Berliner Rangen in Bayern
Erinnerungen an unsere Kinderlandverschickung <1>
Im Frühjahr 1941 ging es los. Ich, Eva Range, 7½ Jahre, meine Brüder Joachim, 6 Jahre und Hans-Jürgen, 5 Jahre. Mutter brachte uns zur Sammelstelle. <2> Das muß nach meiner Erinnerung am Hauptbahnhof von Potsdam gewesen sein. Wir hatten große Pappkarten mit einer Schnur um den Hals, auf der unsere Personalien standen. Keiner wußte, wohin wir fuhren — nur daß die Fahrt sehr lange dauern würde, war bekannt. Entsprechend hatte uns Mutter mit Essen und Getränken versorgt, obwohl es alles geben sollte. Wir fuhren wirklich sehr lange und wußten nicht, wo wir waren.
Endlich hielt der Zug auf einem kleinen Bahnhof und die ersten Kinder mußten aussteigen. Sie wurden willkürlich ausgewählt. Ich hatte ja wie immer von meiner Mutter den Auftrag, auf meine Brüder aufzupassen. Beim nächsten Halt wurde ich mit einigen anderen Kindern ausgewählt. Meine Brüder sollten weiterfahren. Da habe ich ganz schrecklich geweint und geschrien, daß ich mit ihnen zusammenbleiben muß. Das wurde erhört und sie durften auch aussteigen. Es war kein richtiger Bahnhof, sondern nur so ein Haltepunkt mit einem Bahnsteig. Da standen Bauern, die auf uns warteten. Jeder von ihnen sollte sich ein Kind aussuchen. Sie sahen nicht sehr glücklich aus und sprachen in ihrem Dialekt, den wir nicht verstanden. Wir bekamen aber soviel mit, daß sie darüber entsetzt waren, daß wir noch alle so klein waren. Jeder von uns dreien kam zu einem andern Bauern, aber alle im gleichen kleinen Dorf.
Das Dorf heißt Hohenweiler und liegt in der Nähe von Nürnberg. <3> Es hatte höchstens 12 Bauernhöfe und einen Laden, der abends die Dorfkneipe war. Da ich schon in die Schule ging (2. Klasse), mußte ich täglich ins Nachbardorf Stirn laufen, ca. vier Kilometer durch einen dunklen Nadelwald. <4> Das war besonders gruselig in den Wintermonaten. Ab November gab es schon tiefen Schnee. Morgens war es noch stockdunkel und es schrie dann immer eine Eule ganz fürchterlich.
Die Schule begann täglich mit einem Gottesdienst in der daneben liegenden katholischen Kirche. Nach ein paar Tagen wurde ich in die 4. Klasse versetzt, weil das meinem Leistungsniveau entsprach. Die Schule fiel mir trotzdem sehr leicht. Es gab nie Hausaufgaben. Wahrscheinlich deshalb, weil die Kinder alle keine Zeit dafür hatten, denn sie mußten auf ihren Höfen fleißig mitarbeiten. Die Bauern waren sehr arm. Meine Bauernfamilie bestand aus einem älteren Ehepaar mit einer Tochter (Tante Walli) im mittleren Alter. Sie war schwanger. Sie besaßen vier Milchkühe, die gleichzeitig für die Feldarbeit genutzt werden mußten. Die Familie von Joachim war ähnlich arm und alt, nur die Leute von Hans-Jürgen waren reicher. Sie besaßen acht Kühe. Alle drei Familien hatten keine kleinen Kinder.
Wir wurden von ihnen gut aufgenommen. Sie behandelten uns wie ihre eigenen Kinder. Das bedeutete aber auch, dass sie an uns Forderungen stellten, wie das in dieser Gegend zu dieser Zeit auch bei den eigenen Kindern üblich war. Jedes Mitglied der Familie hatte etwas zur Existenz des Hofes zu leisten. Wer essen will, muß auch etwas entsprechend seinen Möglichkeiten dazu beitragen. So wurde auch klar, warum sie so enttäuscht waren über unsere Größe. Sie hatten auf kräftige Unterstützung für ihr Anwesen gehofft, aber was konnten sie schon mit uns anfangen? Also spannten sie uns soweit in die Arbeit ein, wie sie es für möglich hielten. Das waren sicher keine zu großen Anforderungen, aber sie waren uns völlig fremd.
