Vendimia 2015

Weinernte im chilenischen Weingut Alta Cima


Landluft schnuppern, die Schere in die Hand nehmen und Trauben schneiden, raus aus dem Herbstsmog von Santiago — am besten jetzt sofort!


Ich habe nur eineinhalb Tage Zeit zur Verfügung, deutlich zu wenig aber besser als nichts. Mein Ziel: das Weingut Alta Cima, etwa 200 km südlich von Santiago im Lontué-Tal gelegen. Die Inhaber Katharina Hanke und Klaus Schröder erwarten mich zur „Vendimia“, wie die Weinernte hier heißt.
Klaus ist in Chile ein hoch anerkannter Önologe. Er kam 1965 ins Land, nachdem er in Weinsberg und Geisenheim Weinwirtschaft und Önologie studiert hatte. Katharina arbeitete jahrelang als Weinmaklerin im Im- und Export als bisher einzige Frau in diesem Geschäft in Chile. Mit Alta Cima erfüllten sie sich ihren Traum vom eigenen Weingut, das sie seither engagiert als Familienbetrieb führen.

Seit 1974 bauen sie auf etwa 53 Hektar Wein an. Im Jahr 2000 kam der eigene Weinkeller dazu. Ihre Jahresproduktion beträgt rund 70.000 Flaschen, darunter Cabernet Sauvignon, Merlot, Syrah sowie der Chile-typische Carménère sowie die weißen Trauben Chardonnay und Gewürztraminer.

Mit Geduld raus aus Santiago

Kurz nach 12.00 Uhr Start in Santiago. Über die vor einigen Jahren eingeweihte Südtangente geht es normalerweise ziemlich schnell. So lassen sich die dicken Staus auf den anderen Stadtautobahnen vermeiden. Aber ausgerechnet heute wird gebaut, die Ruta 5 ist bei Angostura zeitweise gesperrt, es gibt eine Umleitung und Wartezeiten.
Wer in Richtung Süden will, muss zwangsläufig durch das Nadelöhr Angostura fahren, der Mautstelle, an der immer noch manuell kassiert wird. Nur wenige Autofahrer nutzen das automatische Abbuchungsverfahren. An langen Wochenenden ist es eine zähe Angelegenheit, aus der Stadt heraus und wieder hinein zu gelangen, oft verbunden mit stundenlangem Stop-and-go. Die Chilenen sind Meister im Ertragen lästiger Gegebenheiten, nur selten protestieren sie. Mit Sanftmut stellen sie sich in die endlosen Warteschlangen an den Bushaltestellen des öffentlichen Nahverkehrssystems Transantiago, das auch nach Jahren noch nicht gut funktioniert. In Angostura verloren die Autofahrer vor einiger Zeit dann doch mal die Geduld. Nach einem heftigen Auto-Ansturm mit wütendem Hupkonzert wurden die Schranken gehoben und die Durchfahrt frei gegeben. An einem Montag wie heute geht es jedoch flott. Trotzdem fahre ich erst halb vier auf den Hof von Alta Cima.

… und sofort zum Traubenschneiden

Katharina nimmt mich in Empfang, scheucht mich zum Umziehen und macht mir schnell ein Käsebrot. Der Administrator bringt mich aufs Feld. Es muss schnell gehen, geschnitten wird nur bis 16.30 Uhr. Etwa 16 Leute sind im Einsatz. Ich werde Margarita zugeteilt, einer lustigen, kleinen Frau, nicht größer als die Reben — sie hat die ideale Arbeitshöhe. Mit ihr zusammen geht es die Reihen entlang, jeder schneidet auf seiner Seite. Späße und Gelächter rechts und links: Ein neues Gesicht, so kurz vor Feierabend, das bringt Abwechslung. Sicher wieder eine Touristin, die kurz ein paar Trauben schneidet, um hinterher von ihrem Abenteuer auf dem Land zu berichten … Punkt halb fünf ist Schluss, die Leute fahren mit dem Fahrrad nach Hause. Als mich der Administrator abholt, fragt er, warum ich kein Foto gemacht hätte. „Sonst glaubt Ihnen ja keiner!“

Als Gast wie zu Hause fühlen

Die letzten Sonnenstrahlen auf der Wiese vorm Zimmer genießen, dann wird es kühl. Kurz nach acht sitzen wir in der gemütlichen Küche. Klaus öffnet einen wunderbaren Gewürztraminer von 2013, passend zu Suppe, Brot, Quesillo (Frischkäse) und Tomaten aus dem Garten, die die Gastgeberin serviert. Alta Cima hält einige Gästezimmer für Besucher bereit. Wer sich anmeldet, bekommt auf Wunsch eine äußerst informative Führung durch Weingut und Keller samt Weinverkostung geboten. Klaus Schröder ist ein Lexikon des chilenischen Weins und der Weinbereitung! Unbedingt empfehlenswert! Anschließend verwöhnt Katharina Hanke die Besucher mit ihrer Kochkunst. Fast alle Zutaten kommen aus dem eigenen Hof und Garten, selbst die Lämmer und Gänse, die sie ihren Gästen präpariert.

