“Unterm Dach” — eine Kurzgeschichte

Eines Tages war dieses Rascheln und Knistern da, undefiniert, leise. Und es blieb. Ebbte wohl machmal ab und erhob sich am folgenden Tag wieder, wurde lauter. Das erste Mal haben wir es im Frühjahr gehört. Seitdem war es immer da, als ein leiser, irgendwann gewohnter Motor im Gebälk unserer Wohnung. Wo es herkam konnten wir nicht herausfinden. Stellten die Wohnung auf den Kopf, Zimmer, Bad und Küche natürlich. Auch den Keller, selbst wenn der zu weit weg ist, wir wohnen unterm Dach.

Wir hatten kein anderes Thema, als das Geräusch. Stellten Fragen. “Weißt du nicht?”, “Hast du eine?”, “Was könnte das?” Stellten fest. “Jetzt es ist lauter geworden. Das muss doch!” Bis wir es verinnerlicht hatten und damit lebten. Das Geräusch war nie laut genug, um uns auf die Nerven zu gehen. Eigentlich hatten wir nie besser geschlafen als in dieser Zeit. Das Rascheln und Rauschen brachte und besser in den Schlaf, als jedes mütterliche Wiegenlied. Irgendwann hätte es gefehlt.

Am Ende blieb nur noch der Dachboden. Wir hatten den Dachboden völlig vergessen, weil niemand von uns je dort oben war, seit wir in dieser Wohnung sind. Die Bodenklappe, ein Quadrat aus parallelen Holzlatten, lag zentral, als Mittelpunkt der Wohnung, direkt oberhalb unseres Küchentischs. Hätte uns das stutzig machen müssen? Im Übergabeprotokoll der Wohnung war die Klappe nicht vermerkt, gefunden haben wir sie erst bei einem Tapezieren vor einigen Jahren. Und selbst dann haben wir sie nie geöffnet, sie war eben da. Jeder, dachten wir, kann da oben sein, jeder Hausbewohner. Das wir allein Zugang haben sollten, kam uns nie in den Sinn.

Wer die Wohnung durch die dunkel lackierte Wohnungstür betritt, steht in der Küche. Der große Raum hat Dielenboden und Regale an allen freien Wandflächen. Jeder Eintretende wird automatisch Teil dieses Raumes, ob gewollt oder nicht. Ihr Schnitt macht diese Wohnung besonders. Er ist nur möglich, weil sie im obersten Stockwerk liegt und über ihr nichts als das Dach ist. Öffnet man die Tür zu jedem Zimmer, eröffnet sich ein weites, freies Panorama, von Ost über Süd nach West. Im Norden bleibt die Wohnungstür. Mein Zimmer teilt sich die Ostwand mit Mayos Zimmer. Eine Wand weiter gibt es Mareks Zimmer. Marek ist Mayos und mein Bruder. Es blickt nach Süden, daneben die fensterlose Kammer. Solange Marek auf Walz ist und seltsamen Bräuchen folgt, ist es Fines Zimmer. Nach Westen geht Vaters Zimmer raus, es grenzt ans Bad. Vater fährt in der Welt herum, baut Häuser. Wir haben sein Vertrauen.

Jeden Morgen treffen wir uns am Küchentisch. Um uns raschelt und rumort es, wie am Tag davor, in der Nacht davor, wohl auch Morgen. “Geh’ doch mal hoch, Mayo”, sage ich, “auf den Dachboden.” Weil ich nicht will, weil ich mich fürchte, sage ich das. “Frag doch Fine”, sagt Mayo, der sich genauso wenig traut, wie ich. Er würde es nicht zugeben. Wer weiß schon was da ist. Vielleicht nicht mal Licht. “Frag doch Fine”, sagt er noch einmal.

