Keiner davon ist witzig / 2016–09

Es ist wieder die zweite Monatshälfte geworden, aber gute Tweets sind zum Glück zeitlos, zumal wenn sie nicht witzig sind. Nein, das ist leider nicht so, denn viele haben diesen Monat mit Wahlkampf zu tun, und da überschlagen sich die Ereignisse, und es ist von Erleichterung so wenig die Spur, dass man kaum hinterher kommt. Manche Tweets sind also diesen Monat eine Momentaufnahme, sowohl was den Zeitpunkt ihrer Abfassung angeht, als auch den zufälligen Zeitpunkt, an dem ich meinen Kommentar dazu schreibe. Zum Glück ist auch ein bisschen Kosmos dabei.

Dies ist die neunte Ausgabe des zweiten Jahrgangs von Keiner davon ist witzig, mit Tweets aus dem September 2016.


Wenn es überhaupt etwas Gutes an dieser Wahl gibt — ich meine die amerikanische — , dann ist es wohl, dass sie so gründlich mit den Illusionen aufräumt, wie politische Entscheidungen zustande kommen, und wie wir überhaupt denken. Es geht nicht um Fakten und nicht um rationale Argumente. Es geht um »wir« oder »die«, und das wird durch Gefühle verhandelt. Wir schreien einander nieder, und da ist »dumm« noch eine der harmloseren Varianten.

Ich habe keine Lust mehr auf meine Filterblase. Keine Lust mehr auf Zeitungen, bei denen ich schon vorher weiß, was drinsteht. Ich habe auch keine Lust mehr auf Satire, denn sie wird von niemandem gesehen, der nicht derselben Meinung ist. Ich war schon immer froh, wenn ich auf Twitter jemanden gefunden habe, der andere politische Ansichten vertritt als ich, und ich werde immer dankbarer für diese Accounts.

In den letzten Monaten habe ich mir verstärkt konservative Medien in den Feed geholt. Es macht keinen Spass, sie zu lesen. Es ist anstrengend. Manchmal rufe ich erschöpft ein paar Artikel aus dem linken Spektrum auf, um wieder festen Boden unter den Füßen zu bekommen.

Die Erholung und die Beruhigung, die das für mich bedeutet, finde ich verdächtig.

Eine Szene, die Kathrin glaubhaft aus dem Hofbräukeller in München berichtet. Man sollte meinen, dass gerade Autoren auf Veränderungen in der Struktur der Öffentlichkeit mit seismischer Genauigkeit reagieren. Offenbar nicht.

Ich mag es nicht, wenn von Absurdität die Rede ist, weil es zu oft nur eine Ausrede für schlechte Laune ist. Glücklicherweise bei @blutundkaffee keine Spur davon. Kosmologie für Fortgeschrittene.

Wenn das, was wir über das Leben und seine Entstehung zu wissen glauben, stimmt, müsste das Universum davon wimmeln. Wir müssten längst Kontakt zu anderen Lebensformen haben. Stattdessen scheint das ganze, riesige Universum still und leer zu sein. Das ist das Fermi-Paradox, und es zum Malwettbewerb für Kinder auszurufen, ist eine großartige Idee, die der Natur des Problems möglicherweise angemessener ist als jede wissenschaftliche Diskussion. Da verzeiht man dem Tweet weitgehend, dass er auf das »aber als«-Mem einsteigt, das bei Twitter inzwischen so gängig ist, dass es kaum noch als Kalauer taugt.

Nate Silver schrieb diesen Tweet kurz nach der ersten Debatte, als Trump in den Umfragen nur knapp hinter Clinton lag. Er zeigt die große Unsicherheit, was das Phänomen Trump betrifft. »Nach aller Erfahrung müsste das so und so wirken, aber bisher war so vieles falsch, was wir gedacht haben.« Es ist erstaunlich, dass Trump jetzt, drei Wochen später, an völlig klassischen Skandalen scheitert, an Dingen also, die ihm bis vor kurzem nichts anhaben konnten. Vielleicht ist Trump nur eine Vorbereitung auf einen Kandidaten, der das alles wirklich perfekt beherrscht — ein Kandidat, dem nichts etwas anhaben kann, keine nachgewiesene Falschaussage und kein vernichtender Leitartikel, sondern der durch alle Versuche, ihn zu stoppen, immer nur stärker wird.

Das sind seltsam kurzsichtige Roboter, aber sie tragen vermutlich die Handschrift ihrer Konstrukteure. Mir gefällt besser, was Kevin Kelly in »The Inevitable« schreibt: Die Verteilung von Arbeit ist kein Wettlauf gegen die Maschine, sondern mit der Maschine. Ich will nicht zu optimistisch sein, was meine eigene Lebenserwartung betrifft, aber ich freue mich auf die Zeit, in der niemand mehr Arbeit haben wird, und ich hoffe, die Roboter sehen das genauso.