Auslöser

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Im Urlaub auf der anderen Seite des Ozeans, bei der Besteigung einer Sehenswürdigkeit, fand ich den braunen Umschlag. Neben ausgetretenen Stufen im Glockenturm steckte er unter einem Gestänge, das ich nicht gesehen hätte ohne meine Höhenangst, die mich in die Knie zwang. Im Umschlag? Waren Polaroids.


I.

Photos: Lutz Schramm: http://www.flickr.com/photos/lutzschramm

Die Ausfallstraße aus der Stadt. Erst noch gesäumt von Wohnhäusern, später Autohäuser und noch später steht da ein aberwitzig großes Chinarestaurant mit roten Plastikdrachen davor. Wo kann es so viele Menschen geben, die alle auf einmal chinesisch essen wollen?
Die gelbe Farbe der beiden Linien auf der Straße ist glatt, warm, hat sich aufgeheizt in der Sonne. Durchbrochen von Rissen bis auf den Asphalt. Wenn man ihnen noch näher kommt, sehen sie aus wie kleine Landschaften.

Robert hebt das Geldstück auf, das ihm aus der Brusttasche des Hemdes gefallen ist, als er sich herunter beugte, um die gelben Linien zu berühren.
Seit Tagen hat er sie unter dem Auto verschwinden sehen. Vor dem Wagen her fließend, als würden sie zu einem Ziel führen. Dabei führen sie überall hin.
Er richtet sich auf. Am vermeintlichen Ende der Straße, dort wo sie abfällt, leicht, beginnt die nächste Stadt. Hellgrau formen sich Umrisse von Häusern vor dem Sommerhimmel.
„Noch ein paar Frühlingsrollen bevor es losgeht?“ Bennies Stimme reißt Robert aus seinen Gedanken. Eines der Dinge, die sie unterscheidet: Bennie kann immer essen. Besonders wichtig aber ist ihm Essen, wenn er aufgeregt ist. Als wolle er seinen Körper versorgen für Alles, was da kommen könnte. Während ihm, Robert, der Hals wie zugeschnürt ist, angesichts der Ungewissheit. Denn sicher ist nichts. So viel steht fest. Und das hatten sie gewollt. Aus unterschiedlichen Gründen.
Aber im Moment ist wichtig, was sie gemeinsam haben. Weg zu wollen. Neu ankommen. Wenigstens den Versuch wagen.
Geht Ankommen nicht nur dort, wo man empfangen wird? Von Menschen die darauf brennen, einem zu erzählen was passiert ist, während man weg war? Doch genau das treibt sie in die Arme der neuen Stadt - die Hoffnung auf Leere, die Abwesenheit von Geschichten, in die sie verstrickt sind. Die neue Stadt hält ihre Arme verschränkt. Zumindest fühlt es sich hier, kurz vor ihren Toren, so an. Beschienen von der Sonne des ewig gleichen Tages.

Dieser Moment der Freiheit - das Losgelöst sein vom Alten und noch nicht Verknüpft sein mit dem Neuen - ist der Höhepunkt jeder Reise. Das Dazwischen zwischen Bedeutungen. In diesem kurzen Moment, in dem sich Erinnerungen und Erwartungen aufheben, weil Startpunkt und Ziel gleich weit entfernt sind, scheint alles möglich. Alles - aber nur bis zum nächsten ersten Schritt - der schon eine Entscheidung ist.

II.

Kein roter Teppich. Nur roter Kies liegt rechts und links neben dem Weg, der in die Kirche führt. Sie ist klein: eine Tür, ein Dach, eine Glocke darüber, die Mauern sind weiß getüncht. Davor ein weißer Zaun. Es ist der Zaun, der ihn erschreckt. DER weiße Zaun amerikanischer Vorgärten, der Vorstadtidyllen genauso zusammenhält wie Glaubensgemeinden. Auf ewig bindet. Auf ewig.
Alles an diesem Tag hat die gleiche Farbe. Graubraun der Himmel, der Asphalt, die Bäume, die Bretter des Holzschuppens in dem ein Rasenmäher und zwei alte Fahrräder gemeinsam rosten. Als gäbe es in dieser Gegend keinen Bedarf an Fahrzeugen, mit denen man das Weite suchen kann. Schnell. Weg.
Vor diesem Hintergrund leuchtet die Kirche, hell, wie das Schicksal am Horizont, wie eine Tür zum Licht, auf das er sich unvermeidlich zubewegt.

