Neues Format für interne Trainings: Cinema

Einer meiner Neujahresvorsätze war es mich verstärkt um die interne Weiterbildung zu kümmern. Als Chief Architekt gehört es zwar nicht direkt zur Stellenbeschreibung aber immer wieder lande ich auch bei Prozess- und Organisations-Themen. Ich arbeite bei einem mittelständischen Softwareunternehmen mit großer, geografisch verteilter Entwicklungsabteilung mit langjährigen Teams. Kaum hatte ich Initiative gezeigt gehöre ich auch schon zur SIG die sich um das Thema Weiterbildung kümmert.

The National Archives UK: Fiftees in 3D

Ich stelle mir vor ich könnte externe Berater, Experten und hochkarätige Vordenker zu internen Vorträgen einladen. Das würde den Mitarbeitern erlauben aktuell zu bleiben, sich weiterzubilden und auch kritisch über alternative Architekturen und Denkansätze diskutieren. Das wiederum fördert auch den Austausch zwischen den Teams. Also abgesehen davon, dass es aus Budget- und Aufwandsgründen nicht möglich ist also ein schöner Traum (nicht Jeder kann sich eine Hauskonferenz wie Google leisten, und selbst wenn soll die Teilnahme für Mitarbeiter ja auch Niederschwellig sein).

Interne Vorträge zur Wissensvermittlung lassen sich mit kleinem Budget abhalten. Bei der Vorbereitung der Schulung kann man etwas lernen und das Thema wird sehr anwendungsspezifisch beleuchtet. Allerdings fehlt dann die externe Sicht oder die Diversität der Ansichten. Vorausgesetzt man findet Freiwillige die Zeit und Motivation haben kann man die Schulungen aber mehr oder weniger erfolgreich abhalten.

Das sind also die Beiden Pole zwischen denen man sich in einem Unternehmen in der Regel bewegt. Und dabei kam ich auf ein neues Format das beide Seiten vereint. Es eignet sich nicht als Ersatz für andere Massnahmen aber als sehr leichtgewichtige Ergänzung. Ich nenne es Cinema (oder Kino). Offensichtlich danach benannt dass sich eine Gruppe von Zuschauern zum Film-schauen trifft.

Die Idee ist ganz einfach: alle 2 Wochen zu einem festen Termin (in unserem Fall Mittwochs vor Feierabend) treffen sich alle Interessierten die gerade Lust und Zeit haben sich in einem Meetingraum um gemeinsam ein Video eines Vortrags oder eines Tutorials anzusehen. Bei uns wird die Software Entwicklung an einem Standort eingeladen. Im Anschluss an den Videovortrag gibt es bei Interesse der Anwesenden noch eine Diskussionsrunde, aber auch Zwischenrufe und Fragen sind gerne gesehen (man kann ja vom Pause Knopf Gebrauch machen).

Wir haben das Cinema jetzt mehrfach erfolgreich durchgeführt, die folgenden Regeln haben sich bewährt:

  • Kleiner Raum mit Sitzplatzlimit (es gibt keine Platzreservierung oder -garantie)
  • Bei jedem Termin gibt es einen neuen Filmvorführenden. Diese sucht das Video aus, richtet die Vorführung ein, bringt Popcorn mit und darf das Video pausieren (oder langatmige Stellen überspringen)
  • Jeder Film wird Montags angekündigt, das Thema wird dabei nur grob umrissen (Sneak Preview, das Video wird vorher nicht bekannt gegeben)
  • Die Diskussion wird nicht aufgezeichnet
  • Vorab müssen keine Präsentationen oder Samples vorbereitet werden: Filmvorführer zu sein soll keine Strafarbeit sein
  • Hinterher wird nur Zusammenfassung und URL im Wiki veröffentlicht
  • Ideal sind 40 Minuten Video, 20 Minuten Diskussion. Der Raum ist als Terminserie für eine Stunde geblockt (wir hatten aber auch schon Videos über eine Stunde)
  • Um möglichst viele Mitarbeiter_innen zu erreichen ist es in der Arbeitszeit. Weiterbildung ist ein wichtiges Unternehmensziel (um den Sparaspekt etwas einzubringen ist es außerhalb der Kernarbeitszeiten)
  • Das Thema des Videos bleibt der Vorführer_in überlassen, es sollte aus dem Bereich Produkte/Technologien, technische Grundlagen, Arbeitsorganisation oder Persönlicher Verbesserung sein. Eine weitere Beschränkung oder Themenfreigabe findet nicht statt, das soll zu ungewohnten Blickwinkeln führen.
  • Ist der Raum voll sollten Kolleginnen die bereits teilgenommen haben für neue Kollegen Platz machen (ist bisher noch nicht vorgekommen)
  • Witzige Kurzfilme als Trailer (“Werbung”) zeigen bis sich der Raum gefüllt hat lockert auf und lockt Zuschauer an
  • Bei der Bewerbung des Events werden konsequent Metaphern aus dem Kinoumfeld verwendet. So bleibt es in Erinnerung: Screening, Sneak, Filmvorführer, Kinosaal(Ort), Werbung, Genossenschaft — jeder kann und soll Kinobesitzer werden und Filme vorführen.
  • Der Filmvorführer sollte nur Videos mit guter Tonqualität (und Untertitel) wählen. Sprache der Videos (de/en) vorher ankündigen
  • Wir führen keine Anwesenheitslisten
  • Da die Durchführung sehr leichtgewichtig ist (und ein fest reservierter Meetingraum mit Präsentationstechnik hilft dabei enorm) sollte jemand darauf achten die Filmvorführer rechtzeitig zu erinnern, im Tagesgeschäft kann das schon mal untergehen
  • Die Zur Organisation des Events geführte Wiki Seite enthält auch eine Linksammlung mit guten Quellen für weitere Videos. Dies hilft zukünftigen Filmvorführern bei der Auswahl von neuen Filmen lädt aber auch Zuschauer die auf den Geschmack gekommen sind selbst dazu ein weiteres zu erkunden

Die Idee dahinter ist, dass qualitativ hochwertige Inhalte vermittelt werden ohne internen Vorbereitungsaufwand und ohne die externe Belastung des Schulungsbudgets. Die internen Kosten sind durch Frequenz und Sitzplätze kalkulierbar (20 Vorführungen mit 12 Sitzplätzen und 1h Länge sind 240 Personenstunden im Jahr für einen Standort).

Kolleg_innen die sonst weniger Interesse daran haben Konferenzen oder Schulungen zu besuchen, die keine Fachbücher oder Magazine lesen oder die sich davor scheuen in der Arbeitszeit beim Videoschauen beobachtet zu werden können so motiviert werden — zumal die Videoauswahl wegfällt und zusätzlich ein Gruppenerlebnis Motivation bringt. Durch einen regelmäßigen, vom Management beworbenen Termin wird auch klar der Stellenwert von Weiterbildung und Innovation kommuniziert.

Das Format ersetzt keine intern vorbereiteten Vorträge oder Workshops, es ersetzt nicht den Besuch von Konferenzen, Barcamps, Code Retreats oder Schulungen. Es ist kein Ersatz für Mentorship, nicht jeder konsumiert gerne Informationen über einen relativ schmalbandigen Kanal wie Videos, aber es ist ein super Zusatzangebot das fast ohne Aufwand sofort umgesetzt werden kann.

Wir hatten bisher 8Vorstellungen, und es zeichnet sich ab dass ein stetiges Interesse da ist, der Raum allerdings auch nie überlaufen ist. Ich mache mir bei der Formulierung der Terminerinnerungen immer etwas Gedanken wie ich neue/andere Personen erreiche, aber man sollte sich glaube auch nicht zu viel Kopf darum machen, es ist schließlich ein freiwilliges Angebot.

Die nächsten Schritte für mich sind ganz klar das Format auch an den weiteren Standorten zu etablieren. Und ich sehe es schon kommen (spoiler alert!), um die Motivation zu steigern lässt sich die Metapher auch auf den Besuch einer echten Filmvorstellung in einem Kino erweitern.

Welche Webseiten oder Videos würden Sie unbedingt für die nächsten Termine empfehlen?