Fine ist mutig. Und sie ist neugierig. Mutiger und neugieriger als Mayo und ich zusammen. Sie ist ja auch gerade erst hier angekommen. Fast zeitgleich mit dem Geräusch, das verpflichtet doch? Austauschschülerin ist sie, kurz vor dem Schulabschluss. Sie ist meine Austauschschülerin, ich war vor einigen Monaten noch bei ihr, Sprache lernen. Fine ist außerdem schlau, sie konnte unsere Sprache schon vorher. Hat sie aufgesogen, im Schlaf, beim Vorbeigehen. Wahrscheinlich kann sie das einfach. Es ist glasklar, Mayo findet viel an ihr. Mayo liebt Fine seit sie bei uns eintrat.

Mayo hat sich sogar als Mario vorgestellt, so überrannt war er. Zwar heißt er so, aber so nennt ihn niemand. Denn wer den Namen hingeschludert ausspricht, der kommt fast automatisch bei Mayo an und bleibt dabei, weil nunmal nicht jeder heißen kann wie Pommessoße. Fine sagte “Hallo”, nicht mehr, und Mayo war verloren. Dabei wusste er, wer da kommt. Als ich bei Fine war, habe ich Bilder geschickt. Aber von Angesicht ist doch was anderes.

Der vernarrte Mayo traut sich nicht, Fine auf den Dachboden zu schicken. Nein, zu fragen, ob sie gucken geht. Anders klingt es fies. Das muss ich tun. Und als ich sie frage, sagt sie knapp: “In Ordnung”, zieht die Schultern nach oben, legt den Kopf schräg und setzt einen gleichgültigen Blick auf. Der kostet sie kaum Anstrengung, sie trägt ihn ohnehin die ganze Zeit. Dass sie Mayo und mich für Waschlappen hält, muss sie nicht sagen. Das sieht man.

Also durchmisst Fine die Küche, geht in die Kammer und zieht aus der Kammer eine Stange, an deren Spitze ein Haken ist. Mit einer Stange wie dieser stochert der Schornsteinfeger sonst im Ofenrohr, sie passt allerdings auch gut in die Öse der Klappe in der Decke, und wird damit die Eintrittskarte für den Dachboden.

“Fine ist aus Hartholz”, flüstert Mayo. Ich nicke. Sie steigt auf den Tisch, nimmt den Stock mit Haken, hängt ihn in die Öse und zieht die Klappe nach unten auf. Eine Leiter fährt langsam und unerwartet leise nach unten und bleibt auf dem Tisch stehen. “Oh”, sagt Fine.

Sie steigt die Leiter nach oben, das raschelnde, rauschende, knarzende Geräusch hält einen Moment lang inne. Fine hebt sich durch die Klappenöffnung, wir können mit großen mutlosen Augen ahnen, dass es dort oben Licht geben muss, dann schnappt die Klappe hinter Fine zu. Und Fine ist verschwunden.

Zuerst sind wir verwundert. Wir warten. Nach einigen Minuten fragen wir uns, nach einigen Stunden beginnen wir uns Sorgen zu machen.

Bis es soweit ist, hat sich nichts verändert. Die Geräusche: geblieben. Stärker geworden vielleicht. Geradezu fordernd klingt es, schmirgelt, nagt, und ohne Fine weicht es unsere Nerven auf. Mayo und ich sind am Tisch sitzen geblieben, Fine ist nicht wieder herunter gekommen.

Mayo barmt um seine Fine, sieht Schreckliches voraus und verpackt es in “sie muss Hunger haben und Durst.” Tatsächlich aber glaubt er, das Fine abgehauen ist. “Sie hat mich verlassen”, sagt er, als wir noch fragend, aber schon sorgend und erfolglos versuchen, Löcher in die Dachluke zu starren. “Sie war in dem Augenblick weg, als die Klappe zu war. Noch während der Staub auf den Tisch runter gerieselt ist”, schwadroniert Mayo.

