Bitte lächeln!

Ich merke schon, dass der große, ältere Herr mit dem weißen, wilden Haar mich umkreist und nach Aufmerksamkeit fischt. Ich lasse meine Kopfhörer bis zum letzten Moment in den Ohren. Dann muss ich die Yogamatte zusammen rollen, auf der ich meine Dehnübungen zum Abschluss des Trainings gemacht habe.

“…du solltest das mal sehen, alle Mädels schauen immer nach mir”, ist der erste Gesprächsfetzen, der nach dem “Plopp” meiner Kopfhörer verständlich wird. Der ältere Herr hat einen anderen ins Gespräch verwickelt.

“Ja, weil du so groß bist”, entgegnet dieser wahrheitsgemäß.

“Nein weil ich so gut aussehe”, insistiert der Ältere.

Es ist nicht das erste Mal, dass er so offensiv nach Komplimenten fischt.

Während ich die Yogamatte verstaut habe, baute er sich unweit von mir auf, steht nun in meinem Fluchtweg, und sieht mich erwartungsvoll an. Ich reagiere nicht. Jetzt kommt es:

“Sie könnten ruhig mal lächeln, junge Frau!”

Ich hatte gelächelt. Bei unserer ersten Begegnung. Jetzt nicht. Ich bin entspannt, auf mich konzentriert, habe 2h Sport gemacht und war bis eben sehr zufrieden damit. Ich bin wohl durch die Yogaposen so selbstsicher, dass es mir wie selbstverständlich ruhig und bestimmt über die Lippen geht:

“Solche Kommentare sind unangebracht und nicht mehr zeitgemäß. Ich konzentriere mich auf meinen Sport und das sollten Sie respektieren.”
“Aber Sie sind ja jetzt fertig.”

Ich bin fertig und nun? Nun soll ich ihm endlich Aufmerksamkeit schenken? Ja, nur darum geht es hier. Dabei geht es nicht um mich persönlich, sondern nur um meine Merkmale. Junge Frau. Mit Ende 30 wohl nicht mehr ganz so jung, aber für ihn jung genug.
Natürlich bereue ich, daß ich die Kopfhörer abgenommen habe. Es sind geräuschreduzierende “In-Ear” für 275 Euro, die ich mir aus zwei Gründen besorgt hatte: 1. wegen der Betriebsgeräusche meiner Kollegen im Coworking Space und 2. weil normale Kopfhörer nicht ausreichen, um laute Gespräche im Fitnessstudio auszublenden.

Ich weiß noch genau, wann ich die Amazon Bestellung aufgegeben hatte. 
Ein Trainer erklärte einer Dame, die ständig höflich versuchte seinen Monolog darüber, wie sehr Homöopathie sein Leben verändert hätte und welche Youtube Videos sie sich ansehen solle, zu beenden. Dieses Gespräch dauerte laut der Digitalanzeige meines Crosstrainers 65 Minuten. 
Das Gespräch, das zwei Anfangzwanziger einer Trainerin aufdrängten, um ihre Lebensweisheiten über Männer und Frauen anzubringen, dauerte fast 2 Stunden. Die Prime Express Lieferung konnte gar nicht schnell genug ankommen.
Es war Abend. (Ich gehe ja sonst nur morgens ins Studio. Lieber die Silberrücken am Morgen als die geschlechtsreifen Schimpansen am Abend.) Die junge Trainerin beendete ihren Tag mit einem privaten Workout.

“Ich versteh’ net, dass ihr Frauen immer so angespannt und irgendwie so ernst seid”, sagte der Jüngere, der nicht locker lassen wollte, vorwurfsvoll.

“Sind wir nicht”, sagte sie mit schwindender Engelsgeduld, während sie hinnahm, daß er wieder neben ihr Platz nahm, als sie das Gerät wechselte. “Ich habe den ganzen Tag mit Kunden zu tun. Abends möchte ich einfach meine Ruhe.”

“Warum eigentlich?” setzt er nach. “Ich bin immer locker. Alle Frauen, die ich kenne, machen so viel und sind nur angespannt.”

Wenn man auf einem Cardio-Gerät ist, kann man nicht einfach weggehen, ohne sein Training zu opfern. Man kann gehen, klar. Man kann den Raum aufgeben, der einem zusteht. Man kann sich den Raum zurücknehmen, indem man aggressiv wird. Selten werden höfliche Varianten von “Lass mich bitte allein!” verstanden.

Klare Ansagen macht man sachlich, und das ist mir an diesem Morgen einwandfrei gelungen. Der Alte mit dem wilden weißen Haar ist baff und dreht sich zu dem anderen Herrn. Mein Fluchtweg wird frei.

“Nicht mehr zeitgemäß. Ich bin meiner Zeit voraus, das meinen Sie wohl…”

Ich habe die Situation gemeistert, aber meine Entspannung ist dahin. Ich hab nun wirklich gar nichts zum Lächeln, denn ich möchte den Bereich der Anspannung möglichst schnell verlassen.

Ich kenne seine Art. Ich bin damit aufgewachsen und es hinterlässt — ob man sich nun zum Lächeln nötigen lässt oder nicht — immer ein schlechtes Gefühl. Als Teenager hatte ich mir ein eingefrorenes Dauerlächeln angewöhnt. Mein Vater sagte gerne zu meiner Mutter:
“Guck nicht so bös, das macht Falten!”

In der Umkleide überlege ich, ob er die gleichen Zeiten hat wie ich und ob ich mich jetzt jedesmal dagegen wappnen muss, diesen “eigentlich sympathischen” Herrn abzugrenzen, der so sehr Mittelpunkt des Geschehens sein möchte und ständig Bestätigung für seine Jugendlichkeit und Männlichkeit sucht.

“Ich hab’s immer noch drauf mit den Mädels”, sagt er oft.

Diesen Teil mag ich am wenigsten am Workout: die ständige Bereitschaft zur Abgrenzung von Störungen. Ich und die anderen Frauen jeden Alters immer auf dem Präsentierteller, ungefragte Empfänger für ungefiltertes, frauenfeindliches Gebrabbel. Herren, die sich entspannen, locker lassen, ihre Kiefer öffnen für Buchstabenkotze, treffen auf Frauen, die sich zur Abwehr anspannen, Ohren verstopfen, Dauerlächeln einfrieren.
Einer ist immer da, der sich berufen fühlt den Platzhirsch zu geben, egal wie alt oder jung er ist.

Lästig.