Keiner davon ist witzig / 2016–11

Es ist also möglich, in einer Welt aufzuwachen, die über Nacht eine andere geworden ist, in der Sätze, die gestern noch normal klangen, plötzlich undenkbar sind, und umgekehrt. Dies ist die elfte Ausgabe des zweiten Jahrgangs von Keiner davon ist witzig, mit Tweets aus dem November 2016.


Ich war in einem Hotel in Ohio, als das Unglück seinen Lauf nahm. Insider aus Clintons Team haben berichtet, dass ihre Siegesfeier mit einer solchen Sicherheit anberaumt und geplant worden war, dass die Wahlnacht sich anfühlte, als müsste man den plötzlichen Tod eines Angehörigen verkraften. Mir ging es nicht viel anders. Ich habe haufenweise kluge und pointierte Tweets gesehen in dieser Nacht, und sie waren mir alle egal. Dann doch lieber dieser hier, zufällig irgendwo aus der Timeline gegriffen, mit einem Tippfehler schon im ersten Wort, bescheidene Bonuspunkte für den Versuch, über die eigene Perspektive hinauszublicken, ein Versuch, der ins Leere geht.

Ich habe immer stärker das Gefühl, für das, was gerade passiert, zu wenig Shakespeare gelesen zu haben. Gut, wenn man immerhin jemand im Bekanntenkreis hat, der seinen Shakespeare kennt.

Es war bislang noch nicht vorgekommen, dass ich aus politischen Gründen in der Nacht hochgeschreckt bin. Jetzt schon.

Und nach ein paar solcher Nächte breitet sich eine unheimliche Stille und Lethargie aus. Das Undenkbare ist passiert, jetzt muss man ihm zusehen, wie es seinen Lauf nimmt. Es gibt keinen möglichen Gedanken der Opposition, denn alle diese Gedanken, alle möglichen Einwände und Empörungen sind bereits gedacht und geäußert worden, und sie haben nichts bewirkt.

Möglicherweise hat Jon Stewart genau das gespürt, und genau darum mit der Daily Show aufgehört. Sie wird ausschließlich von Leuten gesehen, die dasselbe denken, sie ist eine reine Selbstbestätigung der linken Hälfte der Gesellschaft.

In den Tagen vor der Wahl haben wir stattdessen Saturday Night Live mit Alec Baldwin und Kate McKinnon geguckt, was als comic relief direkter und dringender nötig war, und es hielt die Sorge in erträglichen Grenzen. Die Welt schien wieder ein bißchen gerade gerückt nach so einem Sketch, und es schien undenkbar, dass das, was da in seiner ganzen Lächerlichkeit preisgegeben wurde, noch die Kraft besitzen könnte, Wirklichkeit zu werden. Ein Irrtum, wie wir jetzt wissen, und der comic relief, den die Sketche bei Saturday Night Live seither spenden, schmeckt schal.

Das wäre, wenn es einen nicht so unmittelbar betreffen würde, die interessanteste Einsicht dieser Wahl gewesen: dass sich das fact-checking als komplett wirkungslos erwiesen hat, oder, wie dieser Tweet nicht zu Unrecht vermutet, als sogar kontraproduktiv. Gerade erst hat sich durch das Internet eine Art Kultur des fact-checking etabliert, mit unabhängigen Websites und eigenen Redaktionen und tabellarischen Auflistungen, wer wie oft und wie stark die Unwahrheit gesagt hat, und gleichzeitig zeigt sich unmissverständlich, dass die Fakten, genau wie die Satire, nur von denen zur Kenntnis genommen werden, die nicht mehr von ihnen überzeugt werden müssen.

Man kann drei Szenarien unterscheiden. Erstens, die eine Seite verfügt über alle wahren Fakten, die andere nur über Lügen. Zweitens, Wahrheit und Lüge gibt es auf beiden Seiten, aber beide Seiten gewichten sie unterschiedlich und nehmen sie selektiv wahr. Und drittens, die Wahrheiten der einen Seite lassen sich in den Begriffen der anderen Seite überhaupt nicht formulieren, sie sind, selbst bei gutgemeinter und ernsthafter Anstrengung, vollkommen unsichtbar.

Hillary Clinton fragte sich noch in den letzten Tagen vor der Wahl öffentlich, warum sie nicht fünfzig Punkte in Führung liege. Gleichzeitig riefen Millionen nach ihrer Verhaftung. Das scheint vor allem für das dritte Szenario zu sprechen.

»Das ist nicht witzig« habe ich Ianina auf diesen Tweet geantwortet, und ich meinte das nicht betroffen oder vorwurfsvoll, sondern, wie immer, erstaunt und beeindruckt, geradezu begeistert. Ich weiß nicht, ob sie es so verstanden hat. Ihr Like für diese Antwort war eines der letzten Lebenszeichen, das ihr Twitter-Account von sich gegeben hat.

Kaum jemand war in den letzten zwei Jahren so oft bei Keiner davon ist witzig vertreten wie sie. Kaum jemand hat souveräner gezeigt, was Tweets leisten können, ohne zu der üblichen, hohlen Witzigkeit Zuflucht zu nehmen. Bei kaum jemand hatte ich stärker das Gefühl, dass Keiner davon ist witzig eine Suche nach genau diesen Tweets war.

Es gefiel ihr nicht, wenn jemand ihre Krankheit erwähnte. Ich habe das ein einziges Mal gemacht, worauf sie sofort sachte protestierte, und ich habe die Anspielung entfernt, noch bevor irgendwer anders sie gesehen hat. Vielleicht hätte sie auch nicht gewollt, dass ihr letzter Tweet hier so zur Ansicht freigegeben wird. Aber jetzt ist sie ja nicht mehr da.

Ein schöner Tweet…

… und das ist dann ein Tweet, der weh tut. Aber ich komme nicht umhin, diesem ätzenden Scharfsinn zuzustimmen. Kunst, die sich auf eine Seite schlägt, für die es erlaubte und unerlaubte Ziele gibt, hat in der letzten Konsequenz aufgehört, Kunst zu sein.

Ich glaube nicht, dass das Wort Überwachung hier weiter führt. Genausowenig, wie es weiter führt, von Überwachung zu reden, wenn die Sonne aufgeht. Obwohl dann Dinge sichtbar werden, die es vorher nicht waren. Obwohl es eine Situation ist, die man sich asymmetrischer nicht vorstellen kann. Obwohl es keine Spur einer Einwilligung gibt. Was wir erleben, ist eine Erweiterung der Wirklichkeit, und das ist der Freiraum, den wir betreten müssen.