2013 war ein gutes Jahr

Wie ich mein Leben umkrempelte


Es war ein denkwürdiges Jahr.

Im vergangenen Jahre bekam ich das Gefühl, dass ich endlich angekommen bin. Weg ist der Eindruck, dass ich wo anders sein sollte, dass ich etwas in einer Parallelwirklichkeit verpasse. Zum ersten Mal lebe ich alleine, für mich, zugunsten meiner Selbst. Wenn ich Wasser trage und meine Holzöfen anfeuere, dann schmeckt das nach ungeheurem Luxus.

So nahe an der Natur zu leben ist ein Traum. So gut fühlte ich mich nur als meine — damals noch kleine Familie — im Wohnwagen lebte: die große, freie Welt direkt vor der Haustür.


2012 war ich nicht in Siebenbürgen. Drei gute Freunde hatten das Zeitliche gesegnet. Das schlug mir auf den Magen. Der Verlust der Freunde hatte mir die Erinnerungen getrübt und da wusste ich nicht, wie ein Besuch gelingen würde.

Ich kam nicht in die Gänge.


Da bekam ich eine Email,

ganz überraschend, von einer mir unbekannten katholischen Organisation. Man bot mir eine Stelle in einer Musikschule für Romakinder in Holzmengen an. Das liegt etwa 20 km nördlich von Hermannstadt. Die Roma waren in dieses ehemalig deutsche Dorf eingezogen und es hat einen gewissen Ruf: runtergekommen und kaputt.

Dorfjazz

Die Entscheidung fiel mir nicht leicht, aber dann nahm ich das Angebot an. Es war ein echter Traumjob. Kurz nach meiner Ankunft jedoch wurde es klar, dass die Musikschule sich nicht entwickelte wie geplant und dann war mein Posten unnötig und finanziell nicht haltbar.

Andere waren genau so überrascht wie ich. Die Schule wurde gerade fertig gebaut, der Unterricht lief, die Kinder lernten Instrumente spielen, es gab Freiwillige, die mithalfen… kurz, es gab keinerlei Anhaltspunkte, dass die Schule am Wackeln war.

Da hätte ich ja wieder nach Deutschland zurückfahren

und mit meinem letzten Spargroschen wieder neu anfangen können. Aber die Zeit war nicht gerade günstig neue Schüler zu finden. So blieb ich den Sommer über in Rumänien. Nach und nach kamen verschiedene Onlinejobs herein, die mich über Wasser hielten. Ich lebte meinen Traum. Es war eine Traum auf Sparflamme, aber immerhin.


Jetzt wo ich zurück blicke, sieht alles so nahtlos glatt aus. Aber es gab da eine Menge Hürden. Freunde aus dem Dorf ließen mich ihren alten Drittwagen benutzen… ein silbernes Grashüpferlein.


Die Michelsberger Schule

Ich hatte Pläne meinen eigenen Schulbetrieb anzufangen und es wurde mir sogar ein Klassen-zimmer in der alten Schule zur Verfügung gestellt. Die Auflagen, das Zimmer und die Klos zu renovieren gingen jedoch über meine Mittel.

Lucias Stecklinge

Ich pflanzte mir ein paar Blumen in den Garten, da mir eine Freundin ihre selbstgezogenen Pflänzchen schenkte. Sie wuchsen ganz schön an, obwohl ich zu spät mit dem Pflanzen war. Auch bastelte ich immer wieder an meinem Häuschen — Winter-vorbereitungen — Fenster verkitten, Böden dichten und Holz hacken.

Anfänglich wusch ich meine Wäsche von Hand, dann kaufte ich mir eine billige chinesische Bottichwaschmaschine, denn ich war genervt. Meine guten Absichten, es im Landleben auszuhalten konnte ich nicht immer umsetzen.

Die chinesische Waschmaschine

Geduld, Geduld,

man musste Geduld haben, wenn das Regenwasser in den Keller lief; eine gründliche Untersuchung zeigte dann, dass das Wasser vom Weg in meine Drainage lief. Das heißt gut nachdenken und mal hören, was andere Leute dazu meinen.

Guter Rat ist teuer.


In kurzer Zeit nahm ich sechs Kilo ab, einfach nur von der Arbeit und der ständigen Bewegung. Natürlich war es nicht leicht, das Landleben mit einer Denkarbeit zu verbinden. Meine Hände wurden rauh und rissig. Oft vergaß ich in den Spiegel zu schauen, ging mit schmutzigen Schuhen weg, duschte mich an kühlen Tagen nicht, kämpfte mit den Flöhen, die die Hunde von den Schafen mitbrachten.

