Kommunizieren für Fortgeschrittene

Foto: Richard Corfield, CC-BY-NC

Wir wissen nicht genau, was mit unseren Kommunikationsgewohnheiten passiert ist, aber eine »Digitalisierung« ist es jedenfalls nicht. Digital kommunizieren wir schließlich schon seit dem Jahr 1830 — dem Jahr, in dem der Morsetelegraf erfunden wurde, mit seinem zweiwertigen Code aus kurzen und langen Signalen. Und seit dem Jahr 1870, als die ersten interkontinentalen Telegrafenkabel verlegt wurden, kommunizieren wir weltweit digital. Es ist nicht klar, was genau sich ausgerechnet in den letzten paar Jahren verändert haben soll, das uns das Gefühl gibt, als sei etwas ins Rutschen geraten, als hätte gerade eben erst eine Umwälzung aller unserer Kommunikationswege eingesetzt, deren Ausmaß wir noch kaum abschätzen können.

War es das Internet, dessen erste Transatlantikkabel in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts gezogen wurden? Oder wäre doch alles weitgehend beim Alten geblieben, wenn nicht 2007 das Smartphone erfunden worden wäre, das die weltweite, augenblickliche Vernetzung bis an unseren Körper heranholte? War der entscheidende Schritt das World Wide Web, das aus dem abstrakten Internet einen intuitiv erfahrbaren Hyperraum machte? Oder geschah der eigentliche Umbruch doch erst mit Facebook, das Milliarden von Menschen mit ihrem wirklichen Namen und ihrem wirklichen Leben ins Netz holte?

Wir wissen nicht, was es genau war, das den Umbruch auslöste. Und wir wissen noch nicht einmal, worin der Umbruch genau besteht. Dazu sind wir ihm historisch zu nahe. Aber wenn schon der Begriff, mit dem wir die Ereignisse üblicherweise bezeichnen, die »Digitalisierung«, so offenkundig falsch und nichtssagend ist, wird es gut sein, möglichst bescheiden zu bleiben und sich an die Beschreibung der Phänomene zu halten. Was hat der Fortschritt mit unserer Kommunikation gemacht?

Hier ein Versuch: Wir kommunizieren jetzt augenblicklich, allgegenwärtig und asynchron, und wir kommunizieren außerdem kostenlos, kanalvariant und öffentlich.

Augenblicklich heißt: ohne Verzögerung. Ein elektrisches Signal braucht nur einen Sekundenbruchteil, um die Erde zu umrunden. Solange wir als Zivilisation diesen Planeten nicht verlassen, wird keine Nachricht mehr nennenswerte Zeit brauchen, um ihren Empfänger zu erreichen. Signallaufzeiten von Tagen oder auch nur Minuten, und damit die Möglichkeit, auf der Erde in voneinander getrennten Zeitblasen zu existieren, sind Vergangenheit — prinzipiell schon seit Jahrhunderten, aber inzwischen auch in der individuellen, alltäglichen Kommunikation.

Wirklich augenblicklich wird die Kommunikation aber erst dadurch, dass sie auch allgegenwärtig ist. Seit den neunziger Jahren haben wir Mobiltelefone, seit dem Jahr 2007 das Smartphone. Damit wird die Kommunikation zur Fortsetzung unseres Körpers, verwoben mit jeder Sekunde unseres Alltags. Es lohnt sich, darauf zu achten, was genau wir mit unseren Smartphones tun. Es sind nämlich nur wenige Dinge darunter, die wir nicht auch mit einem stationären Computer tun könnten, aber durch das Smartphone tun wir sie überall, jederzeit, und von einer Sekunde auf die andere. Nicht einmal der Laptop, ein selber schon höchst mobiles Gerät, hat diesen Grad der Verwobenheit mit der Gegenwart hervorgebracht.

Foto: Gregor Gruber, CC-BY-NC-ND

Mit dieser Allgegenwart wuchs die Sorge vor ständiger Erreichbarkeit. Wir haben Angst, zu Sklaven der Kommunikation zu werden. Tatsächlich tritt eher der umgekehrte Effekt ein: Die Kommunikation verlagert sich zunehmend auf textbasierte Formen, die asynchron sind. Es ist nicht mehr erforderlich, dass die Gesprächspartner gleichzeitig miteinander reden, sondern Unterbrechungen von Minuten, Stunden oder Tagen gelten als normal und müssen nicht einmal angekündigt werden. Telefonanrufe, der Prototyp der synchronen Kommunikation, werden dagegen immer mehr als Belästigung und unzulässige Inanspruchnahme des Gegenübers empfunden. Das Klingeln der Mobiltelefone, in den neunziger Jahren ständig und überall zu hören, ist wieder weitgehend aus dem Alltag verschwunden.

