Der dritte Weg — Die Schweiz und Europa in der digitalen Welt
Ursula von der Leyen und Jens Spahn fordern in ihrem Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 14. Oktober 2019 eine “Soziale Marktwirtschaft für den europäischen Datenraum”. Sie sehen eine soziale Marktwirtschaft als Alternative zum chinesischen Modell des sozialen Überwachungsstaat und zum amerikanischen Überwachungskapitalismus, wo private Firmen Daten von Bürgerinnen und Bürger hinter deren Rücken sammeln und diese so profilieren. Wie diese soziale Marktwirtschaft jedoch aussehen soll, wird von den Autoren nicht weiter ausgeführt.
Sowohl im chinesischen als auch im amerikanischen Modell ist der Bürger bewusst oder unbewusst passiver Datenlieferant. Der Schlüssel für ein drittes europäisches Modell liegt in der Aktivierung der Bürger. Sie selbst müssen die Kontrolle über ihre Daten (oder Kopien davon) übernehmen. Genauso wie die Grundlage für die heutige Marktwirtschaft die Tatsache ist, dass jeder Einzelne seine Finanzen selbst verwaltet und investiert, kann ein neues, globales, demokratisch verwaltetes Datenökosystem geschaffen werden, in dem die Individuen die Kontrolle über die Verwendung ihrer Daten halten.
Drei Eigenschaften von Daten machen einen solchen dritten Weg für Europa möglich. Erstens sind Daten kopierbar und die Datenschutzgrundverordnung gibt mit dem Artikel 20 (Datenportabilität) jedem Individuum das Recht auf eine Kopie seiner Daten. Zweitens sind im Gegensatz zu anderen ökonomischen Werten wie Geld, Aktien oder Immobilien, persönliche Daten ähnlich verteilt. Jede Frau in der Schweiz, Deutschland und Tansania besitzt gleich viele einzigartige Genomdaten und zeichnet, sofern sie ein Smartphone hat, ähnlich viele Schritte und Herzschläge auf. Der Aufbau von demokratisch verwalteten Datenplattformen (Genossenschaften) erlaubt, dass jeder Inhaber eines Datenkontos nicht nur den Zugang zu seinen Datenkopien selbst verwaltet, sondern, dass er als Mitglied der Genossenschaft auch entscheiden kann, wie die Gewinne, die durch die Nutzung dieser Daten entstehen, verwendet werden sollen. Drittens, und hier liegt der grosse Mehrwert eines Bürger-zentrierten Datenökosystems, kann nur jedes Individuum seine persönlichen Daten maximal aggregieren: Einkaufsdaten mit medizinischen Daten, mit sozialen Netzwerk- und Genomdaten. In dieser Aggregation liegt die grosse zusätzliche Wertschöpfung. Genauso wie die meisten von uns die Hilfe von Finanzdienstleistern beiziehen, wenn es um Anlagestrategien geht, werden wir die Dienste von Datendienstleistern in Anspruch nehmen, um Nutzen aus unseren Daten zu ziehen, oder um zu entscheiden, welchen Drittparteien wir Zugang zu den Daten geben sollten. Diese Datendienstleistungsindustrie wird um ein Vielfaches grösser werden und dementsprechend neue Stellen und Businessideen schaffen, als die heutige Finanzdienstleistungsindustrie, denn hier geht es nicht nur um Franken, Euro und Dollars, sondern um sehr unterschiedliche Datensätze.
Mit der starken Verankerung des demokratischen Grundgedankens in den meisten Ländern Europas hat dieser dritte Weg, in dem die Bürger die Kontrolle über ihre Daten übernehmen, eine Chance. Nur mit einer aktiven Rolle der Bürger kann das volle Potenzial der aggregierten persönlichen Daten für Medizin, Gesundheit und eine aktive Gesellschaft ausgeschöpft werden. Es gibt bereits heute Plattformen, auf denen Einzelne ihre persönlichen Daten an den Meistbietenden verkaufen können. Ich bin der Meinung, dass dies falsche Anreize setzt. Genauso wie finanzielle Anreize beim Blutspenden nur solche Personen anziehen, die das Geld brauchen, werden viel sensitivere Daten geteilt oder sogar verändert um einem möglichst hohen Preis zu lösen. Ausserdem liegt der ökonomische Wert nicht im Datensatz eines Einzelnen, sondern in der Aggregation der Datensätze einer sehr grossen Anzahl von Personen. Eindrücklich wird dies klar, wenn man die Bewertung von Datenfirmen betrachtet. Im europäischen Bürger-zentrierten Modell, soll dieser Wert jedoch nicht ausschliesslich den Shareholdern dieser Firmen, sondern auch der Gesellschaft zugutekommen.