Ansonsten war das gesamte Leben für uns ungewohnt. Ich hatte etwas ähnliches vorher nur bei einem Besuch meiner Großeltern in Barth kennengelernt. Zum Beispiel kannte man beim Essen keine Gabel, sondern nur kleine und große Löffel und Messer. Das Mittagessen wurde in eine große Schüssel gefüllt, die mitten auf den Tisch gestellt wurde und jeder langte mit seinem Löffel hinein. So entstanden immer Kleckerspuren von der Schüssel zu jedem Einzelnen. <5> Zum Abendbrot bekam jeder ein dickes rundes Brett und ein scharfes Messer. Dazu ein Stück Speck und einen Kanten von selbst gebackenem Brot. Dazu ging ein Krug mit Bier herum und jeder trank soviel er brauchte, bis der Krug leer war. Da ich Gast war, erhielt ich extra ein kleines Bierseidel, das am Anfang gefüllt wurde. Das Bier mußte ich jeden Abend mit dem Krug aus der Kneipe holen. So habe ich mir frühzeitig ungewollt das Biertrinken angewöhnt.
Die Arbeit fing ganz harmlos an. Es war Frühling und die ersten Gänsekücken waren geschlüpft. Sie mußten versorgt und betreut werden. Dazu gehörte zuerst, das Futter besorgen. Ich hatte sechs Küken zu betreuen. Eins verstarb nach ein paar Tagen. Für das Futter wurden Brennesseln gebraucht, die mußten mit nackten Händen gesammelt, gewaschen und gehackt werden. Dazu kamen klein geschnittene gekochte Eier. Nach dem Füttern mußte ich die Kleinen in einer Kiste zu einem großen Wasserloch auf der Wiese hinter dem Hof tragen, damit sie dort baden und sich in der Sonne wärmen konnten.
Als die Kleinen herangewachsen waren und ihre ersten weißen Federn sichtbar wurden, reichte das Wasserloch nicht mehr. Nun mußte ich sie täglich zum Dorf-Weiher führen. Das ist ein kleiner Teich mitten im Dorf. Meine Brüder und andere Kinder aus dem Dorf kamen auch mit ihren Gänsen dort hin. Nun hieß es aufpassen, dass sie sich nicht gegenseitig oder ein Hund ihnen Schaden antun konnte. Je älter sie wurden, desto schwieriger wurde es, denn die Flügel wuchsen und sie versuchten häufig, wegzufliegen. Man war froh, wenn man sie alle wohlbehalten abends wieder im Stall hatte. Es gab auch Kaninchen. Für sie mußte ich Butterstauden und andere besonders kräftige Pflanzen sammeln, z.B. Frauenmantel.
Dann kam als zweite Aufgabe das Kühehüten dazu. Das war schon viel schwerer. Wir mußten die Kühe auf die Weide treiben. Dafür haben wir uns Peitschen mit einem langen dünnen Lederriemen gebastelt. Wir lernten sehr schnell, damit umzugehen und die Tiere unter Kontrolle zu halten. Meistens ging das auch gut, denn Kühe sind gemütliche Tiere und da sie nach dem Fressen ihre Nahrung durch Wiederkäuen verdauen, legen sie sich nieder und wir hatten auch unsere Ruhe. Aber wehe, eine Kuh war mit dem Angebot auf der Wiese unzufrieden und fand z.B. das Kleefeld viel leckerer. Dann rannte sie los und alle andern hinterher. Sie waren dann nicht aufzuhalten. Ich hatte ja nur vier Kühe, Joachim auch, aber Hans-Jürgen mußte acht Tiere betreuen. Wir hüteten sie immer gemeinsam, das war leichter und wir waren auch zusammen. Eine meiner Kühe war trächtig und die durfte absolut keinen Klee fressen, aber gerade die riß immer wieder aus. Das war dann gar nicht mehr gemütlich, denn Kühe können auch sehr stur und dickköpfig sein. Und rennen können die! Das traut man ihnen gar nicht zu. Vor der Peitsche hatten sie jedoch einen gewissen Respekt, aber nur, wenn wir damit von vorne auf sie losgingen. Wenn also die Rennerei anfing, teilten wir drei uns auf und rannten im weiten Bogen um die Herde herum, kreisten sie ein und konnten sie dann mühsam von vorn zurückdrängen. Wir kleinen, dünnen Würstchen und die großen starken Kühe! Das ging ganz schön über unsere Kräfte.