Auch die Markierungen auf dem Platz vor der Kirche, für das Einfädeln der Autos, sind weiß. Alle werden kommen, in ihren guten Sachen. Auf gut gekauft für viele Jahre und deswegen seltsam zeitlos unmodern. Maureen wird ihm entgegen lächeln, hinter ihrem Schleier, der im Gegenlicht der Sonne leuchtet. Das Gefühl, ihr eine Freude zu machen, wird ihn beruhigen. Und zusammen werden sie hineingehen. Durch die Reihen der Familie, keiner fröhlich, aber in ihren Erwartungen beruhigt. Die Männer werden ihm zunicken, ein Nicken, das von etwas Schwerem kündet, das vor ihm liegt. Bis das der Tod euch scheidet. Auch dem Tod wird die kleine weiße Kirche den Rahmen geben. Sie ist der Ort für die großen Momente des Lebens hier.
Sollte sein Leben nicht größere Momente bereithalten? Zu groß für die kleine weiße Kirche? Zu groß, als das eine Glocke davon erzählen könnte? Rauschende innere Orchester an Stränden, das tiefe Beben eines riesigen Gongs über einsamen Bergtälern - für Gefühle, zu groß für diesen Ort. Etwas, das in keiner der Erwartungen der hier Lebenden Platz findet.

Ein Foto noch, dann tritt er die Zigarette aus, wendet und fährt los. Ohne einen Blick in den Rückspiegel. Bennie wartet am Abzweig der Waldstraße. Er wird vom Holzstoß springen, sie werden sich angrinsen und nichts sagen. Denn der Entschluss ist gefasst.

III.

In dem Moment, als er das Diner verlässt, passiert es. Alle Ampeln der Kreuzung springen auf Rot. Ein Fehler in der Schaltung, aber für die, die ihn erleben, fühlt es sich anders an. Als hätte ein geheimnisvoller Arm die Welt angehalten. Die Straßen bleiben leer, weder Autos noch Menschen bewegen sich. Für wenige Sekunden hält diese Erstarrung an.
Geistesgegenwärtig hält Bennie sein Telefon hoch und drückt auf den Auslöser, bevor ein allgemeines Vortasten, Lospreschen und Hupen einsetzt. Für ihn ist das kein Fehler, sondern ein Zeichen. Mehr noch, eine Zäsur. Die sein Leben unterteilt - in den Teil vor dem Treffen mit seinem Vater und dem Teil, der jetzt beginnt.
Sein Vater. Vermutlich sitzt er noch vor seinem Teller hinter den Fenstern mit den roten Markisen. Bennie gefällt die Vorstellung, dass er noch auf die Tür starrt, durch die sein Sohn eben gestürmt ist. Aber wahrscheinlich telefoniert er schon wieder und winkt gleichzeitig ungeduldig mit seiner Scheckkarte nach dem Kellner, die Anschlusstermine warten.

Bennie hatte nichts Gutes vermutet von diesem Essen, zu dem die Sekretärin seines Vaters ihn vorgeladen hatte. Aber die Mischung aus getroffenen Entscheidungen und Ultimatum war selbst für ihn überraschend. Das Haus, der Ort seiner Kindheit, werde verkauft, das Personal sei bereits entlassen, sein Vater würde hier in der Stadt in der Nähe seiner Firma leben. Er, Bennie, werde studieren, eine kleine Wohnung sei bereits angemietet und bezahlt, unter der Voraussetzung, dass er das Jurastudium abschließt.
„Jura? Dad, Nein!“
„Du bist jetzt erwachsen, Benjamin. Ich weiß, dass deine Mutter da eine andere Auffassung vertreten hat, aber du bist ein Mann und Männer müssen wissen, was sie wollen.“
„ICH muss wissen was ich will, Dad, wollte Bennie antworten. Aber die Erwähnung seiner Mutter, der heiße Stoß des Vermissens, der durch seine Adern jagte, machte ihn stumm. „Tu nichts zu lange, womit du nicht glücklich bist, das musst du mir versprechen“, hatte sie gesagt und dabei liebevoll an seinen Stirnhaaren gezupft. Er merkte kaum, dass er aufstand, sein Vater sah ihn erstaunt an: „Benjamin?!“
Aber da steht er schon auf der Straße.

IV.