Gewusst wie: gute Weißweine im Rotweinklima produzieren

Beim Essen lässt es sich prima über Wein reden. Zwar hat sich das Eigentümerpaar vorgenommen, abends die Arbeit gedanklich beiseite zu legen und auch mal über andere Themen zu sprechen, aber das klappt nur selten. Zu sehr sind beide fest mit dem Weingut verwurzelt. Jahrelang haben sie alle Kraft darauf verwendet, ihren erfolgreichen Betrieb aufzubauen. Der Anbau auf 53 ha Fläche, Weinkeller, Wohnhaus, Büro, Familie — das alles lässt sich kaum voneinander trennen. So geht es bei Tisch um Weißwein, in der Hand ein Glas Gewürztraminer (Der Name ist ein Zungenbrecher für Chilenen, kaum jemand kann ihn richtig aussprechen). Alta Cima gehört zu den wenigen Weingütern in Chile, die diese Rebsorte anbauen. Kaum 0,5 Prozent beträgt der Anteil an der gesamten Weinbaufläche des Landes.

Mitte der siebziger Jahre erwarben Katharina und Klaus die Flächen im Lontué-Tal bei Curicó. Dies ist ein Nebental des großen Zentraltals südlich von Santiago, das mit seinem Klima für Rotweine prädestiniert ist. Warme Tage, kühle Nächte und lange Sonnenscheindauer ergeben die für Chile typischen vollen, samtigen Rotweine. Wer Weißwein produzieren will, sucht sich dagegen eher einen kühleren Standort, etwa im Casablanca-Tal oder in Küstennähe. Aufgrund seiner jahrelangen Erfahrung als Önologe in verschiedenen Weingütern, wusste Klaus Schröder jedoch genau, wo er das eigene Weingut ansiedeln wollte. Und er wusste auch, dass sich dieses Tal für die Produktion hochwertiger Weißweine eignen würde. Der Gewürztraminer lässt keinen Zweifel daran aufkommen! Ein unglaublich fruchtiger, aromatischer und ausdrucksstarker Wein mit angenehmer Säure und Frische, der den Abend harmonisch ausklingen lässt.

Morgennebel sorgt für schlanke Weine.

Im Morgengrauen beginnt der nächste Arbeitstag. Über den Reben liegt herbstlicher Frühnebel, nur eine dünne Schicht, die sich bald auflösen wird. Aber die ist entscheidend dafür, dass sich in dieser Gegend gut Weißweine anbauen lassen. Der Nebel reduziert in der Reifezeit die Sonnenstunden, so dass die Trauben weniger Zucker produzieren. Dies wiederum sorgt für schlankere Weine mit weniger Alkohol.

Wir schneiden Merlot, so wie gestern. Die Beeren sehen einwandfrei aus, ohne Krankheiten. Ein Riesenvorteil im chilenischen Weinbau! Hier gibt es kaum Schädlinge und Krankheiten, Chile blieb von der Reblaus verschont. Die Reben sind wurzelecht, das Veredeln auf Unterlagenreben ist nicht erforderlich.

Treue Mitarbeiter seit über 30 Jahren

Margarita schwatzt munter drauf los. So nach und nach erfahre ich ihr halbes Leben: Als sie fünf war, starb ihre Mutter, mit 37 Jahren an Lungenentzündung. Als auch der Vater starb, war sie gerade 12 Jahre alt. Sie musste sich um die jüngeren Geschwister kümmern, lernte nie Lesen und Schreiben. Ihre 10-jährige Enkeltochter versucht nun, ihr das Schreiben beizubringen. Ihre Unterschrift kann sie schon und muss deshalb Dokumente nicht mehr mit einem Fingerabdruck unterzeichnen. Darauf ist sie stolz. Sie wuchtet die Kisten weiter, während ich Mühe habe, mit dem Schneiden hinterher zu kommen. Ist eine Kiste voll, holt sie eine neue, die ihr Ehemann José inzwischen bereit gestellt hat. Jeder hütet seine Kisten, denn der Weg zum Wagen ist weit, niemand will Zeit verlieren. José führt die Karre mit dem gestapelten Kistenvorrat von Reihe zu Reihe mit.

