Mein weinender Weltschmerz

[Foto: Blaustichig, Meer an der Küste mit einigen Felsen]

Ich bin erfüllt von Weltschmerz. Immer und andauernd. Das einzige, was variiert, ist die zwischen produktiv und unvermögend schwankende Anwendungsfähigkeit meiner eigenen Mechanismen, mit ihm umzugehen. Weltschmerz, das ist für mich so viel wie die Sensibilität für die Scheißigkeit unseres Planeten oder, besser gesagt, seiner gesellschafts-politischen Seiten. Ich glaube eigentlich nicht an „gut und böse“, aber wenn mich etwas an die Grenzen dieser meiner kleinen Überzeugung treiben kann, dann sind es die leeren Augen Sigmar Gabriels, die er in gierige Kameras hält, es sind Monsanto und Nestlé, es sind steigende Temperaturen und Meeresspiegel, es sind die Leute, die konstruktive Toleranz boykottieren. Und selbstverständlich noch viel mehr. Meine Liste ist unendlich lang und scheint sich täglich zu duplizieren.

Was aber löst so ein Weltschmerz im besten Falle aus? Richtig, den Willen und die Motivation zum Selber-machen und Selbst-in-die-Hand-nehmen.

So fing es dann an vor ein paar Jahren, Mister Weltschmerz noch in Kinderschuhen, wenn überhaupt schon in mir herangewachsen, noch stark überschattet von einer optimistischen Naivität. Blöd war ich nie, aber unwissender und vor allem jünger und weniger dazu in der Lage, mich selbst von meinem Umfeld zu abstrahieren. Im Bewusstsein darüber, dass in der Welt ja doch so einiges schief läuft und im Glauben darüber, dass man wirklich etwas verändern kann, wenn man selbst und am besten auch alle anderen kleine Schritte gemeinsam gehen, trafen sich ein paar Leute meines damaligen Dunstkreises und ich zum Planen einer besseren Zukunft. Immerhin waren wir anfangs circa 15 Leute, bis sich das dann recht fix auf etwa acht dezimierte.

Es ging also darum, irgendetwas zu erschaffen, das dann alles besser machen kann. Und wenn ich sage alles, dann meine ich auch wirklich alles. Interessenmäßig abgedeckt hatten wir da Anti-Sexismus, Anti-Rassismus, Umweltschutz, Tierschutz, Barrierefreiheit und dazu gestreut, ein bisschen über den Tellerrand des Kontextes hinaus, noch ein wenig Kunst, Kommunikation, Kultur und Musik. Damit auch wirklich alle unsere Launen bedient waren. Genauso umfangreich wie unser Themenspektrum zeigte sich auch die Vielfalt an Möglichkeiten, wohin damit: Wollen wir eine Gruppe sein, die andere Gruppen miteinander vernetzt? Oder machen wir so voll unser eigenes Ding mit Festivals, Konzerten, Infoabenden und Workshopevents? Und wie auch immer, was sollen wir denn dann sein? Eher so analog-echt als Jutebeutel oder halt digital und nicht zum Anfassen als Internetseite? Vielleicht fangen wir erstmal mit Facebook an.

Was wir letztendlich wirklich erreichten, war die Einigung auf einen Namen, der, aufgrund ästhetischer Scham, weiterhin im Geheimen verweilen soll. Woran wir danach gescheitert sind, war wohl ein Konglomerat aus Motivationsschwund nach dem ersten Brennen, schlechter Organisation und definitiv einer Überforderung über unseren selbst errichteten Möglichkeitsüberfluss.

Damals ist es allerdings noch nicht an einem oder meinem anderen Blick auf die Welt gescheitert. Während der Monate, in denen wir uns wöchentlich trafen und redeten (und redeten und redeten), erwuchs in mir tatsächlich etwas, das reine Hoffnung überschritt. Es war eine gefühlte Gewissheit darüber, dass die Gleichung auf jeden fall aufgehen wird: Kleine, gemeinsame Schritte führen zum guten Großen und dann gibt es nie wieder Krieg und Klimawandel. Ich erinnere mich noch an das Gefühl. Es war in etwa so, wie wenn man Lotto spielt und sich dann solange ausmalt, was man mit dem Geld anstellen würde, bis sich die Ziele so wundervoll real anfühlen, dass man schon fast ein bisschen überrascht ist, wenn man den großen Jackpot dann doch verpasst. Wie ich schon bemerkte: Mich selbst zu abstrahieren und in einen etwas weiteren Kontext zu setzen, darin war ich damals noch nicht so geübt.
 Die Jahre danach streifte ich, Bibliotheken und Internet sei gedankt, alleine weiter durch die Baustellen der Welt. Das half mir vor allem dabei, mich differenzierter mit ihnen auseinanderzusetzen, um dem lähmenden Überfluss zu entfliehen. Das klingt schon fast zynisch, wenn man bedenkt, dass der Überfluss aus Mangelhaftigkeiten der Gesellschaften der Welt besteht. Aber mensch kann wohl nicht anders, als sich Schubladen zu schaffen. Zumindest, um zu sortieren und bestenfalls nicht, um zu vergessen.

