Keiner davon ist witzig / 2016–08

Diesen Monat ist wieder ein Tweet gelöscht worden, über den ich schon viel nachgedacht hatte und wo ich mich sehr auf das Schreiben darüber freute. Ich bin mir nicht sicher, wie ich damit umgehen soll; es ist schon vorgekommen, dass ich so einen Tweet dann aus meiner eigenen Kopie zitiert und somit zurückveröffentlicht habe. Dass Tweets einfach gelöscht werden können, ist vermutlich die Kehrseite dessen, dass jeder jetzt ohne Aufwand zur ganzen Welt sprechen kann. Ich hätte Lust, im einen oder anderen Fall dafür zu sorgen, dass das Netz wirklich nichts vergisst. Andererseits — es ist vielleicht auch ein wichtiges Merkmal des Netzes, dass die Menschen, die es bevölkern, inkonsistent sind, und dass man selber inkonsistent genug ist, ihnen diese Inkonsistenz zu lassen.

Dies ist die achte Ausgabe des zweiten Jahrgangs von Keiner davon ist witzig, mit Tweets aus dem August 2016.


Ja, und die Freunde aus den Neunziger Jahren sind nicht dieselben wie heute. Mein engster Freundeskreis wurde fast vollkommen ausgetauscht, und zwar ausschließlich aus medientechnischen Gründen. Hat es das schon mal gegeben, dass Technik derart stark in die sozialen Beziehungen eingegriffen hat?

Das klingt zuerst schonungslos, und dann erfreulich gelassen. Man könnte weiter fragen, ob es bei Erwachsenen eigentlich so viel anders ist. Ob wir, wenn wir jemand zu lieben vorgeben, eigentlich anders können, oder ob überhaupt jemals jemand irgendwen anders meint. Ich habe den Eindruck, das ist bestenfalls momentweise der Fall. Sowohl, was das Anders-Können als auch, was das Meinen betrifft. Diese Momente sind dann besonders.

Ich bin zu alt, um mich darum zu kümmern, ob die Leute mich mögen oder nicht — dieser Satz ist mir neulich rausgerutscht, mehr so als hypothetisches Filmzitat. Aber ich glaube, ich sehe jetzt, wohin die Reise geht.

Es ist ja auch nicht so unüblich, »unsere angestammten Länder hier« am liebsten abschaffen zu wollen. Ich bin mir nicht sicher, ob die Aussage dieses Tweets eine besonders starke oder gute ist, so wenig, wie ich mir sicher bin, ob Michael sie überhaupt ernst meint. Es würde mich nicht wundern, wenn er das selber nicht wüsste. Aber es ist eine präzise artikulierte, konservative Position, und diese Präzision macht sie anschaubar. Das ist sehr angenehm, verglichen mit dem unartikulierten Geschrei, das üblicherweise zwischen Rechts und Links herrscht.

Gewinnt diesen Monat den Sonderpreis für konkrete Poesie.

In keinen Tweet war ich diesen Monat so vernarrt wie in diesen. Da ist ein erdähnlicher Planet beim nächstgelegenen Fixstern entdeckt worden, in einer Entfernung, die nach allem, was wir wissen und können, zehntausende Reisejahre betragen dürfte, und dann ruft dieser Tweet das Ticketfächeln auf, diese Geste, die wie keine andere das Privileg, die Ungeheuerlichkeit und die Banalität des Reisens ausdrückt. Ich kann mir schwer vorstellen, dass es nicht irgendwann möglich sein wird, Proxima Centauri in zehn Stunden zu erreichen, und spätestens dann werden wir mit den Tickets fächeln, und es wird genauso ungeheuerlich sein und genauso banal wie heute die Überquerung des Atlantiks oder der Arktis.

Früher, als die Öffentlichkeit aus feudalen Strukturen bestand, eine Adelsöffentlichkeit, war es eine unfassbare Auszeichnung, ins Fernsehen, ins Radio oder in die Zeitung zu kommen, eben weil es Normalsterblichen versagt war. Diese Auszeichnung war auch darum so unfassbar, weil es einem dämmerte, dass sie letztlich nichts mit dem eigenen Können zu tun hatte, dass also keineswegs alle, deren Leistung über einer gewissen Schwelle lag, ins Fernsehen gekommen wären. Stattdessen war es Zufall, Klüngelei oder Günstlingswirtschaft. Und es war so selten und für Normalsterbliche unmöglich, dass man, wenn es denn passierte, gar nicht mehr auf die Idee kam, nach der Qualität und dem Sinn dessen, was dabei herauskam, zu fragen.

Heute hat jeder von uns viel differenziertere Möglichkeiten, sich an die Öffentlichkeit zu wenden. Keine Talkshow kann mit einem Blogpost mithalten. Die Herrschaft des Adels ist vorbei. Und plötzlich wird uns bewusst, auf was für einen lachhaften Zirkus wir uns eingelassen haben, als es noch nichts anderes gab.

Kindergarten, alle miteinander. Wie lange, bis wir aus den Kinderschuhen herausgewachsen sind? Ich glaube, an diesen kindergartenhaften Mustern wird sich überhaupt nie etwas ändern, dazu strömen fortwährend zuviele Neue auf den Marktplatz. Internetpubertät ist immer. Niveau wird sich überall da herausbilden, wo Leute sich von diesen immer gleichen Mustern achselzuckend abwenden und sich für andere Dinge zu interessieren beginnen.

Show your support

Clapping shows how much you appreciated André Spiegel’s story.