Zu zweit schaffen die beiden 160 bis 200 Kisten am Tag. Während José das ganze Jahr über im Weingut arbeitet, kommt Margarita nur zur Vendimia. Die Ernte sei die anstrengendste Zeit für sie. Abends tue ihr alles weh, und dann noch der Haushalt … Sie und ihr Mann arbeiten seit Gründung des Weinguts für Alta Cima, seit über 30 Jahren. Sie wohnen in einem Holzhaus, das Klaus und Katharina ihnen zur Verfügung stellten. Der große Vorteil des Holzhauses zeigte sich beim schweren Erdbeben 2010, das in der gesamten Region del Maule starke Schäden anrichtete. Ein paar zersprungene Tassen und Gläser, das war alles, während ringsherum die alten, aus Lehmziegeln errichteten Adobe-Häuser zerfielen.

Mittag — die Sonne brennt, der Rücken verspannt sich

Mittagspause. Jeder nimmt sein mitgebrachtes Essen und hockt sich in den Schatten. Nicht in großer Runde sondern paarweise oder allein, so wie sie arbeiten. Ich geselle mich zu Margarita und José, die ohne ihre Arbeitshüte noch viel freundlicher aussehen. Sie haben Kartoffelsalat und Würstchen dabei, eine Thermoskanne voll Malzkaffee und Coca Cola, von der mir José gleich einen Becher einschenkt. Jetzt redet auch er: Von seinem Stück Land, das er von Klaus bekommen hat und das er nutzen kann. Dort baut er Kartoffeln und Gemüse an. Wenn Katharina etwas braucht, beliefert er sie. Das ist sein Zusatzverdienst. Klaus meint, dass er auch anderen diese Chance gegeben hat, aber da liegt das Land brach, wird nicht bebaut.
Nach einer halben Stunde geht es weiter, wir ziehen in ein anderes Quartier und schneiden nun Cabernet Sauvignon. Die Trauben sind kleiner und hängen dichter am Holz. Die Sonne brennt ordentlich, Fleecejacke und Gummistiefel sind längst abgelegt. Lästige kleine Insekten stechen, Margarita schimpft schon den ganzen Tag über sie. Obwohl ich kaum die Kisten bewege, verspannt sich mein Rücken so langsam. Ich ahne, wie man sich nach zwei bis drei Monaten Weinernte fühlt … Die Landarbeiter sind es gewohnt. Mit stoischer Ruhe arbeiten sie sich durch die Reihen, vom Weg bis zur Mitte des Feldes, eine Reihe nach der anderen. Dann wechseln sie auf den nächsten Weg und arbeiten die andere Reihenhälfte ab.

Die Männer tragen die Kisten raus, ein kleiner Trecker bringt sie zum LKW, der weiter entfernt wartet. Der Vorarbeiter kontrolliert die Kisten, zählt sie und vergleicht die Zahlen mit den Notizen jedes Einzelnen, damit es am Ende keine Diskussionen gibt. Jeder Arbeiter hat eine Nummer, die am Spannpfosten mit Kreide notiert wird, um die Kisten besser zuordnen zu können. Margarita und José haben die Nummer 1.

Adiós Landluft

Punkt drei nähern wir uns wieder dem Weg und ich beende meinen Einsatz. Wir verabschieden uns herzlich. „Qué Dios le bendiga!“, wünscht mir Margarita und ich marschiere allein zurück zum Haus, vorbei am Holzhäuschen, in dem die beiden wohnen.
Die Sonne sinkt, ländliche Ruhe breitet sich aus. Jetzt den Abend mit einem Glas Wein auf der Terrasse begrüßen, eine schöne Vorstellung. Aber Santiago ruft … leider! Die Ruta 5 ist einigermaßen frei, der Rückweg in die Hauptstadt dauert zweieinhalb Stunden. Jede Menge Lastkraftwagen liefern sich Elefantenrennen. Wie gut könnte man den wachsenden Schwerlastverkehr auf die Schiene verlegen! In einem so schmalen Land wie Chile würde eine einzige Nord-Süd-Verbindung ausreichen, um die Straßen zu entlasten. Aber das ist ein ganz anderes Thema ….


Text und Fotos: Maja Haufe (elchileno.de)

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