Was aus einer differenzierteren und themenweise selektierten Beschäftigung folgte, war dann aber schnell schon wieder der Start einer neuen Unendlichkeit: Aus Frauenfeindlichkeit wird Frauenfeindlichkeit gegenüber schwarzen Frauen und people of color wird Rassismus wird intersektionale Diskriminierung wird Klassengesellschaft wird zu wenig Geld für zu viele Leute wird Geld-regiert-die-Welt wird Legitimierung des Kapitalismus wird Über-Leichen-gehen wird Krieg wird Umweltverschmutzung wird neue Technik wird NSA wird what the fuck, alles hängt zusammen und alles ist ja total scheiße und wohin überhaupt mit mir und was tun und — Lähmung. War wohl nichts mit Differenzierung.

Zu dieser einen Überforderung gesellt sich zudem ja dann gern auch noch die des eigenen Lebens und seiner großen, sorgfältig einkonditionierten und privilegierten Fragen nach Liebe, Job und Studium. Gemeinsam schließen sie übrigens auch einen herrlich teuflischen Kreis aus gelesener und geglaubter Kritik am Neoliberalismus und der schmerzhaften Erkenntnis darüber, wie sehr er sich in mein eigenes Fühlen schon eingewoben hatte. Der Kopf weiß manchmal mehr, als man selbst schon handeln kann.

So sank ich 2014 hinein in ein Loch aus eigenen Päckchen gepaart mit dem großen Bündel Weltschmerz, das nach langer Reise endlich seinen Weg zu mir gefunden hatte und einschlug, wie ein Stein in einen Sparkassenautomat. Über einige Monate lang war ich neurotisch. Ich las Online-Artikel, bis mir die Augen brannten, ich klickte mich durch Wikipedia und Youtube auf der Suche nach neuen Katastrophen, fühlte mich wie die Passantin, die den Autounfall anstarrt und nicht weiterlaufen kann.

Und dann fing ich an, zu weinen. Über Syrien, über Merkel, über Griechenland, über die Bild-Zeitung, über die Antarktis, über aussterbende Nashörner, über die Menschen und die Welt. Ich zählte im Sommer die wenigen Bienen, die ich sah und weinte. Ich weinte über den Wetterbericht, den ich täglich global studierte. Ich weinte im Solicamp an der Reichenberger- Ecke Ohlauerstraße (Berlin), als die Schule, in der bis dahin Geflüchtete lebten, geräumt wurde. Über die Situation, der sie ausgesetzt waren und über die Ungerechtigkeit. Über die geübt ausdruckslosen Augen der Polizist*innen und über diejenigen, die so sehr damit beschäftigt waren, sie zu beschimpfen, dass sie das Skype-Telefonat mit den Geflüchteten auf dem Dach der Schule verpassten. Ich weinte über die coolen Kids in Pumphosen, die nicht zuhörten, lachten und Bier tranken, über mein Unverständnis darüber, inwiefern der gemeine Zufall des Geburtsortes einer Person ihr Leben in solcher Form bestimmen darf, ausgesetzt dem Krieg und diskriminierender Politik.

Und, schlussendlich, weinte ich über mich. Über mich und meine Schwäche. Über mein unendliches Ohnmachts-Gefühl, nichts und überhaupt gar nichts ausrichten zu können, über die Gewissheit darüber, dass alles den Bach hinuntergeht. Über mich und meine Unfähigkeit, es nie länger als eine halbe Stunde im Solicamp oder der Anti-Bärgida-Demo auszuhalten, weil mich Unverständnis überrollte über das, was ich in den Menschen als schlecht empfand. Ich weinte über mich und meine Goldwaage, auf die ich jede*n und alles warf, was vor mir lag: die Bullen, die „Guten“, die „Bösen“, die, die wirklich helfen wollen und die Hedonist*innen, die auf ein Danke warten. Und mich selbst. Wer bin ich denn, mich irgendwohin zu stellen und darüber zu entscheiden, wer sich hier richtig verhält? Ich weiß, dass ich wohlmöglich unendlich arrogant bin, wenn ich über diejenigen urteile, die vor Ort sind und sich dafür einsetzen, eine unlogische Straßensperrung aufzuheben, während ich selbst hinter dem Schild der Bäckerei stehe und schluchze. Und außerdem glaube ich doch nicht an „gut und böse“, wer ist hier also „gut“ und wer „böse“?

