Großer Lauschangriff

Immer mehr Geräte funktionieren auf Zuruf. Eine wachsende Schar ständig hilfsbereiter Maschinen umgibt uns und spitzt fleißig die Ohren — mit Folgen für unsere Privatsphäre.

Musikanlage, Licht und Thermostat erfüllen auf Kommando jeden Wunsch, Waschmaschinen verkünden das Ende des Waschganges und die Bordelektronik im Auto reagiert auf Zurufe des Fahrers. Die Welt wird immer voller mit sprechenden und hörenden Maschinen, weil immer öfter das Tippen und Wischen von Touchscreens durch Rufen von Befehlen ersetzt wird.

Wurden die Anfänge von Siri, Cortana & Co. noch belächelt, so funktioniert die Konversation mit Maschinen ja tatsächlich heute ganz leidlich: die Erkennung menschlicher Sprache, deren inhaltliche Verarbeitung, das Verständnis des Kontexts, die Suche nach passenden Antworten sowie deren Ausgabe in verständliche Sprache — in all diesen Bereichen wurden beachtliche Fortschritte gemacht. Bei allen Vorteilen, die die kommunizierenden Maschinen haben mögen, sie bedeuten auch einen immensen Angriff auf unsere Privatsphäre. Denn ständig auf Empfang, lauschen sie ununterbrochen mit und verstehen dabei noch das Gesprochene.

Diensteifrig erfüllen die Geräte nicht nur jeden Nutzerwunsch, sondern schicken auch alle mitgehörten Informationen „in die Cloud“ — und dies können Server überall auf der Welt, auch in Ländern mit geringeren Datenschutzstandards als Deutschland sein. Die Lauscher sind darauf getrimmt, den Datenhaufen zu mehren, denn die übertragenen Daten dienen nicht nur dazu, die gerade anfallenden Anliegen zu bedienen, sondern sollen auch zur Verbesserung der Dienste selbst beitragen. Als selbstlernende Systeme sollen die Geräte immer besser verstehen, was von ihnen verlangt wird. Für den Nutzer hingegen fehlt es an Durchblick: Weil kaum nachvollziehbar ist, wie, in welchem Ausmaß und wo die erfassten Daten verarbeitet und wie lange sie gespeichert werden, sind die Geräte für den Nutzer die reinste Black Box.

Umso problematischer werden solche Informationssammlungen, als durch das stetige Lauschen betroffen ist, wer immer sich gerade im Raum befindet. Dies können andere Bewohner sein oder Gäste, die nicht einmal Kenntnis vom Vorhandensein eines lauschenden Geräts haben. Denkbar ist auch, dass die mithörenden Geräte in die Hände von Hackern fallen und gezielt zur Wanze umfunktioniert werden.

Der neue Komfort der Gerätebedienung durch Spracherkennung wird also zu einem hohen Preis erkauft. Die Privatsphäre wird löchrig. Das mit dem Lauschangriff verbundene große Datensammeln macht einmal mehr deutlich, dass die herkömmlichen, an Datensparsamkeit orientierten Vorstellungen von Datenschutz heute kaum noch zeitgemäß sind.


Zuerst veröffentlicht auf www.f-21.de im Februar 2017.

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