Keiner davon ist witzig / 2017–03

Der Witz ist in vieler Hinsicht die stärkste Kommunikationsform, die es gibt. Gegen einen witzigen Tweet sieht ein nicht-witziger immer alt aus. Mir wäre sehr geholfen, wenn ich nur wüsste, warum ich den nicht-witzigen dennoch den Vorzug gebe. Aber ich weiß es nicht. Immer noch nicht.

Dies ist die dritte Ausgabe des dritten Jahrgangs von Keiner davon ist witzig, mit Tweets aus dem März 2017.


Mein Sohn liebt es, sich mit mir unter einer Bettdecke zu verkriechen und dann, sobald die Decke über unseren Köpfen ist, über geheime Dinge zu tuscheln. Das bemerkenswerte ist, dass er damit anfing, noch bevor er überhaupt sprechen konnte. Und auch heute, wenn wir uns unter der Decke verstecken, kommt es vor allem auf das Tuscheln an; es sind überhaupt keine Worte zu verstehen dabei. Ich habe das Gefühl, das geht bei den meisten Geheimgesellschaften so, und bei den privaten Twitteraccounts und den verschlüsselten WhatsApp-Chats auch. Etwas zu sagen, das diesen Verschlüsselungsaufwand rechtfertigen würde, gibt es eigentlich nicht.

Ich kann das bestätigen. Ich habe auch keine Lust mehr, mitzulesen und freue mich stattdessen auf die Zusammenfassung in einem großangelegten Essay, wenn alles vorbei ist. Leider werden Pulitzer-Preise von denen verliehen (und Essays von denen geschrieben), die jetzt gerade entmachtet wurden. Zu hoffen, dass eines Tages ein Pulitzer-Preis für die Aufarbeitung dieser Katastrophe verliehen wird, ist nicht weniger als die Hoffnung auf die Menschheit an sich, und muss möglicherweise denselben Geduldshorizont aufbringen. Oder diese Hoffnung ist ein Zeichen für genau die intellektuelle Hybris, die gerade abgewählt wurde, und von der Menschen mit genau derselben Inbrunst hoffen, dass sie nie mehr zurückkehrt.

Dass »die Leute« etwas intuitiv früher begreifen als diejenigen, die systematisch und professionell darüber nachdenken, ist nicht möglich, oder? Aber falls es doch möglich wäre, haben »die Leute« vielleicht intuitiv begriffen, dass eine Welt, die überall von Datenströmen durchzogen ist, nicht mehr funktionieren kann wie die Welt vor einem halben Jahrhundert.

Vor der Schlacht von Kunersdorf versuchte Friedrich der Große, von einem Förster Auskünfte über das ihm unbekannte Gelände zu bekommen. Aber »der Anblick des preußischen Herrschers brachte ihn dermaßen durcheinander, dass er nur unzusammenhängendes Zeug stammelte, obwohl ihm Friedrich geduldig und freundlich zuredete.« (Verzeichnet bei Christopher Duffy, mit Dank an Richard Shako.)

Die feudale Gesellschaft haben wir lange hinter uns gelassen. Aber erst langsam beginnt uns zu dämmern, dass der öffentliche Raum bis vor kurzem noch feudal funktionierte — eine Mangelökonomie, in der nur ein verschwindender Teil derer, die senden wollten, auch Recht und Möglichkeit dazu hatten. Das ist vorbei, und wir werden uns warm anziehen müssen.

Dennoch — der stammelnde Förster, der kreischende Teenager: Es gibt etwas in uns, das diese Feudalstruktur will und zur Not herstellt, immer wieder.

Von einem Bekannten haben wir ungefragt ein Aquarium geschenkt bekommen. Kein Finding Nemo und kein Finding Dory konnte die Kinder davon abhalten, es sich umgehend mit Kies und Pflanzen und Wasser und Fischen bestückt zu wünschen. Es sei auch gut für die Kinder, etwas Lebendiges, sagte der Bekannte. Ich ließ mich nach etwa vierundzwanzig Stunden erbostem Widerstand breitschlagen und wurde der beste Papa der Welt. Ich glaube, die Fische fühlen sich inzwischen auch ganz wohl bei uns.

Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf: Es gibt kein Internet mehr. Das ist jetzt einfach die ganze Welt, und die Frage, ob sie »Spaß macht«, ist dasselbe, was man früher Lebenskunst nannte. Genauso einfach, genauso unverschämt, genauso schwierig.

So ein Satz bringt mich zu drei unterschiedlichen, nicht völlig miteinander konsistenten Reaktionen. Erstens, die Auffassung, dass es unmöglich sei, sichere USB-Ports zu bauen, und irgendwas immer passieren könne — das ist für mich ein Dammbruch, nicht weniger als das Ende der Aufklärung und der Beginn eines digitalen Schamanentums. Ähnlich wie das Überkleben der Laptopkamera. Zweitens, dass es einem Staat oder einem Schurken bei genügend Energie immer gelingt, ein System zu infiltrieren, und es also keine hundertprozentige Sicherheit gibt, ist genauso selbstverständlich wie langweilig. Drittens, diese Angst um das eigene Telefönchen und die eigenen Daten wirkt putzig. Alles was wichtig ist, sollte im Netz publiziert sein, der Rest ist belanglos.