
Wie sicher ist sicher?
Die Geschichte von explodierenden Erdgasautos, die gar nicht explodiert sind
von Jens Voshage
15. September 2016 | Als ich am Dienstag aus Kuba zurück nach Deutschland kam, empfingen mich Schlagzeilen von explodierenden Erdgasautos. Verwundert rieb ich mir die Augen. Denn eigentlich könnten Erdgasautos nicht explodieren — zumindest nicht das Gas im Tank. Also ging ich der Sache auf den Grund.
Wie sicher sind Erdgas-Autos?
Vor Gas haben viel Menschen Angst. Dies ist einer der Gründe, weshalb der Marktanteil der wirtschaftlichen, umwelt- und klimafreundlichen Erdgas-Fahrzeuge in Deutschland so niedrig bleibt. Dabei bestätigten Experten wie der Tüv immer wieder, dass Erdgas als Kraftstoff sicherer als Benzin sei. Was viele nicht wissen: Das Erdgas im Tank explodiert nicht — weder bei einem Brand noch bei einem Unfall. Und soviel ist auch schon beim ersten Blick auf den Touran in Duderstadt klar: Es gab keine Explosion des Gases; es brannte nichts. Scheinbar hielt eine Gasflasche dem Druck beim Tanken nicht stand und platzte. Die Druckwelle schleuderte Fahrzeugteile viele Meter weit; auch der Fahrer des Autos wurde dadurch verletzt.
Die hohe Sicherheit von Erdgasautos hat mehrere Gründe:
- So kann das Erdgas im Tank nicht explodieren, da es sich um kein zündfähiges Gemisch handelt. Denn nur wenn der Anteil des Erdgases in der Luft zwischen 4 und 16 Prozent liegt, kann es sich entzünden — und anders als im Benzintank ist im Erdgastank kein entsprechendes Luft-Gasgemisch vorhanden.
- Die Tanks der Autos werden bei der Zulassung auf einen Druck von 600 bar getestet; der maximale Betriebsdruck im Auto beträgt 200 bar.
- Und Sicherheitsventile sorgen zum Beispiel beim Brand des Fahrzeuges oder einem Unfall dafür, dass das Erdgas kontrolliert abgelassen wird.
Das Schreckensbild einer Erdgas-Explosion, das viele Menschen im Kopf haben, wenn sie an Erdgasautos denken, ist daher unrealistisch.
Wie verhalte ich mich als Erdgasfahrer?
Einige Mineralöl-Unternehmen nahmen den Unfall in Duderstadt zum Anlass, die von ihnen wenig geliebten Erdgas-Zapfsäulen auf ihren Tankstellen zu sperren. Eine Aktion, die die Deutsche Energie-Agentur kritisierte, denn konkrete Anhaltspunkte für ein erhöhtes Risiko beim Tanken lägen nicht vor. Und ich wundere mich auch. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass Aral in ganz Deutschland kein Diesel mehr verkaufen würde, wenn ein Diesel-Auto irgendwo beim Tanken in Brand geraten wäre. Andere Anbieter haben ihre Tankstellen für die vom Rückruf betroffenen Fahrzeuge gesperrt. Auf der Suche nach einer geöffneten Erdgastankstelle hilft der Tankstellenfinder von “Zukunft Erdgas”. Auch diese Initiative betont in einer Stellungnahme, dass “das Tanken von CNG ist für alle nicht von der Rückrufaktion betroffenen Fahrzeuge auch weiterhin bedenkenlos möglich ist. Es ist davon auszugehen, dass alle CNG-Tankstellen kurzfristig von den Mineralölunternehmen wieder freigegeben werden.” Somit gibt es hoffentlich bald für die meisten Erdgasfahrer keine Einschränkungen mehr.
Als Fahrer eines VW Caddy, Touran oder Passat der Modell-Jahrgänge 2006 bis 2010 sollte man vorsorglich mit seiner VW-Werkstatt sprechen — auch wenn man keinen Rückrufbrief erhalten hat. Denn je nach Tankflaschen-Modell scheint es bei VW unterschiedliche Handlungsempfehlungen zu geben.