Ich hatte alle Hände voll zu tun, die Hecken zu schneiden — ich bin immer noch nicht fertig damit. Wenn ich jemanden mit einer Kettensäge rufe, dann habe ich das Gestrüpp herumliegen.


Kürbisreihe

Die Kürbisse waren eine Pracht.

Die Leute hier verfüttern sie an die Schweine… Daher wurde mein Kürbiskuchen nicht immer mit Begeisterung aufgenommen.

Eines Morgens ging es mir auf, dass meine Einkommenssteuererklärung noch anstand. Nur daran zu denken, gab mir eine depressive Stimmung. Ich hatte nicht mit solch einem langen Aufenthalt gerechnet.

Ganz bestimmt würde ich nach Deutschland zurück müssen, das wäre dann das Ende meiner Träume. Ich rechnete mir aus, dass ich noch etwa eine Woche hatte, bevor ich mich entscheiden musste.

Schlussendlich

empfahl mich eine guter Freund an die Evangelische Kirche und das, so stellte sich heraus, war eine sehr viel bessere Gelegenheit als die Musikschule. Die Dinge kamen ins Lot, sozusagen in letzter Minute. Da sagte ich meinem Sohn, er solle mein Zimmer benutzen, denn ich würde bleiben.

Dann machte ich mich an die Arbeit.

Die Bezahlung war mir nicht wichtig. Stattdessen wollte ich mich in jeder Situation auszeichnen, dann würde das Geld schon kommen. Ich machte einen Blog, einen Newsletter, machte PR mit Besuchern und den Ortsansässigen, organisierte die Arbeit mit den Kollegen.

Im nächsten Monat bot mir eine Sprachschule einen Abendjob an. Als ich in ihre Kundenfirma kam, da fühlte ich mich wieder zuhause. Am Tag arbeitete ich an Projekten für die Kirche, am Abend unterrichtete ich.

Irgendwie gelang es mir auch, weiterhin an meinem Häuschen weiter-zubasteln. Meine Tochter half mir mit der Einkommenssteuererklärung.

Dann war da der Theaterworkshop für Kinder,

Die Stars

wobei es soviele unbekannte Faktoren gab, dass ich mir ziemlich viel Stress machte. Daher wusste ich auch nicht ob meine Vorgehensweise für die Praktikantinnen überhaupt Sinn machte.

Manchmal blieb ihnen einfach die Spucke weg.

Zum Schluss spielten die Kinder ein tolles Bühnenstück, mit Kostümen, Sound, Requisiten und richtigen Bühnentechniken. Das warf die Eltern um.


Zusammen mit ein paar anderen Gruppen wurden vier Rad- und Wanderwege zusammengestellt, beschildert und eröffnet.


Mehr Projekte

Ein weiteres Projekt ist eine mobiler Kinderspielplatz, den wir immer dann benutzen können, wenn Bedarf ist. Das wird richtig gut für künftige Ferienprogramme.

Kekse und Orangen zum Nachtisch

Vor Weihnachten stellten wir eine Suppenküche für die ortsansässigen Romafamilien auf. Nächstes Jahr gibt es dann ein Programm zur Unterstützung von Kindern, dass sie die Schule fertig machen und ökologisches Wissen vermittelt wird.

Unser Biogarten ist in Planung.

Bis jetzt bin ich zufrieden, dass ich mich den Herausforderungen stellen kann. Andere merken vielleicht nicht, dass ich manchmal Mühe habe, alles im Griff zu behalten. Dann macht es wiederum echt Spaß, Events zu planen und sie umzusetzen, wenn sie dann besser als erhofft herauskommen.

Klein aber fein

Das Traumbaby

Für nächstes Jahr plane ich meine rechtliche Basis hier, die Decke zum Speicher hin zu isolieren, einen Zaun aufzustellen und einen kleinen Garten anzubauen. Außerdem möchte ich das Akkordeon erlernen, als weitere Bereicherung meines Clownspiels. (Falls jemand eine Hohner mit 32 Bässen abgeben kann — bevor sie verstaubt — ich wäre sehr daran interessiert.)

Möge 2014 uns freundlich gesonnen sein, dass wir warme Füße und einen kühlen Kopf bewahren und mit den Fingern am Puls des Lebens bleiben.

Email me when Irma Walter publishes or recommends stories