In den Hochsommer-Monaten hatten wir es dann gut, denn da hatte das Dorf gemeinsam einen Kuhhirt engagiert. Der lief morgens durch das Dorf, öffnete alle Kuhställe, die Tiere kamen gemütlich heraus und liefen seelenruhig hinter ihm her. Er hatte noch einen Hund zur Unterstützung. Sie trieben die Herde weit weg vom Dorf in eine hügelige Gegend mit saftigem Futter und abends wieder genauso zurück, alle Tiere fanden allein wieder ihren Stall.
Da durften wir manchmal mitgehen. Das war schön. Wir hatten nichts zu tun, konnten uns in der Sonne erholen und mit dem Kuhhirten plaudern und singen. Er konnte gut jodeln. Ich habe es auch versucht aber nicht geschafft. Er zeigte uns, wie man selbst Pfeifen bastelt, und half uns dabei. Dann lernten wir, wie man darauf Kuckucksrufe nachmacht oder sogar Melodien spielt, wie man laute Töne mit einem Grashalm erzeugen oder auch Rufe aus der hohlen Hand zaubern kann. Er töpferte auch mit uns und wir lernten, aus Binsengras kleine Körbchen zu flechten.
Aber die Faulenzerzeit dauerte nicht lange. Zuerst kam die Heuernte. Ich lernte, mit einem großen Holzrechen Gras zu wenden. Zwischendurch gab es immer Pflege- und Erntearbeiten im Gemüsegarten. Später wurde das Getreide geerntet. Nach dem Mähen mußten wir zuerst die Garben zu Hocken aufstellen, damit das Korn trocknen kann. Nach ein paar Tagen wurden die Garben aufgeladen und zum Dreschen in die Scheune gefahren. Meistens konnte ich oben auf dem hohen Fuder sitzen. Aber einmal durfte ich mit der Fuhre ganz allein los. Das war nicht schwer, denn mit den Kühen kannte ich mich gut aus und sie liefen den Weg sowieso allein nach Hause. Also trottete ich mit meiner Peitsche neben dem Wagen her. Plötzlich blieb eine Kuh stehen — ich konnte sie nicht dazu bewegen, weiter zu laufen. Ich versuchte alle Tricks, schließlich drohte ich mit der Peitsche und schlug mit meinen kleinen Fäusten auf sie ein. Aber sie war stur und fraß das Gras am Wegrand. Warum nur? Endlich kam ein Bauer, um mir zu helfen: Das kleine Rinnsal Regenwasser war schuld, das quer über den Weg lief! Er schaffte es, die Kuh so zu beruhigen und abzulenken, daß sie weiter ging.
Im Herbst wurde das Getreide gedroschen. Dazu wurde ein Dreschkasten ausgeliehen. Es dauerte ein paar Tage. Das war eine sehr staubige Angelegenheit, bei der ich nicht viel helfen konnte. Außerdem war es sehr gefährlich.
Dann begann die Kartoffelernte. Eine Erntemaschine wurde von einer Kuh die Reihen entlang gezogen und warf die Kartoffeln im hohen Bogen aus der Erde. Wir mussten sie in Körbe sammeln und zum Wagen tragen. Ich hatte einen kleineren Korb, aber trotzdem war die Arbeit sehr schwer.
Die schwerste und unangenehmste Arbeit war jedoch die Hopfenernte. Hopfen wächst wild, wird aber in verschiedenen Gegenden Deutschlands gezüchtet. Rückstände aus den weiblichen Blüten werden vor allem für die Bierbrauerei gebraucht, aber auch für Medikamente und anderes. In Teilen Bayerns gibt es Hopfengärten. Dort werden die Reben so aufgezogen, dass sie bis zu sieben Meter lang werden. Dafür nutzt man hohe Holzgestelle, an ihnen ranken die Reben hoch. Wenn die Blüten im Spätsommer eine bestimmte Reife erreicht haben, werden die Reben abgeschnitten und mit langen Stangen von den Ständern abgerissen. Nun müssen die in Trauben gewachsenen Blütenkörbchen von den Pflanzen abgepflückt werden. Das ist eine schwere und sehr unangenehme Arbeit, denn die Reben haben eine sehr raue Haut, so dass ich mir furchtbar die nackten Arme aufgescheuert habe. Kleidung zum Schutz anziehen geht nicht, weil dann die Reben daran festkleben. Heutzutage erfolgt das alles mit modernen Maschinen. Aber ich liebe seitdem den Hopfengeruch und wenn ich einer wildwachsenden Rebe begegne, muß ich mir immer eine Dolde pflücken und zerreiben.