„Das Wetter wird schlechter.“
„Macht nichts, wir haben ja ein Dach.“
Bennie liegt auf dem Rücken, sein Blick folgt der Säule bis zum Dach: „So eine Säule hat Zuhause nicht mal die Kirche.“
„Ist ja auch kein Dorf hier.“, murmelt Robert im Halbschlaf.
Bennie verschränkt die Hände hinter dem Kopf: „Und die Gitter da oben? Wofür sind die? Damit der der Totengestank abziehen kann?“
Robert dreht sich belustigt zu ihm um, „Tote stinken nicht.“
„Als ob du das wüsstest, irgendwann stinken die schon. Kennst du das Holzhäuschen in dem der alte Fred die toten Kühe liegen gehabt hat für den Abdecker. Wenn man da im Sommer mit dem Fahrrad...“
Robert unterbricht ihn, „Die ham so viele Tote hier, dass sie die nicht aufheben zum Ankucken oder so. Die verbrennen die gleich. Jede große Stadt hat sowas. Zuhause brauchen die das nicht. Weniger Leute, weniger Tote. Genug Zeit zum Verabschieden. Und dann gehen alle mit zum Grab, wie damals bei Deiner Mum. Aber Du ..., ach egal.“
Sie schweigen.
„Irgendwie unheimlich.“, Bennies Stimme ist ängstlich.
„Du wolltest einen ruhigen Platz zum Schlafen und hier ist heute geschlossen. Also bleibt es ruhig.“
„Morgen verkaufen wir das Auto und suchen uns ein Zimmer.“, Bennie beruhigt sich mit seinem Plan.
Als das Gewitter mit großen Tropfen einsetzt, ziehen sie sich tiefer unter das Vordach des Krematoriums zurück.

V.

Nur noch ein bisschen. Damit für Heute Schluss sein kann. Die innere Talfahrt noch einmal stoppen. Noch ist alles gut, aber dahinter, das weiß er, wartet der Abgrund. Den er früher mal für das normale Leben hielt. Aber seit er weiß, wie hoch, wie dicht, wie euphorisch Fühlen gehen kann, seitdem weiß er, dass es ein Abgrund ist. „Coming down is the hardest thing“, hat einer von seinen neuen Freunden zitiert und ihm kein Geld borgen wollen. Der ist schon länger in der Stadt. „Wer du bist, zeigt sich daran, wie du am anderen Ende der Nacht wieder rauskommst. Kannst du es benutzen oder benutzt es dich?“

Natürlich kann er es benutzen. Rob, wie sie ihn hier nennen, ist sich sicher. Aber dieser fürchterlich helle Morgen, dessen Licht alle Kanten scharf hervortreten lässt, dieser Morgen ist nur durch einen letzten Turn zu stoppen. Freundlicher Nebel, der sich über das Gehirn und alle Konturen legt. Aus einer Flasche in braunem Papier. Aber die wollen Geld und seine Taschen sind leer. Seit Wochen schon. Immer wenn sich etwas ergibt, ..., ach egal. Bennie hat ganz sicher Geld. Fragen kann er ihn später. Wenn er wach ist. Schläft sowieso. Arbeitet sowieso die ganze Zeit. Malocht, als müsste er was vergessen. „Man muss sich seinen Dämomen stellen“, hat Robert ihm gesagt.

Wenn er mit den Jungs unterwegs ist, hat er das Gefühl, das Richtige zu tun. Die können ihn alle mal. Hastig durchwühlt er Bennies Jacke. Kann er ihm ja später zurückgeben. Mit dem Anteil für die Miete. Oder er nimmt ihn mal mit. Täte dem Kleinen auch mal gut. Aber der findet ja Roberts neue Freunde doof. Ist noch nicht angekommen hier. In einer Innentasche knistert es. Ah! Versteckt der sein Geld vor mir oder was? Er zieht die Hand ans Licht, darin ein zerfranstes Stück Papier. Kein Geldschein. Enttäuscht will er weiter suchen, aber das Papier macht ihn neugierig. Er faltet es auseinander. Ein Foto. Die Jahre haben ihm Schärfe und Farbe genommen. Er kennt das große Haus in dem parkähnlichen Garten. Weiß sofort, wie es dort riecht. Bennies Mutter, die ihn freundlich zum Essen einlädt. Geblieben ist er selten und nie gern. Er hasste es, wie alle einfroren, wenn Bennies Vater aus dem Auto stieg. Am Tisch sein Essen mit dem silbernen Besteck zu besiegen schien und dabei bohrende Fragen stellte oder abwesend schwieg.
„Was will der Boulder-Junge immer hier?“, hatte er seine Frau gefragt. Als hätte Robert nicht mit am Tisch gesessen.
„Sie sind befreundet.“, ihre Antwort war leise, als gäbe es etwas zu entschuldigen.

Den Garten um das Haus hatte er immer gemocht. Die alten Bäume, das Gartenhaus mit den verzierten Spiegeln. Bennies Mutter stellte Sträuße von weißen Calas davor auf, ziemlich überkandidelte Blumen für ein Gartenhaus, fand Robert. Aber er mochte die kalten Bratenstücke, die sie Bennie zum Picknick mitgab, der doch immer dürr blieb, egal wie viel er ass. Später hatte Robert manchmal heimlich in dem Gartenhaus geschlafen, wenn er nach langen Partynächten nicht nach Hause wollte.

