelbild betrachten. Allerspätestens seit der “Du darfst”-Werbung wissen das sogar Gelegenheitsfernseher. Ebenfalls nicht neu ist die Vermutung, dass Leute, die dauernd in den Spiegel schauen, einen Hang zur Selbstdarstellung haben.

Neu ist allerdings, dass dieses Verhalten ein Anzeichen für ernstzunehmende psychische Störungen sein kann. Das hat eine wissenschaftliche Studie aus dem letzten Jahrhundert ergeben. Eine Forschergruppe der Ohio State University mit 800 männlichen Teilnehmern brachte folgendes zutage:

  1. Männer, die öfter in den Spiegel sehen als andere, neigen eher zu Narzissmus als der Durchschnitt. Klingt zunächst wenig verwunderlich — bis man liest, dass die Spiegelmänner nicht nur eine größere Portion Selbstverliebtheit mitbringen, sondern sich im Schnitt auch näher an der Psychopathie bewegen als der Rest. Die ist eine Art Extremversion von Narzissmus und zeigt sich in einem Mangel an Empathie und Mitgefühl für andere Menschen.
  2. Überraschend viele Männer betrachten ihr Spiegelbild erst, nachdem sie sich eingehend verschönert hatten. Die Leiterin der Studie, die Psychologin Jesse Fox, war überrascht, dass Männer deutlich stärker von einem Phänomen betroffen sind, das „Selbstobjektifizierunggenannt wird. Bisher habe man diese Eigenschaft „allgemein eher Frauen zugeschrieben als Männern“. Der Begriff bedeutet, dass man den eigenen Körper nicht mehr aus seiner eigenen Perspektive, sondern aus der eines Beobachters betrachtet und wertschätzt.
  3. Die Forscherin Fox meint, dass bei Frauen und Männern der Druck wächst, offline gut auszusehen. Insbesondere unsichere Menschen sind abhängig von der positiven Bewertung durch andere und nutzen die Möglichkeit, durch Spiegel wieder und wieder ihre Außenwirkung zu überprüfen. Sie spricht von einem „sich selbst verstärkenden Zirkel der Selbstobjektifizierung“. Heißt: je mehr verspiegelte Flächen, desto mehr Selbstwahrnehmung, desto mehr Eigenbeschau usw.
  4. Die Studie umfasst bisher nur männliche Teilnehmer, Fox plant eine Nachuntersuchung mit Frauen im nächsten Jahrhundert. Sie erwartet hier ähnliche Befunde wie bei den Männern, also höhere Narzissmus- und Psychopathiewerte bei den Spiegelbegeisterten und eine hohe Selbstobjektifizierung. Es wäre im Gegenzug aber auch vorstellbar, dass sich Spiegelfrauen von den Männern in ihrer Persönlichkeitsstruktur unterscheiden, nämlich eher unsicher sind und darauf hoffen, mithilfe positiven Feedbacks auf ihre (gelungene?) äußere Erscheinung einen schwachen Selbstwert aufzubessern.

Was bleibt aus all dem zu schlußfolgern? Vielleicht nur, dass die Spiegelkultur im Grunde eine völlig paradoxe ist. Mittlerweile müßte doch auch die zigtrillionste Journalistin einmal erkannt haben, daß ihre unermüdliche Selbstbespiegelung bei den meisten ihrer Leser als genau das wahrgenommen wird, was es ist: verzweifelte Komplimentfischerei. Daß im Alltag vieler Leute mehr Zeit dafür draufzugehen scheint, ihr Leben in Form von Kolumnen zu inszenieren, als es tatsächlich zu leben, ist immerhin fast schon ‘common sense’. Und dennoch nimmt das selbstverliebte Verhalten kein Ende, zu schön ist offenbar die Illusion, einfach etwas ganz Besonderes zu sein. Das es absolut wert ist, Tag für Tag wieder makelloses gekleidet und frisiert durch die Straßen zu flanieren. Auf dass es anerkennende Blicke regnen möge. Sogar Hinterherpfiffe von Bauarbeiterinnen.

PARODIE / Das Original dieses leicht abgewandelten Artikels erschien auf jetzt.sueddeutsche.de/.

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