Die Bauern lebten völlig von der Eigenproduktion ihrer Lebensmittel. Nur, Salz, Zucker einige Gewürze und Bier mußten sie kaufen. Fleisch, Wurst und Eier erhielten sie von ihren eigenen Tieren, wie Schweine, Gänse, Enten, Hühner, Kaninchen und manchmal auch durch einen Bullen.
Brot wurde wöchentlich selbst gebacken. Dazu stand damals auf dem Hof ein großer Backofen aus Feldsteinen wie bei Hänsel und Gretel. Der Brotteig wurde von der Bäuerin in großen langen Trögen mit den Händen geknetet, zu Broten geformt, in runde, flache Strohkörbe gelegt, bis der Ofen heiß war. Der war sehr tief und wurde mit Holzkloben beheizt. Wenn die durchgebrannt waren, wurde die Asche mit langstieligen Schaufeln und Besen heraus gefegt und die Brote mit Hilfe der Stangen hinein geschoben. Zum Schluss wurde dann noch ein Zwiebel-Speckkuchen mitgebacken. Der war lecker! Den Ofen gibt es dort auch als Museumsstück leider nicht mehr. <6> Zur Produktion von Butter wurde die Milch entrahmt. Der Rahm kam in ein großes Glas. Darin war ein Quirl an einer Kurbel befestigt. Die mußte nun so lange gedreht werden, bis sich nach langer, langer Zeit Butterflöckchen am Rande des Glases absetzten. Dann genauso weiter, bis sich endlich ein Butterklumpen bildete. Das war schwere Arbeit. Der Klumpen wurde dann mit Salz geknetet und im Butterfaß aufbewahrt. Aber die Butter auf dem frisch gebackenen Krustenbrot, das war eine Köstlichkeit! Dazu abends ein frisches Hopfenbier aus dem Dorfkrug!
Fleisch und Wurst wurden auch selbst hergestellt. Wenn ein Schwein geschlachtet werden sollte, gab es ein großes Schlachtefest. Ich habe das einmal miterlebt. Dazu wurde ein gelernter Fleischer eingeladen und viele andere Bauern aus dem Dorf kamen helfen, denn es gab sehr viel Arbeit und alles mußte sehr schnell gehen. Auch ich durfte dabei helfen.
Zuerst wollte man mich verkohlen. Ich sollte die Erste sein, die eine Wurst erhält. Ich sollte einen Teller holen und einen Moment warten. Dann wurde das Schwein mit einem Strick aus dem Stall gezerrt. Es quiekte fürchterlich. Sicher ahnte es sein schreckliches Ende. Aber das ging dann sehr schnell. Der Fleischer hatte eine geübte Hand und schlug es nur einmal mit einem Knüppel hinter das Ohr. Es war sofort still. Dann wurde es auf einen Holzbock gelegt und abgestochen. Nun sollte ich mit dem Teller kommen und die erste Wurst auffangen. Ich sollte dazu den Teller unter das Schwänzchen halten. Ich war sowieso von Natur aus mißtrauisch, aber hier ahnte ich die Gemeinheit und weigerte mich. Und richtig, im Todeskrampf verlor das Tier noch ein „Würstchen“. Ich bin voller Wut weggelaufen, denn trotzdem amüsierten sich die Erwachsenen, denn den Teller hatte ich ja immerhin geholt. Man rief mich zurück, nun sollte ich wirklich helfen, nämlich das Blut rühren, damit es nicht verklumpt.
