Keiner davon ist witzig / 2017–02

»Die meisten dieser Top-Twitterer sind mir einfach zu witzig« habe ich 2012 getwittert, aber es hat dann noch bis 2015 gedauert, bis ich mit dieser Reihe hier angefangen habe. Es gibt viele Listen von Tweets des Monats, Anne Schüßler zum Beispiel stellt sie akribisch zusammen, ebenfalls Monat für Monat. Noch fast nie habe ich in so einer Liste einen Tweet gefunden, der nicht witzig gewesen wäre. Gleiches gilt für Twitterbücher, Twitterkompendien oder Tweets, die in Bilder verwandelt und zu Facebook entführt werden. Das ist schade, denn Twitter nur als Witztransporter zu gebrauchen, ist mir zu wenig.

Als ich angefangen habe, meine Liste aus guten, großartigen, wunderbaren Tweets, von denen keiner witzig ist, zusammenzustellen, gab es Ratlosigkeit. Freunde erklärten mir, dass ich dazuschreiben müsse, was an diesen Tweets gut sein soll. Nicht-witzige Tweets können, anders als witzige Tweets, offenbar nicht für sich selber stehen. Ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt, aber ich habe jedenfalls mit diesen Erklärungen, kleinen Laudatios auf die Tweets, angefangen. Mit der Zeit hat sich daraus eine eigene Form des Nachdenkens über Tweets entwickelt, und es haben sich ein paar Regeln herausgebildet.

Ein Tweet hat dann gute Chancen, in diese Liste aufgenommen zu werden, wenn er mich auf ein Thema bringt, an das ich mich ohne diesen Tweet nie herangetraut hätte. Das Nachdenken darüber sollte mich zu Einsichten führen, die ich ohne den Tweet nie gehabt hätte. Dieses Nachdenken ist rein privater Natur und wird hier nur zur Ansicht vorgelegt. Es muss mich selbst bis zur Besessenheit und zur Schlaflosigkeit interessieren, aber ob es andere interessiert, interessiert mich nicht weiter. Jedenfalls im Rahmen der üblichen Selbsttäuschungshorizonte eines Autors. Tatsächlich ist die Lektüre der Zugriffszahlen dieser Reihe eine meiner liebsten Beschäftigungen, und einer der Gründe, warum ich mit der nicht unerheblichen Arbeit Monat für Monat weitermache.

Über die Jahre bin ich einige Male darauf hingewiesen worden — nicht oft, aber mit Nachdruck — , dass ich bestimmte Twitterer hier nicht zitieren dürfe, weil sie unerträgliche, menschenverachtende Ansichten vertreten oder sich außerhalb von Twitter inakzeptabel verhalten würden. Ich habe lange darüber nachgedacht und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass ich diese Mentalität, Dinge, die man für falsch hält, zu blocken, und auch andere zum Blocken aufzufordern, nicht teile. Sie ist einer der Gründe, warum die Welt in immer radikalere Lager zerfällt, die nichts mehr voneinander wissen. Das ist nicht meine Sache. Ich würde hier Tweets von Adolf Eichmann und Charles Manson bringen, wenn es sie gäbe und ich etwas von ihnen lernen könnte.

Dies ist die zweite Ausgabe des dritten Jahrgangs von Keiner davon ist witzig, mit Tweets aus dem Februar 2017.


Dieser Tweet hat hier nichts verloren, weil es ein Zitat ist. Ausnahmen von dieser Regel gibt es nur, wenn das Zitat spektakulär gut oder spektakulär falsch ist. Letzteres ist hier der Fall, und ich finde das bemerkenswert, weil ich immerhin von kaum einem Autor so viel gelernt habe wie von Rilke, und das nachhaltig, ohne dass Jahrzehnte etwas an der Gültigkeit seiner Sätze geändert hätten. Viele davon gehören zum absoluten Urgestein meines Denkens über Kunst, Publikum, Ästhetik. Und dann so ein Satz, dessen offenkundige Falschheit immerhin zeigt, wie viel in den letzten hundert Jahren passiert ist.

Ach. Wir erleben neue Formen der Durchmischung, das ist alles. Menschen, die früher in intellektuellen Adelszirkeln verkehrt hätten, sind jetzt für solche, denen der Zugang verwehrt geblieben wäre, sichtbar, und umgekehrt. Es kommt hinzu, dass die meisten Intelligenten noch gar nicht da sind, sie hocken in ihren Geisteswissenschaften und Printuniversen und werden zu großen Teilen nicht mehr verstehen, was passiert ist. Eine neue Generation Intellektueller wird sie ablösen müssen. Bis dahin fallen intelligente Leute halt noch etwas unangenehmer auf. Big deal. Vielleicht lernen sie was dabei.