„Warum hebt er das auf.“, knurrt Robert ungehalten. Man muss doch vergessen können. Sich wenigstens die Chance geben. Vielleicht sollte er ihn einfach mal mitnehmen, wenn er mit den Jungs unterwegs war. Auch wenn Bennie immer sagte, die brächten ihn nicht weiter. Weiter! Robert steigt über Taschen und Sachen, die den Boden des Zimmers bedecken, die Jalousie zerhackt die Morgensonne in Streifen. Bennie schläft, die Decke zwischen Armen und Beinen, wie ein Ertrinkender, der sich an Treibholz klammert. Robert legt sich auf die zweite Matratze am Boden. Lauscht auf Bennies unruhigen Atem. „Wir dürfen nicht aufhören miteinander zu reden.“, denkt er. Morgen frage ich ihn, wie es ihm geht.

VI.

Der Parkplatz hinter dem Walmart ist noch leer. Schon bald werden hier Familien Kleinbus-große Einkaufswagen rangieren, gefüllt mit Essen, unendlich haltbar, verpackt in bunten Folien, bedruckt mit Gewinnspielen und kreischenden Bonusgrößen-Versprechen. Ob Hähnchen oder Duschgel lässt sich von außen kaum noch unterscheiden.
Doch im Moment, kurz vor Beginn der Frühschicht, ist hier nichts bunt. Der Ausschnitt, den die Frontscheibe von der Szenerie gibt, sieht aus wie ein abstraktes Gemälde. Farbflächen in Braun, dominiert von einem Akzent in weiß: WALMART. Die Farben erinnern Bennie an das Polaroid, das er in einem Umschlag mit Fotos bei Robert gefunden hat. Schattierungen von Braun dominiert von einem Akzent in weiß: Die Dorfkirche Zuhause.
„Na, da sind wir ja weit gekommen.“, murmelt Bennie und lacht kurz und ratlos auf. Greift nach seiner Walmart-Uniformmütze. Immerhin schwingt im Braun hier ein warmes Gelb mit, statt dem gewohnten Grau. Auch die Parkleitlinien sind gelb. „Ist das unser Stück Kalifornien, unser Anteil am großen Versprechen?“

In ihrem vollgestopften Zimmer liegt Robert auf der unbezogenen Matratze, Schuhe und seine ewige blaue Cordjacke noch an. Riecht nach Alkohol und macht ängstliche Geräusche im Schlaf. Wozu hebt er diese Fotos auf? „Man muss loslassen können. Stell dich deinen Dämonen.“, Bennie hatte den Älteren immer für diese Sätze bewundert.

Aber jetzt fühlt sich das frühe Aufstehen für einen Job, der gerade mal das Zimmer für sie beide zahlt, nicht anders an, als die viel zu frühe Fahrt mit dem Schulbus zum College. Eigentlich schlechter, sogar. Sie werden reden müssen.


VII.

„Woher kennst du solche Orte?“, erschöpft vom Aufstieg und beeindruckt von der Höhe klammert sich Bennie an das Gestänge der Sonnenuhr.
Robert späht durch ein Loch in der übermannsgroßen römischen Vier, „Und der Blick Mann! Hab ich doch gesagt, dass es dir gefallen wird. Jetzt scheiß dich nicht ein, genieß die Aussicht!“
„Wann findest du sowas nur?“, vorsichtig schaut Bennie über den Rand des riesigen Ziffernblattes.

„Wenn du schläfst.“
„Ich schlafe, weil ich das Geld verdiene, das du mir aus der Jackentasche klaust.“
Schweigend und wütend schauen sie auf den Boden.
„Wir klingen wie meine Eltern.“, sagt Robert leise. „Dabei war es genau das, was ich nie wieder hören wollte.“
„Und ich wollte nicht jeden Morgen aus Pflichtgefühl an den selben Ort müssen und mit Menschen arbeiten, mit denen ich mir nichts zu sagen habe.“
Sie haben das Gefühl, sich gegen den Satz des anderen verteidigen zu müssen und sind gleichzeitig erleichtert, dass er gesagt wurde.
Bennie zieht den braunen Umschlag aus der Tasche.
„Wusste Maureen, dass Du nicht kommen würdest?“
„Hab auch was für Dich.“, Robert legt die Aufnahme eines über und über mit weißen Calas geschmückten Grabes daneben: „Warum warst Du nie dort?“

Vielen Dank an Lutz Schramm, für seine tollen Fotos: http://foto.lutzschramm.eu/