Damit hat eine verblüffende Emanzipation stattgefunden. Früher hing die Erreichbarkeit von externen Faktoren ab: Man war erreichbar, wenn man zuhause oder am Arbeitsplatz war, und man war nicht erreichbar, wenn man da nicht war. Erst ab dem Jahr 1987 wurde es überhaupt möglich, den Stecker eines Telefons aus der Wand zu ziehen und es damit zu deaktivieren. Davon abgesehen konnte man nur das Klingeln ignorieren und den Hörer nicht abnehmen, aber das galt, wenn jemand davon Wind bekam, als sozialer Affront und war erklärungsbedürftig. Und wer im Büro nicht telefonisch erreichbar war, machte seine Arbeit nicht richtig.

Foto: Jan-Hendrik Caspers, CC-BY-SA

Grundsätzlich unerreichbar war man dagegen überall sonst. Diese erzwungene Erreichbarkeit und Unerreichbarkeit hielten wir für Freiheit und das bewegliche Telefon für ihre Bedrohung. Tatsächlich ist es umgekehrt: Die Erreichbarkeit ist jetzt vollständig ins Ermessen jedes einzelnen gestellt und kann von Moment zu Moment neu entschieden werden. Sofern wir damit umzugehen wissen, verfügen wir faktisch über größere Zeitsouveränität als früher. Möglich, dass wir jetzt öfter kommunizieren — viel öfter vielleicht. Aber wir tun das, weil wir es wollen, und nicht, weil wir es müssen.

Dass wir jetzt augenblicklich, allgegenwärtig und asynchron kommunizieren, gehört also zusammen und bedingt sich gegenseitig. Allerdings ist das auch nur darum möglich, weil es kein Geld kostet. Wir kommunizieren kostenlos, und das in einem doppelten Sinn. Erstens steht jedem, der mit dem Internet verbunden ist, das gesamte Netz vollständig zur Verfügung. Egal welcher andere Knoten erreicht werden soll, ob im Nebenzimmer oder auf einem anderen Kontinent, es fallen für die einzelne Verbindung — das Aufrufen einer Webseite, das Verschicken einer E-Mail — keine direkten Kosten an. Wir haben uns daran bereits so sehr gewöhnt, dass es kaum mehr glaubwürdig scheint, dass interkontinentale Telefongespräche noch vor dreißig Jahren so gut wie unmöglich, weil unbezahlbar waren.

Aber auch die nicht ganz so direkten Kosten, die Grundgebühren für den Anschluss ans Netz, sind vernachlässigbar. Ein einfaches Endgerät, Smartphone oder Laptop, kostet kaum hundert Euro, die monatliche Netznutzung weniger als die Hälfte davon. Das ist weniger, als ein Mensch für Nahrung oder Miete ausgibt. Man kann es an den Flüchtlingen dieses Jahrhunderts sehen: Sie haben Smartphones, aber nicht, weil es ihnen zu gut geht. Das Smartphone ist nach der Sicherung der elementarsten Bedürfnisse wie Nahrung und Kleidung schlicht der nächst-wichtigste, nächst-unverzichtbarste Gegenstand, dessen Kosten-Nutzen-Rechnung alles andere in den Schatten stellt.

Das Kommunikationsnetz hat damit den Status einer überall vorhandenen, aber gerade darum nicht weiter auffälligen Infrastruktur erreicht, ähnlich wie das Abwassersystem oder elektrisches Licht. So ist auch die Tatsache einzuordnen, dass noch nicht alle Menschen Zugang zum Netz haben. Es haben auch nicht alle Menschen ausreichend Trinkwasser, Nahrung oder Bildung. Aber das ist kein Grundmerkmal der Zivilisation, sondern ein Missstand, zu dessen Behebung die Zivilisation gerade da ist.