Das Nichtwissen macht uns mürbe. “Weil sie’s gemerkt hat, na?” Wie vernarrt er sei und das wäre zu viel gewesen und nun sei sie eben weg. So einfach über die Dächer weg, frage ich, und ob er das tatsächlich ernst meint. “Klar”, bebt er, “anders kann das doch nicht sein.” Ja, bitte, wenn er meint, erwidere ich, aber ob ihm nicht klar sei, dass unser Haus hier mit keinem Nachbarhaus die Größe teile und das sie schon würde fliegen können müssen, um von einem zum anderen zu kommen, oder Superkräfte haben, oder so. “Wer weiß”, sagt Mayo, “vielleicht hat sie die ja.” So weit ist es mit dir also schon, denke ich.

Dann könne er nun genauso gut nach oben steigen und nachsehen, sagt Mayo schließlich. “Ich werde sie nicht finden, wetten?” Auch er greift also den Hakenstock, öffnet die Klappe und lässt die Leiter auf den Tisch hinab. Steigt hinauf, rechnet mit dem Schlimmsten, einem offenen Dachfenster, ruft “Fine?” und schließt die Klappe hinter sich. Ich rechne mit gar nichts, vor allem nicht damit, dass nun auch Mayo einfach weg ist. Er ist, wie Fine, verschwunden, nur das Rauschen und Knistern, das nun allein an mir nagt, bleibt.

Wieviel Zeit gebe ich ihm? Ich albträume. Von einem Dachboden, der ein breitmäuliger, weitreichender, wild bezahnter Andreasgraben der Dachböden ist, ein schwarzes Loch, ein Nichts, das Menschen frisst. Ich schreie “Mayo! Mayo!” nach oben. “Wo steckst du Idiot?” Das Gewissen sagt, dass ich mich zusammenreißen soll. Die Angst meint, dass ich nicht will. Die Entscheidung ist so simpel, aber die Pflicht, um die geht es ja am Ende, wiegt doppelt schwer.

Als es zu dämmern beginnt, zerre ich schwitzend mit dem Hakenstab an der Dachluke. Ich bin nervös, hektisch, es gelingt mir nicht sofort. Ich ziehe sie schließlich doch auf und warte. Bis auf die Leiter kommt nichts herunter. Nun steht sie das dritte Mal an diesem Tag auf dem Tisch, Staub rieselt, schales Licht fällt durch die Öffnung, ich höre nichts, nur das Geräusch. Ich atme tief ein, steige nach oben, Stufe um Stufe. Meine Haare erreichen die Klappengrenze, ich schließe die Augen und öffne sie wieder, als ich die Füße über die Kante in den Dachboden hinein heben muss. Mein Kopf braucht eine Weile länger als die Augen, um zu fassen, was sie sehen.

Fine sehe ich, und Mayo. Da sitzen sie an kleinen Tischen in einem blank geputzten Raum der einen Holzboden hat und an den Wänden unzählige Regale in der gleichen geölten Maserung des Bodens. Sie türmen sich viele Meter hoch, überragen, so scheint mir, selbst das Dach. An den Regalen lehnen Leitern verschiedener Form, Art und Höhe. Sie alle führen zu Büchern. Büchern an Büchern, sauber in den Regalen aufgereiht, Folianten neigen sich an Ledereinbände, Leinenrücken, handgenähte Bindungen, marmoriertes Deckpapier. Licht spenden drei grüngoldenen beschirmte Lampen. Fine und Mayo lesen. Sie sprechen nicht, sie blättern nur. Das Rascheln und Knistern, das hier lauter denn je schallt, hat eine zufriedene Färbung, bilde ich mir ein, hat es doch jeden Bewohner der Wohnung darunter hinauf gelockt, den es hinauf locken konnte. Es sind die Bücher, die rascheln, knarzen, knistern.

Ich nehme das so hin. Ich träume nicht. Ich werde Fine und Mayo lesen lassen. Und ich höre auf die Stimmen der Bücher, gehe zu einem der Regale und greife blind hinein. Ich werde nicht enttäuscht sein.

Unveröffentlicht.

One clap, two clap, three clap, forty?

By clapping more or less, you can signal to us which stories really stand out.