Sie weisen Leute an der Grenze zurück. — Aber ich komme ja nicht aus den sieben Ländern. — Die Arbeitsvisa sollen eingeschränkt werden. — Aber ich verdiene ja mehr als die billigen Programmierer, gegen die das gerichtet ist. — Jetzt wurde ein Staatsbürger durchsucht und musste sein Passwort verraten. — Aber ich habe ja keinen verdächtig klingenden Namen.

Nun ja, wir wissen, was daraus geworden ist. Der Account @TweetsofOld, der scheinbar nur alte Zeitungsausschnitte zitiert (jeweils mit dem Bundesstaat und dem Jahr des Erscheinens), überzeugt durch das historische Echo, das er immer wieder treffsicher heraufbeschwört. Selten freilich so unwitzig wie in diesem Tweet.

Das ist ein hübscher Gedanke: Vielleicht sind wir deshalb so wild auf Publikum, weil wir immer noch mehr Person sein wollen. Das wird allerdings nicht ohne die ganzen anderen Wahrheiten über das Publikum zu haben sein. Zum Beispiel David Foster Wallace: Die berühmten Menschen freuen sich nicht, dass ihre Bilder in Zeitschriften erscheinen, sondern sie haben Angst, dass ihre Bilder aufhören könnten, in Zeitschriften zu erscheinen. Sowie Jean Paul: Das Publikum muss überwunden werden, weiter nichts.

Ich sammle inzwischen solche Stellen, in denen reflexhaft das Wort Überwachung fällt, wenn man eigentlich von einer Erweiterung der Wirklichkeit sprechen müsste. Es werden Dinge sichtbar, die es vorher nicht waren. Wenn das bedeutet, dass manches, was bisher von selber, ohne dass es einer besonderen Anstrengung bedurfte, ein Geheimnis war, plötzlich von selber, ohne dass es einer besonderen Anstrengung bedarf, kein Geheimnis mehr ist, ist das vielleicht zunächst nur ungewohnt. Das Wort Überwachung hat an diesen Stellen eine Totschlagfunktion, die den Blick auf neues verstellt.

Weinen ist das einzige, worüber man nicht schreiben kann. Nicht direkt jedenfalls, weil es der Zusammenbruch jeder Form ist. Wenn man weint, ist, definitionsgemäß, nichts mehr übrig. Das ist ja gerade das Erleichternde am Weinen.

Über das Weinen zu schreiben — es gegen jede Regel hinzukriegen, doch irgendwie darüber zu schreiben — , ist genau die Art des Schreibens, die mich am meisten interessiert. Etwas sagen, das eigentlich nicht gesagt werden kann, vor allem wenn dieses kann eigentlich ein darf ist. Man darf nicht darüber schreiben, wenn man sich nicht lächerlich machen will.

Es ist nicht einfach, den Ton zu finden, der dann doch funktioniert. Es gibt eine coole Art, über das Weinen zu schreiben, die es komplett abstreift und hinter sich lässt. Das tut dieser Tweet nicht, er schafft mit minimalen Mitteln einen wunderbaren Drahtseilakt.

Wenn man dem Satz von Heiner Müller folgt, nach dem zehn Deutsche dümmer sind als fünf Deutsche, dann klingt diese Erweiterung auf Volk und Menschheit folgerichtig. Obwohl wir uns seit Jahrtausenden damit herumschlagen, sind wir, was überindividuelle, politische Prozesse betrifft, um Größenordnungen unfähiger geblieben als, sagen wir, in der Medizin.

Ein Volk ist ohne weiteres imstande, sich sehenden Auges in den Abgrund zu stürzen. Und dass die Menschheit in dieser Hinsicht wenig auf dem Kerbholz zu haben scheint, dass sie sogar als ein Ideal jenseits der Nationalstaaten verstanden wird, liegt vielleicht vor allem daran, dass sie noch kaum Gelegenheit hatte, als Akteur in Erscheinung zu treten. Der kleine Nationen-Verein mit Sitz am East River in New York wäre demnach so etwas wie eine früh-idealistische Besiedlung dieser Größenordnung, vergleichbar der frühen Netzgemeinde.

Dass auf dieser Komplexitätsstufe neue, größere Probleme warten, heißt allerdings nicht, dass wir sie vermeiden könnten. Daraus, dass zehn Deutsche dümmer sind als fünf, folgt ja auch nicht, dass Ansammlungen von mehr als fünf Deutschen verboten sind. Wir müssen da halt durch.

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