Man muss dabei aufpassen, nicht Deutschland als Maßstab zu nehmen. Die Netzversorgung in Deutschland ist für eine Industrienation ungewöhnlich schlecht, und das wiederum ist nur eine von vielen Erscheinungsformen einer Technikskepsis, die so unerklärlich wie unübersehbar ist. Kein anderes Land tut sich so schwer mit der »Digitalisierung«, in keinem anderen Land wird »Digitalisierung« überhaupt als Begriff diskutiert, gerade so, als würde es sich um ein abgrenzbares Phänomen handeln, das man befürworten oder ablehnen könnte. Es wird eigener Untersuchungen bedürfen, um herauszufinden, wie es zu dieser sonderbaren Verweigerung kommen konnte. Im internationalen Vergleich ist sie nicht mehr als eine Kuriosität.

Verändert haben sich außerdem die Sinneskanäle, über die wir kommunizieren, und wenn ich das mit dem etwas ungelenken Adjektiv kanalvariant bezeichne, dann nur, um das inzwischen bis zur Unkenntlichkeit überstrapazierte Wort multimedial zu vermeiden.

Die Schrift wird zum Echtzeitmedium. Bisher war sie das klassische Medium der Distanz, weil die Zeit, die man zum Verfertigen und Ausliefern von Schrift brauchte, nach Stunden, Tagen oder Monaten rechnete. Das ändert sich im zwischenmenschlichen Bereich, wo instant messaging als schrift-basierte Kulturtechnik zunehmend den Echtzeit-Ton, also das Telefongespräch, verdrängt. Die Schrift stößt dabei an Grenzen und wird entsprechend erweitert: durch Emojis und das Einbetten von kurzen Videosequenzen in den Schriftstrom.

Aber auch in der Öffentlichkeit wird die Schrift echtzeitfähig. Man merkt es bei rapide sich entwickelnden Ereignissen wie Wahlausgängen, Flugzeugabstürzen oder anderen Katastrophen: Sie lassen sich in schriftlicher Form schneller, dichter und präziser berichten als es das Fernsehen, einst das klassische Live-Medium, mit seinen sprechenden Köpfen und sprachlosen Live-Bildern vermag. Jede Sondersendung, jeder »Brennpunkt« wirkt unbeholfen und täppisch gegen das, was zeitgleich in schriftlicher Form im Netz erscheint. Zwar schrieben fähige Journalisten auch früher ihre Texte fast in Echtzeit, aber die Durchgabe an die Redaktionen per Telefon oder Fernschreiben, die Verzögerung bis zum Anlaufen der Druckmaschinen und die Auslieferung an die Empfänger setzten Grenzen, die für Jahrhunderte unüberwindbar waren.

Jetzt fallen diese Grenzen, und es sieht nicht gut aus für die synchronen Bewegtbilder. Selbst das Video-Telefonat, noch in den siebziger Jahren als Zukunftsikone bestaunt, erscheint heute belanglos und wird selten genutzt. Ganz anders dagegen die asynchronen Bewegtbilder: YouTube ist ein Kosmos aus Millionen von asynchronen Fernsehkanälen, die enzyklopädisches Ausmaß annehmen. Die Erzählform der Langzeit-Fernsehserie hat sich parallel zum Aufkommen des asynchronen Fernsehens entwickelt. Entsprechendes passiert beim Ton: Der Podcast, also asynchrones Audio, etabliert sich als journalistische Form. Hörbücher werden verstärkt genutzt — nicht zuletzt darum, weil ihre Übermittlung keine nennenswerte Zeit oder Kosten mehr bedeutet, und weil wir auf elektronischen Lesegeräten reibungslos zwischen Selberlesen und Vorgelesenbekommen hin und her wechseln können.

Dabei sind die Kategorien Schrift, Bild und Ton nur sehr grobe Klassifizierungen. In rascher Folge sind in den letzten Jahren die unterschiedlichsten Dienste und Plattformen entstanden, die sich oft nur in Details unterscheiden, aber diese Details bringen völlig unterschiedliche Kommunikationsmuster hervor. Beispiel Twitter: Die Idee, Nachrichten auf 140 Zeichen zu beschränken, war ein technischer Zufall, der einen völlig eigenen Kommunikationsstil hervorbrachte. Beispiel Snapchat: Die Entscheidung, Videos nach vierundzwanzig Stunden wieder zu löschen, machten den Dienst extrem populär bei Jugendlichen. Er ist eine Möglichkeit, sich auszudrücken, ohne sich festlegen zu müssen — in einem Netz, das normalerweise nichts vergisst. Beispiel Facebook: Die symmetrische Struktur des Kontaktgraphen (»Freundschaft«) führte zu einer völlig anderen Art der Nutzung als bei Twitter mit seiner asymmetrischen Follower-Beziehung.

