Keiner davon ist witzig / 2017–06

»Das Interessante ist ja, einen dieser Hunderttausende abgeregneten Sätze mit der Hand aufzufangen und mit einer ernsthaften Verwunderung vor dem Versickern zu bewahren. Die Verwunderung ist ja etwas unmodisch geworden, und die Ecke im Hirn, wo man sich anstrengt, etwas Verbindliches zu sagen, ebenso, etwas, was man unironisch ernsthaft denken und aussprechen möchte.« Das hat Fritz Iversen in einem Kommentar zur vorigen Ausgabe von Keiner davon ist witzig geschrieben, und er hat es damit besser verstanden als ich.

Dies ist die sechste Ausgabe des dritten Jahrgangs von Keiner davon ist witzig, mit Tweets aus dem Juni 2017.


Ich habe Obama an der Siegessäule in Berlin gehört, während sich unsere Pläne, nach Amerika zu gehen, verfestigten. Die Pläne hatten nichts mit Obama zu tun, aber es sollten die Obama-Jahre werden, in denen wir uns an dieses Land gewöhnten. Eine Originalausgabe der New York Times mit der Titelseite nach dem Wahlsieg müssten wir irgendwo aufbewahrt haben.

Unsere Tochter, jetzt sechs, ahnte zum ersten Mal etwas von Politik, als sie in einem Fenster auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Plakat sah: »The power of the people is stronger than the people in power.« Sie wird ein Teenager sein, wenn der Spuk — hoffentlich — vorbei ist.

Ich bin im Sommer 1969 geboren. An Watergate habe ich keine Erinnerung.

Nie wird mir wärmer ums Herz, als wenn ich einen Schreiber sagen höre, dass es nicht geht mit dem Erzählen. Aus reiner Empathie natürlich: Bei mir geht’s auch nicht, wenn auch wohl aus anderen Gründen als beim Sofawandler.

Es ist verstörend, wenn große Teile der Menschheit offenbar nichts natürlicher finden, als Geschichten zu erzählen, und einem selber das total verschlossen ist. Nicht, weil man etwas gegen Geschichten hätte, nicht, weil man sie nicht für einen großartigen Modus der Realitätserforschung halten würde, nicht, weil man sich aus irgendwelchen wichtigen Gründen dagegen entschieden hätte, sondern es geht einfach nicht. Ich habe mich damit abgefunden, dass es sich um so etwas wie den Ausfall eines begrenzten Hirnareals handeln muss, so wie Gesichtsblindheit oder eine motorische Störung. Daran kann man nichts ändern, aber man kann sich entscheiden, es als Voraussetzung seiner Arbeit anzuerkennen.

Dieser Tweet gibt einen Lacher her, aber ich lese ihn daran vorbei. Erstens, die Dankbarkeit dafür, emigriert zu sein, kann ich teilen. Nicht weil das, was man zurückgelassen hat, minderwertig wäre, sondern weil der Schlag, den so eine Emigration dem eigenen Bewusstsein versetzt, sich als heilsam erwiesen hat. Ich hätte mir vierzig Jahre meines Lebens nicht träumen lassen, dass ich Deutschland jemals verlassen würde. Entsprechend groß war der Schock, als ich’s dann tat — ein Gefühl, als hätte man sich selber die Lebensader durchgeschnitten. Damit hatte ich nicht gerechnet, und es dauerte ungefähr zwei Jahre, bis ich darüber weg war. Jetzt würde ich nicht mehr nach Deutschland passen. Und in die USA auch nicht. Das gefällt mir ganz gut so.

Zweitens, es ist bemerkenswert, dass die Piefigkeit der Kohl-Ära eine so energiereiche Abstoßungsreaktion hervorrufen konnte. Erst vor kurzem habe ich bei Jonathan Haidt in »The Righteous Mind« gelesen, dass Konservatismus und Progressivismus keine Fragen von richtig und falsch sind, sondern Kräfte, die wechselseitig aufeinander angewiesen sind. Wie Yin und Yang würde man sagen, wenn es nicht so vulgär-esoterisch klänge. Und Vorsicht: Dann funktioniert die Abstoßung natürlich auch umgekehrt. I owe a lot to Obama.

Die Stellung des Menschen im Kosmos auf minimalstem Raum konzentriert. Der Weg von den achtzehn Zeichen dieses Tweets bis zu den hundertvierzig, die Twitter theoretisch erlauben würde, ist wie eine Reise an die Grenzen des Universums.

Baustein für eine zukünftige Struktur der Öffentlichkeit: weniger zwangsläufige Intellektuellenkarrieren. Es müsste sich, idealerweise, in jedem Moment von neuem entscheiden, ob jemand den richtigen Ton getroffen hat, einen Schritt weiter gekommen ist, es verstanden hat, aufs Ganze zu gehen. Wenn ja, hören wir zu, wenn nicht, gibt es genügend andere, denen wir zuhören können. Diese viel flüssigeren Medien, die wir jetzt haben, sollten dafür doch gute Voraussetzungen bieten.

Auf digitale Technik zu verzichten kommt mir inzwischen — aber das war nicht immer so — komplett widersinnig vor. Etwa so als würde man auf fließendes Wasser verzichten oder elektrischen Strom. Oder nein: als würde man sich in eine einsame Hütte ohne Wasser und Strom zurückziehen und außerdem keine Bücher mitnehmen. Das kann man natürlich machen, aber es hat dann doch eher etwas von einer besonders extremen Extremsportart. Schon möglich, dass da Erkenntnisse warten, die sonst auf keine andere Weise zu gewinnen wären. Aber es ist ja auch alles voll von Erkenntnissen anderswo, und ohne das Netz sind die nicht zu haben.

Wir haben alle einen mächtigen Kater nach diesen ersten zehn Jahren Twitter. Aber das hier gibt’s immer noch, kein Zetern und keine Empörung notwendig. Schön wenn’s jemand hinschreibt.

Ich möchte zum Wegzensieren das Wegentfolgen und Wegblockieren hinzufügen, auch wenn ich weiß, dass das nicht auf Zustimmung treffen wird.

Das ist ein Satz wie ein frischer Luftzug in einem stickigen Zimmer. Es gab eine Zeit, in der Leute, die solche Sätze sagten, entgeistert »Spackos« genannt wurden. Ich bin mir nicht sicher, ob das auch heute noch so ist. Ich glaube nicht — auch Leute, die solchen Sätzen nicht zustimmen, sagen das nicht mehr. Und das wäre immerhin ein Fortschritt.

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