Dann wurde das Schwein an der Scheunentür aufgehängt und ausgeweidet. Es stank erbärmlich. Aber das war nur kurze Zeit. Schließlich wurde das Tier zerlegt, in Fleischstücke zerkleinert und in dem großen Wäschekessel draußen im Hof gekocht. Aus Fleisch, Fett, Blut und vielen Gewürzen wurde Wurstmasse hergestellt, die dann mit Hilfe einer Maschine in die gesäuberten Därme gefüllt wurde. Ich durfte dann zeitweilig die Kurbel der Maschine drehen. Letztendlich gab es Wellfleisch und Wurstsuppe zu essen, noch heiß aus dem Kessel. Beides schmeckte sehr gut! Dann wurde ein Teil der Wurst gekocht und eingeweckt. Speck, Schinken und ein Teil der Würste wanderten oben in den Schornstein zum Räuchern. Der Schornstein befand sich in mehreren Metern Höhe direkt über dem Herd in der Küche. Der Rauch vom Herd diente gleichzeitig zur Räucherei. Wenn dann eine Wurst oder Speck gebraucht wurden, holten sie diese mit einer langen Stange, die am Ende einen Haken hatte, herunter.
Im Oktober beging ich dann dort meinen 8. Geburtstag. Erstaunlicherweise habe ich daran keine Erinnerung. Kann wohl nicht so besonders gewesen sein? So verging die Zeit schnell, aber sehr anstrengend. Für die dort aufgewachsenen Kinder war diese Lebensweise Gewöhnung und hat ihnen nicht so viel ausgemacht. Doch für uns waren es zum Teil völlige Überforderung. Wir kannten keine Arbeit, schon gar nicht so schwere.
Mit dem Schlachtefest ging auch fast das halbe Jahr zu Ende. Es war schon kalt und begann zu schneien. Die Ruhezeit begann in der Natur und auch auf den Bauernhöfen. Wir wurden nicht mehr gebraucht und durften wieder nach Hause zurück. Natürlich freuten wir uns darauf, denn Weihnachten rückte näher. Insgesamt war es eine schöne, interessante Zeit, aus der ich viel für mein Leben mitgenommen habe. Was uns oft ärgerte, daß man uns „Saupreißen“ schimpfte. Was mir sehr gut gefallen hat, war die katholische Kirche. Sie war innen so schön und die Pfarrer trugen so wunderschöne farbige Gewänder, die immer wechselten, auch der Weihrauch gefiel mir. Das kannte ich aus meiner evangelischen Heimatkirche nicht. Ich wollte am liebsten katholisch werden.
Noch ein sehr negativer Punkt waren die Läuse, die ich mir eingefangen hatte. Das war dort unvermeidlich. Meine Brüder wurden, wie alle Jungens im Dorf, sofort kahl geschoren als wir ankamen. Aber ich hatte doch Zöpfe und die wollte ich behalten. Meine Mutter hat dann sofort kurzen Prozess gemacht, die Haare abgeschnitten und mich tagelang mit einem Läuse-Vernichtungsmittel gequält. Aber es hat geholfen und die Haare wuchsen besser als je zuvor.
Beachtlich war auch, dass wir zu Hause manchmal nicht verstanden wurden, so sehr hatten wir in der Zeit den bayerischen Dialekt angenommen.
© 2016 Eva Vetter
- 1940 begannen die Bombardements der großen Städte. Deshalb wurde vom Staat die seit dem 1. Weltkrieg praktizierte Kinderlandverschickung auch wegen der mangelhaften Ernährung ausgeweitet und die Kinder mit ihren Schulklassen ins Ausland oder in abgelegene Gegenden in Deutschland verschickt. Es ging aber vorwiegend auch um die Einflußnahme des Staates auf die politische Erziehung durch Lehrer und vom Staat beauftragte Personen. Für kleinere Kinder wurden Verschickungen aus Familien in diese Gegenden angeboten. Anträge dazu konnten bei der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) gestellt werden. ↩︎
- Da unsere Mutter als 10-jähriges Kind auf diese Weise auch in die Schweiz verschickt worden war und es ihr dort sehr gut ging (immer satt zu essen, viel Schokolade usw.), dachte sie sich wohl, daß uns das auch guttäte. ↩︎
- ca. 50 Km südlich von Nürnberg ↩︎
- Hin- und Rückweg insgesamt ↩︎
- Daran hat mich kürzlich mein Bruder Hans-Jürgen erinnert ↩︎
- Wie ich anlässlich eines Besuchs des Ortes 1991 feststellen mußte ↩︎