Das Problem mit den rostigen Tanks
Schon seit einigen Jahren ist bekannt, dass Volkswagen beim Touran Ecofuel und Caddy Ecofuel Metalltanks eingebaut hat, die unzureichend gegen Rost geschützt sind. So berichtete Autobild bereits vor einem Jahr darüber. Nachdem immer mehr Fahrzeuge bei der Tüv-Untersuchung deshalb keine Plakette bekamen, verständigten sich VW und das Kraftfahrtbundesamt (KBA) auf einen Rückruf, der am 6. Juli 2016 bekannt gegeben wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatten schon viele Touran- und Caddy-Fahrer auf eigene Kosten die Tanks tauschen lassen müssen. Unverständnis gab es in Internet-Foren darüber, dass das KBA nicht aktiv wurde, da Rost an den Erdgastanks schließlich lebensgefährlich sein kann. Der Rückruf betraf zuerst nur den VW Touran der Baujahre 2006 bis 2009 — am 31. August 2016 erweiterte VW die Rückrufaktion auf die Modelle Touran, Passat und Caddy der Modelljahre 2006 bis 2010. Die Halter sollten angeschrieben werden.
Als Grund für die Ausweitung des Rückrufs gab VW an, “dass die regelmäßige Überprüfung der Gastanks (Dichtigkeit / Korrosion) in den einzelnen EU-Ländern nicht gewährleistet ist.” Weiter hieß es in der VW-Pressemitteilung, dass geschädigte Erdgastanks bersten könnten und “alle betroffenen Touran Kunden der Modelljahre 2006 bis 2009 in diesem Anschreiben ebenfalls darauf hingewiesen werden, dass die Nutzung bis zur Umrüstung vorsorglich nur im Benzinbetrieb erfolgen sollte.”
Am 9. September 2016 scheint in Duderstadt einer der Erdgastanks geplatzt — oder wie es sich technisch nennt — geborsten zu sein. Das Unglück wird zwar noch durch die Staatsanwaltschaft untersucht, die Aussagen der Zeugen vor Ort legen dies jedoch nahe. Ob ein verrosteter Tank oder ein Fehler an der Tankstelle die Ursache sind, ist noch nicht klar. Ein VW-Sprecher bestätigte heute jedoch laut Medienberichten, dass der Touran aus Duderstadt Teil eines aktuellen Rückrufes sei und die Nachbesserung des Wagens noch nicht stattgefunden habe.
Bei anderen Hersteller von Erdgasfahrzeugen wie Fiat, Opel und Mercedes — aber auch beim VW eco-up! oder VW Golf TGI — kommen andere Tanks und andere Befestigungen als bei den betroffenen drei Modellen zum Einsatz. Hier sind keine Probleme durch rostigen Tanks zu erwarten.
Und bei mir?
Ich bin gestern an meinem letzten Urlaubstag dann übrigens bei meiner VW-Werkstatt vorbei gefahren und haben meinen Caddy Ecofuel vorgestellt — zwar habe ich von VW bisher keinen Brief bekommen, aber da es sich um eines der fraglichen Modelle handelt, dachte ich mir “sicher ist sicher”. Auch bei meinem Caddy werden die Erdgastanks getauscht. Für dieses Ergebnis musste bei meinen Tanks nicht einmal die Schutzverkleidung abgenommen werden. Auf meine Frage, ob ich noch Tanken dürfe, meinte mein Werkstattmeister nur “Ach sie meinen wegen der Sache in Duderstadt — da sehe ich keine Gefahr.” Und von meinem örtlichen Energieversorger, den Stadtwerken Hannover, bekam ich schon gestern Nachmittag eine E-Mail, an welchen Tankstellen ich derzeit in der Region Hannover tanken kann: 5 von 6 Tankstellen in der Region sind weiterhin offen.
Erdgas-Info bittet um Ihre Mithilfe:
Tankstellen-Störungen melden

“Die Erdgas-Tankstellen sind derzeit teilweise geöffnet und teilweise gesperrt. Erdgasfahrer brauchen Klarheit, wo sie tanken können. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, bitten aber auch um Ihre Mithilfe: Teilen Sie uns den Status Ihrer Erdgas-Tankstelle mit unter tankstelle@erdgas.info. Wir aktualisieren laufend unser App “Erdgastankstellen Deutschland”, die Ihnen einen möglichst aktuellen Überblick bietet, wo Sie CNG tanken können.”
Nachtrag 16. September 2016:
Die Ölmultis rudern endlich zurück und geben die Erdgaszapfsäulen wieder frei. Der Pressesprecher von Zukunft Erdgas vermutet hinter der Sperre eine bewusste Behinderung des alternativen Kraftstoffs Erdgas.