Das Glück im Fokus

„Wohlstand für alle“ war (eine Idee). Kommt jetzt „Glück für alle“? Regierungen wie Privatpersonen suchen auf unterschiedliche Weise nach einem Weg zu diesem Ziel. Wohin führt er?

Ludwig Erhards Idee vom „Wohlstand für alle“ ist wieder modern. Wachsende Ungleichheit innerhalb der Bevölkerung lässt zwei Lager dieses Ideal wieder in den Fokus rücken. Die eine Gruppe besteht aus der Kanzlerin als Gallionsfigur mit dem ewigen Ziel, Wirtschaftswachstum als Lösung sämtlicher Probleme — ökologischer, sozialer als auch ökonomischer — zu betrachten. Auch, wenn die Bundesregierung mit der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ 2010 ihrem Bemühen Ausdruck verlieh, Glück oder Zufriedenheit als Wohlstandsindikator einzubeziehen — Wirtschaftswachstum ist immer noch oberstes Politikziel. Das andere Kollektiv plädiert für das Grundeinkommen, einen 6-Stunden-Tag oder eine 4-Tages-Woche mit dem einheitlichen Ziel, den Menschen Raum für Selbsterfüllung und Glück zu geben. Auch, wenn sich Merkel gerne auf Erhard bezieht; die Befürworter neuer Einkommens- und Arbeitsmodelle sind näher an der Idee des ehemaligen Bundesministers für Wirtschaft.

1954 sagte er: „Auf der Seite des Verbrauchers bedeutet Freiheit, dass jeder Einzelne in freier Konsumwahl … sein Leben so gestalten kann, wie es seinem eigenen Willen und seinen Vorstellungen von Glück, Zufriedenheit und Würde entspricht“. Dieses Zitat macht deutlich, dass für Erhard Wirtschaftswachstum als gesamtgesellschaftliches Ziel nie in Frage kam. Vielmehr ging es ihm um die Erhaltung und Förderung individueller Freiheit — ein Ideal, das auch bei den Grundeinkommensdiskussionen immer wieder betont wird.

Glück als Staatsaufgabe?

Glück als Staatsziel Nummer eins zu deklarieren wäre gefährlich und würde die Freiheit der BürgerInnen mehr einschränken als auszuweiten. Genau das ist letztlich die Empfehlung der Glücksforschung. PolitikerInnen sollten die Vorschläge der Forschungsergebnisse umsetzen und somit soll nach Bruno S. Frey „der Staat seine gesellschaftliche Wohlfahrtsfunktion maximieren“. Dies entspricht der Idee eines „wohlwollenden Diktators“, der bestimmt, was „gut“ oder „richtig“ für die BürgerInnen ist. „Den Politikern, die diese Maßnahmen durchzuführen haben, wird damit unterstellt, sie hätten einzig und allein das Interesse der Gesellschaft im Auge“ so Frey weiter.

Diese Annahme ist eine Illusion. Die Realität zeigt, dass (verallgemeinert) PolitikerInnen machtfixiert sind und versuchen, den eigenen Nutzen zu maximieren. Hinzu kommt, dass durch die Wahlen und die, in westlichen Staaten gängige kurzfristige Amtszeit, vor allem Ideen durchgesetzt werden, die populär sind. Programme, die langfristig zum Ziel führen, aber nicht schnell ein Ergebnis zeigen, werden von PolitikerInnen selten in ein Wahlprogramm aufgenommen. Glück ist kein Staatsziel. Vielmehr ist es die Aufgabe einer Regierung, die Rahmenbedingungen so zu optimieren, dass die Menschen die Freiheit haben, ihr Leben sinnvoll und glücklich zu verfolgen. Eine Möglichkeit wäre, ein Grundeinkommen einzuführen oder die Arbeitsweise zu verändern.

Mehr Freizeit — Mehr Glück?

Beide Ideen würden dazu führen, dass wir weniger für den reinen Gelderwerb arbeiten und uns stattdessen vermehrt mit Tätigkeiten befassen würden, die uns neben der Arbeit erfüllen. Wir hätten mehr freie Zeit, die wir verbringen könnten, wie wir wollten. Ein verlängertes Wochenende, ein Kurzurlaub. Die Frage dabei ist: Sind wir überhaupt fähig, unser eigenes Glück zu verfolgen, wenn wir die Möglichkeit dazu bekommen, indem wir mehr Freizeit zur Verfügung haben?

Wie verbringen wir die freie Zeit, die wir heutzutage zur Verfügung haben, also Wochenenden und Abende? Wir netflixen und chillen, lassen uns von Katzenvideos einschläfern oder setzen uns utopische Körperideale, wenn wir durch Instagram scrollen. Sicher, wir kochen auch zusammen, lesen ein paar Seiten eines Buches, gehen spazieren oder besuchen eine Ausstellung, trinken mit Freunden und gehen in Clubs mit dem wiederholten Ergebnis, dass feiern gehen auch nicht mehr das ist, was es mal war. Macht uns all das glücklich? Bestimmt. Aber wenn wir mehr freie Zeit zur Verfügung haben und all diese Tätigkeiten noch öfter machen können — werden wir dann glücklicher? Fraglich.

Möglicherweise langweilen uns all diese Dinge, wenn wir sie noch öfter erleben was dazu führt, dass wir neue Ideen bekommen, unsere Zeit sinnvoll zu nutzen. Vielleicht helfen wir ehrenamtlich, gärtnern, unternehmen etwas mit einsamen Menschen, schreiben ein Buch, machen einen Aerobic Kurs, schlafen unter freiem Himmel oder essen drei Tage lang Fastfood. Ja, vielleicht werden wir dann alle wild und verrückt und mehr zu einer Gemeinschaft. Vielleicht sitzen wir aber auch noch mehr Stunden vor einem Bildschirm und lassen uns zu dröhnen. Weil wir zwar Freiheit wollen, aber noch gar nicht wissen, wie wir mit ihr umgehen können. Wenn Glück in der Freiheit liegt, dann sollten wir erst lernen unsere individuelle Freiheit (die wir schon haben), zu füllen, um glücklich zu sein.


Weiterführende Literatur zur Glücks-und Freizeitforschung:

  • Frey, Bruno S. (2017): Wirtschaftswissenschaftliche Glücksforschung. Wiesbaden: Springer Gabler.
  • Binder, Martin/Coad, Alex (2011). Ökonomische Glücksforschung
  • Pietzcker, Robert (2010). Was brauchen wir zum Glücklichsein — die Bedeutung der Glücksforschung für Gesellschaftspolitik in: Aufenanger, Vanessa/Friedrichsen, Nele/Koch, Stefan (Hrsg.):Gerechtigkeit und Verantwortung in der Klimapolitik- und Energiepolitik.
  • Ruckriegel, Karlheinz (2014). Glücksforschung — Erkenntnisse und Konsequenzen
  • Opaschowski, Horst W. (2006): Einführung in die Freizeitwissenschaft, 4. Aufl., Wiesbaden: Springer VS.