Design Thinking für alle –

Karl-Wilhelm Lagemann
Nov 1 · 4 min read

Wie inklusiv ist Design Thinking?

Innovationsmethoden wie Design Thinking leben von den Synergien, die sich aus der Kollaboration von Menschen unterschiedlicher Disziplinen und Kulturen ergeben. Diversität gilt als Garant für die Generierung vielfältiger Ideen, die als Produkte und Dienstleistungen zum Gradmesser für die Innovationskraft von Organisationen des privaten und öffentlichen Sektors werden. Doch wie gestaltet sich diese Vielfalt im Rahmen von Projekten und Workshops? Wie inklusiv ist der Design Thinking Ansatz für Menschen, die beispielsweise einem Ausbildungsberuf nachgehen und sich somit zuvor gegen eine (hoch) theoretische Ausbildung entschieden haben?

Design Thinking kommt aus einem universitären Umfeld. Die erste School of Design Thinking wurde 2004 an der Stanford University in Kalifornien gegründet. 2007 entstand schließlich der deutsche Ableger an der Universität Potsdam. Und auch in den Workshops sind es vor allem studierte Teilnehmende, die ihre Bastelfreude wiederentdecken oder sich beim Brainstorming auch mal auf den Boden legen bzw. als Ideenzug durch die Gegend fahren. Doch wie sieht es mit handwerklichen und technischen Ausbildungsberufen aus, in denen es oft darum geht, sich an ein striktes Regelwerk zu halten, weil alles andere fatale Konsequenzen haben könnte? Für die Fahrdienstleiter*innen im Zugbetrieb, die sich um die richtig gestellten Weichen kümmern und kaum bis gar keinen Kundenkontakt haben oder die Buchhalter*innen, die dafür Sorge tragen, dass am Ende die Zahlen stimmen? Eignet sich Design Thinking auch für diese Gruppen?

Um diese Frage beantworten zu können, gilt es wohl auch hier eine nutzerzentrierte Perspektive einzunehmen. Schließlich geht es im Design Thinking nicht nur dann um den Nutzer, wenn am Ende des Prozesses eine nutzerzentrierte Produktlösung herauskommen soll. Das Team und seine Bedürfnisse sind von ebenso großer Bedeutung, denn im richtigen Umfeld lässt es sich eben am besten arbeiten. „Richtig“ heißt in diesem Zusammenhang, wenn jedes Teammitglied in der Lage ist bzw. das Gefühl hat, sich einbringen zu können. Der theoretische Hintergrund genauso wie Konzepte wie Persona, semantische Analyse oder die richtige Interviewtechnik bevorteilt jedoch diejenigen, denen in ihrer Ausbildung entsprechende Trainings und Denkweisen vermittelt wurden. Dabei sind die Erfahrungen und das Wissen das mit der Ausübung eines oft eher praktischen Ausbildungsberufs einhergehen, genauso wichtig, wie das der Marketing und HR Abteilungen oder das des Managements. Wichtige Fragen, die es deshalb zu bedenken gilt, sind:

Wie könnte ein auf Ausbildungsberufe zentrierter Design Thinking Ansatz aussehen? Was geht verloren, wenn Ausbildungsberufe nicht miteinbezogen werden? Wie kann der Mehrwert von Innovationsverfahren für den Ausbildungsberuf vermittelt werden? Wie können Problemstellungen gefunden werden, die von allen Angestellten als gleichermaßen relevant verstanden und empfunden werden?

Die richtige Challenge

Bei der Auswahl der Challenge beispielsweise im Rahmen eines Design Thinking Workshops lohnt es sich, darüber nachzudenken, welchen Wirklichkeitsbezug die Challenge für die einzelnen Teilnehmenden hat — denn entstehen an dieser Stelle Vorfreude und Begeisterung können erste skeptische Zweifel ausgeräumt werden. Vor allem der erste Teil des Design Thinking Prozesses ist oft mühsam, wenn auf einem sehr abstrakten Level Sachverhalten analysiert und Hypothesen aufgestellt werden sollen — vollkommen unabhängig davon, ob jemand promovierte*r Ingenieur*in ist oder nicht. Die praktischen Interviews und Beobachtungen der zweiten Phase führen dagegen häufig zu einem gewissen Enthusiasmus, da die Menschen, die interviewt werden, oft von positive Erfahrungen mit dem jeweiligen Unternehmen berichten. Was mich zum nächsten Punkt bringt.

Interdisziplinarität und Cross-Funktionalität

Die Kunst der richtigen Interviewführung ist zweifelsohne mit viel Erfahrung verbunden. Während es heute nichts Ungewöhnliches ist, schon in der Schule in den Genuss zu kommen, für ein Projekt Interviews zu führen, sind quantitative und qualitative Erhebungsverfahren mit einem gewissen Tiefgang erst Gegenstand des Studiums. In Fächern wie der Psychologie oder den Sozialwissenschaften machen sie sogar einen erheblichen Teil der Studieninhalte aus. Da die Qualität der Interviews einen erheblichen Einfluss auf alle Folgeschritte des Design Thinking Prozesses hat, bietet es sich an, im Vorfeld zu prüfen, wer fortgeschrittene Kenntnisse im Umgang mit Interviewtechniken hat, um die Teams dann nicht nur interdisziplinär sondern auch entsprechend ihrer Kenntnisse in besagtem Bereich cross-funktional einzuteilen. So kann in der Beobachtungsphase auf diese Fähigkeiten zurückgegriffen werden und von einander gelernt werden.

Im Umkehrschluss wäre für die Phase der Prototypenentwicklung zu überlegen, ob das Material so ergänzt werden kann, dass auch einem Handwerker oder Elektriker das Herz aufgeht. Wieso nicht mal ein zwei einfache Elektrobaukästen, leichtes Holz, Hämmer und Nägel mitnehmen? Und ja ich weiß, dass das Material gelegentlich selbst geschleppt werden soll, aber wäre es das nicht wert?

Sprache

Als Coaches haben wir gelegentlich die Tendenz, die englischen Termini des Design Thinking ohne Übersetzung zu übernehmen. An der einen oder anderen Stelle lässt es sich schlicht auch nur schwer vermeiden, den englischen Begriff zu verwenden, z.B. wenn vom iterativen Prozess die Rede ist oder von einer Persona. Eine Sensibilisierung für die Schwierigkeit einer Übersetzung dieser Begriffe kann am Anfang des Projekts/Workshops geschaffen werden. Im Idealfall etabliert sich eine Atmosphäre, in der es vollkommen legitim ist, nachzufragen, wenn Begrifflichkeiten nicht klar sind. Auf der Coaching Seite hingegen kann bei der Verwendung von englischen Termini versucht werden, einen erklärenden Satz mitzuliefern und sich selbst bewusst zu machen, dass der Umgang mit dieser Art von Sprache nicht in jedem Beruf Gang und Gäbe ist.

Um das volle Potential von Vielfalt, das mit dem Design Thinking einhergeht, auszuschöpfen, ist es wünschenswert, darüber nachzudenken, wie der Ansatz noch inklusiver werden kann. Die drei oben genannten Punkte können einen ersten Ansatz liefern, haben jedoch keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. In diesem Sinne lasst uns über ein „Design-Thinker-zentriertes Design Thinking“ nachdenken!

Mehr zu uns unter www.innovationskulturplus.de

    Karl-Wilhelm Lagemann
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