Foto: Sascha Kohlmann, CC-BY-SA

Keiner dieser Effekte ist vorhersehbar gewesen, keiner im Detail geplant worden. Wir wissen, mit anderen Worten, noch wenig darüber, wie wir im Netz Strukturen schaffen können und was diese Strukturen für Auswirkungen haben. Von einer Hochkultur des Netzes sind wir weit entfernt. Wilder Westen passt eher.

Es ist kein Zufall, dass hier unter der Hand plötzlich von öffentlicher und nicht mehr nur von privater Kommunikation die Rede ist. Der Übergang ist tatsächlich fließend geworden. Oft ist es nur eine Schalterstellung, die entscheidet, ob eine Nachricht an einen einzelnen Empfänger, an eine Gruppe, oder an die ganze Welt geht. Genauso wie jeder Widerstand weggefallen ist, eine einzelne Person zu erreichen, genauso gibt es weder technische noch ökonomische Widerstände mehr, niemand bestimmten zu erreichen, also alle.

Diese Erfahrung verschlug vielen zunächst die Sprache. Wir sahen das Textfeld bei Twitter oder Facebook und fragten entgeistert: Was soll das? Was soll ich niemand bestimmtem, also der ganzen Welt, mitteilen, und wen sollte das interessieren?

Beim Autor eines gedruckten Textes fragen wir nicht, wie er auf diese Idee kommt. Wahrscheinlich liegt das daran, dass hier Vermittlungsinstanzen im Spiel sind: ein Redakteur, ein Verlag, die ökonomische Hürde der Vervielfältigung. Es wird, wenn wir einen Gegenstand in den Händen halten, der alle diese Hürden genommen hat, schon eine Bewandtnis damit haben.

Weil das Veröffentlichen bis vor sehr kurzer Zeit ökonomisch aufwändig war, ließ sich nur soviel veröffentlichen, wie realistischerweise an zahlende Leser abgesetzt werden konnte. Weil nur das, was es durch die Schleusen der Verlage hindurch schaffte, tatsächlich in der Öffentlichkeit erschien, konnte der Fehlschluss entstehen, dass es auch nichts anderes gab, was diese Öffentlichkeit wert gewesen wäre. Die Verlage beschützten die Öffentlichkeit vor dem, was ihrer nicht würdig war.

Schon die Tatsache, dass auch die erfolgreichsten Autoren oft hunderte von Absagen bekamen, bevor sie durch Zufall »entdeckt« wurden, lässt ahnen, dass diese Geschichte nicht stimmen kann. Tatsächlich glich die Öffentlichkeit bislang eher einem Feudalsystem, in dem das Privileg des Zugangs durch Akte der Willkür verliehen wurde. Ein Autor begann im Nichts, und er konnte dieses Nichts nur verlassen, wenn er einen Lehnsherren, den Verleger, für sich einnehmen konnte. Sprach der Verleger ihm das Recht zu, in der Öffentlichkeit zu erscheinen, kam das einem Ritterschlag gleich. Dieser Ritterschlag wurde besiegelt, und zwar mit dem gedruckten Buch — einer Reliquie, die Normalsterbliche nicht herstellen konnten.

Dieses System wird jetzt hinfällig. Niemand hat das besser ausgedrückt als Clay Shirky, als er feststellte: »Verlegen ist kein Beruf mehr, sondern ein Knopf. Es gibt einen Knopf, auf dem steht ›Veröffentlichen‹, und wenn man da draufdrückt, ist es erledigt.«

Foto: Schwedische Nationalbibliothek, CC-BY

Die Folge ist eine bislang beispiellose Demokratisierung der Öffentlichkeit. Das heißt: So ganz ohne Beispiel ist sie nicht, denn wenn wir zurückgehen bis an den Punkt, an dem die gegenwärtige Feudalöffentlichkeit entstand, die ihrerseits ein noch viel restriktiveres System der Öffentlichkeit ersetzte, finden wir viele Gemeinsamkeiten. Dieser Punkt ist die Erfindung des Buchdrucks. Damals änderte sich nur ein einziger Parameter: die Geschwindigkeit, mit der es möglich war, eine Kopie eines Textes herzustellen. Das war genug, um einen Jahrhunderte währenden Umbruch auszulösen, in dem die Schrift von einer Technik der Eliten zum Allgemeingut wurde.