Zeit also, mich selbst etwas zu differenzieren. Was ich erkannte, war, dass meine Konzentration auf all diejenigen um mich herum, mich selbst davon zurückhielt, zu erkennen, worin ich das eigentliche Problem sah: In mir und meiner Schwäche. Wieso kann ich nicht genauso brüllen, rennen, wütend sein in Menschenmassen, die vom Alexanderplatz zur Friedrichstraße stürmen, um den Nazis einzuheizen? Ich will doch, ich verabscheue doch genauso, wieso also geht es nicht? Ich begann mich selbst zu verabscheuen für meine Heuchelei, für meinen großen Batzen an Theorie, den ich mir täglich ins Gehirn haute, ohne die Praxis wirklich greifen zu können. Ich fühlte mich fehl am Platz, zu schwach, um irgendwas zu bewegen. Ich empfand mich als nicht gemacht dafür, ich hatte versagt und mich selbst hintergangen.

Schönen guten Tach auch, Herr Selbstmitleid! Glücklicherweise kann ich sagen, dass das Down dieser Phase nicht lange anhielt. Irgendwas stimmte da nicht, dachte ich mir, und, verkopft, wie ich bin, ging ich dem auf die Spur. Und dann erkannte ich so einiges. Ich erkannte, dass es irgendwie okay ist, nein zu sagen. Dass es okay ist, nicht zu rennen und zu brüllen und zu kämpfen mit Händen und Füßen. Genauso riesig wie der Swimmingpool gefüllt mit Scheiße ist, durch den man watet, wenn man irgendetwas tun möchte, damit es besser wird, genauso riesig ist auch das Spektrum an Wegen und Anforderungen, die durch das stinkende Becken führen. Die überflutende Vielfalt an Möglichkeiten. Es braucht die Massen, es braucht Demonstrationen, es braucht die lauten Stimmen in der Öffentlichkeit und Sitzblockaden, die sich von muskelbepackten Leuten in Uniform wegzerren lassen. Es braucht übrigens auch Entscheidungen einzelner Personen in Machtpositionen, damit man einer fatalen Problem-Individualisierungsdynamik à la „Dann meld dich doch gar nicht erst an bei Facebook“ entgeht.

Aber genauso braucht es Tränen und Offenherzigkeit, es braucht Bildung, es braucht Geduld, es braucht Sanftheit, es braucht Kommunikation. Wenn wir uns der Emotionalität in den Weg stellen und sie als Schwäche abstempeln, dann reproduzieren wir das tückische Bild einer Gesellschaft, in der sich nur durch vermeintliche Stärke, den Rückzug in sich selbst und Ellenbogen etwas bewegen lässt. Aber unsere Emotionalität und Empathie, auch unsere Mangelhaftigkeit und die Fähigkeit zu Scheitern, sind schon länger in uns verankert als ihre negativen Konnotationen, die uns kapitalistisch und sexistisch geprägte Gesellschaften und Politiken aufgehalst haben. Ich sage also lieber: Es braucht auch Mut, zu weinen; es braucht auch Mut, anzuerkennen, dass man nicht immer überall sein kann; es braucht auch Mut, sich einzugestehen, dass man für gewisse Sachen vielleicht tatsächlich nicht geschaffen ist und es braucht auch Mut, sich manchmal genau dafür zu verabscheuen. Oder zu lieben. Und das ist okay. Das bedeutet nicht, nichts zu tun. Es bedeutet für mich, mir zugestehen zu können, was ich tue, um nicht in paralysierender Überforderung zu stehen.
 Ich werde weiter lesen und reden und schreiben und weinen und auch im Kleinen kleine Schritte mit anderen gemeinsam gehen, wenn ich mich in den Nischen, die ich mir erfolgreich außerhalb der Großdemonstrationen gesucht habe, bewege. Und an guten Tagen besuche ich auch diese gern. Ich musste mich befreien aus einer Lähmung des Überflusses und der Anforderungen, die ich mir in sich immer wieder vervielfachenden Spiralen aufgeladen hatte. Jetzt weiß ich viel besser, in welchen Rahmen es mir tatsächlich möglich ist, zu handeln.

Das utopisch privilegierte Gefühl von Gewissheit zum totalen Wandel in die heile Welt habe ich verloren und ich werde es nie wieder bekommen. Das ist auch gut so. Und, als logische Konsequenz dessen, werde ich meinen Weltschmerz in diesem Leben wohl auch nicht mehr los. Auch das ist okay. Ich habe ja meine Mechanismen und sollten sie mal versagen, wenn Sigmar Gabriel mir ein weiteres Mal auf dem Bildschirm entgegenschmult, weiß ich noch genau, wo dieses Bäckereischild steht.


Originally published at edgeofamite.wordpress.com on May 19, 2016.