Lobeshymnen wurden auf diese Erfindung gesungen, aber gleichzeitig gab es Warnungen. Die Qualität der Überlieferung, so hieß es zum Beispiel, sei in Gefahr, weil Fehler sich jetzt identisch in jeder Kopie wiederfinden würden, statt wie bisher stillschweigend bei der nächsten Abschrift korrigiert zu werden. Unerhört auch, dass sich jetzt Menschen ohne Akkreditierung der Kirche zu Wort melden konnten, also ohne die dafür unabdingbare Ausbildung. Und noch schlimmer: Jeder würde es lesen können.

Diese Einwände muten uns heute belächelnswert an, aber aus ihrer Perspektive hatten die Mahner nur allzu Recht. Fast sofort entstand Chaos. Zweifelhafte Traktate erschienen. Schund wurde gedruckt. Autoritäten kamen ins Wanken, das Monopol der Kirche zerbrach, es kam zur Reformation und zum Dreißigjährigen Krieg. Noch einmal hundert Jahre sollte es dauern bis zur Aufklärung — alles undenkbar ohne den Buchdruck, die Änderung eines einzigen Parameters.

Fast forward nach heute. Seit wenigen Jahren werden wir Zeuge, wie sich mehrere Parameter verändern: komplette Augenblicklichkeit und Allgegenwart, Wegfall aller ökonomischen Hürden, Auffächerung der Sinneskanäle. Was mag das für Folgen haben? Wir befinden uns jetzt, zehn Jahre nach der Erfindung von Facebook und Smartphone, noch mitten im Epizentrum dieser Erschütterung, aber die Welle zeigt bereits Konturen.

Genau wie bei der Erfindung des Buchdrucks erleben wir ein explosionsartiges Ansteigen der Kommunikation, jedenfalls was ihre schiere Menge betrifft. Und fast im selben Augenblick kommen Autoritäten ins Wanken. Keine Verschwörungstheorie ist abstrus genug, als dass sich nicht Unmengen von Belegen im Netz finden ließen. Und ihre Anhängerschaft wächst. Das Video eines Impfgegners sieht genauso überzeugend aus wie die Tagesschau. Krankheiten, die wir längst besiegt geglaubt hatten, flackern wieder auf. Echte Nachrichten sind nicht mehr von falschen zu unterscheiden. Politikern können durch digitale Simulation Worte in den Mund gelegt werden, die sie nie gesagt haben. Der Konsens einer demokratischen, aufgeklärten Gesellschaft erweist sich als — sagen wir es vorsichtig — nicht über jeden Zweifel erhaben.

Es ist gleichgültig, ob das Netz diese ungewohnten Ansichten hervorbringt oder nur etwas sichtbar macht, das immer schon unterhalb des Radars der Feudalöffentlichkeit existierte. Fest steht, dass wir uns jetzt damit auseinandersetzen müssen. Im günstigsten Fall entsteht etwas wie eine neue Aufklärung daraus, die durchaus ein paar Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte brauchen könnte. Im ungünstigsten werden wir von einer Woge entfesselter, bedeutungsloser Kommunikation überrollt, die alle Pfeiler der Kultur mit sich reißt, und das würde bedeuten, dass die besten Tage der Menschheit bereits hinter uns liegen.

Foto: Takashi Sawa, CC-BY-NC

»Wir konstruieren in großer Eile einen magnetischen Telegrafen von Maine nach Texas, aber Maine und Texas haben einander, möglicherweise, gar nichts wichtiges mitzuteilen,« schrieb Thoreau um 1850. Und wer wollte mit ihm streiten? Das wäre ein schlechter Philosoph, der nicht nachweisen könnte, dass alles nur »verbesserte Wege zu einem unverbesserten Ziel« sind, wie Thoreau ebenfalls schrieb, und dass die Fortschritte der Menschheit kleiner sind, als sie es sich glauben machen möchte.

Aber darum geht es nicht. Es ist nicht an uns, zu entscheiden, ob das, was wir sagen wollen, sinnvoll ist. Wir müssen es nur zu sagen versuchen.