„Es ist schwer, neutral zu bleiben“

Die Krim wird russisch. In Europa grassieren Beunruhigung und Zorn über Putins Gebaren. Gleichzeitig wächst das Misstrauen gegenüber den eigenen Medien, die uns Russland und Putin zu schnell als „die Bösen“ verkaufen wollen. Fabian Weiss war als Fotograf vor Ort und spricht im Interview darüber, wie tief die Vorurteile auf beiden Seiten sitzen. Und wie schwer es das macht, vernünftig miteinander zu reden.

Fabian, bis Ende letzter Woche warst du als Fotograf auf der Krim unterwegs. Ist es noch möglich, problemlos dorthin zu reisen?

Es geht so. Ich hab mich abends in Odessa in den Zug gesetzt und bin am nächsten Morgen in Simferopol auf der Krim wieder aufgewacht, ohne dass es Kontrollen gegeben hätte. Allerdings sieht es bei der Einreise mit dem Auto schon ganz anders aus und viele Flüge sind gestrichen. Wenn man dort ankommt, fühlte man sich auch nicht sofort wie in einem Krisengebiet. Erst an den zentralen Plätzen der Stadt habe ich Demonstrationen gesehen, meistens pro-russisch. Und es patrouillieren Militärfahrzeuge, teils auch mit Maschinengewehren bestückt.

Das alles klingt nicht besonders brenzlig.

Es ist aber nicht zu unterschätzen, da es große Spannungen und Konflikte gibt. Auf der Krim sind viele Familien „gemischt“: Viele russische Männer, die wegen der Arbeit auf die Krim gekommen sind, haben dort eine ukrainische Frau geheiratet. Und bei diesen Konstellationen spielen sich teilweise echte Familientragödien ab: Der Vater unterstützt den Anschluss der Krim an Russland, die Mutter bekommt Angst und mit den Kindern aufs Festland. Patriotische Gefühle sind jetzt manchmal stärker als der Familienzusammenhalt.

Das ist die familiäre Perspektive, wie äußern sich diese Spannungen auf gesellschaftlicher Ebene?

Durch Einschüchterung. Zum Beispiel werden alle, die Kameras bei sich haben, permanent „gegengefilmt“. Zur Einschüchterung. Einmal habe ich ein paar russische Demonstranten erlebt, die auf ihren Transparenten eine „free press“ gefordert haben. Als ich sie fotografiert habe, hat eine ältere russische Frau mich als Faschisten und Provokateur beschimpft. Ich hab mich gefragt, ob sie kapiert hat, was auf ihrem eigenen Schild draufsteht.

Stichwort „free press“: In den deutschen Medien wird derzeit rauf und runter diskutiert, welchen Berichten man noch trauen kann. Auf der einen Seite erleben wir die russische Propaganda, auf der anderen Seite wäre es naiv zu glauben, die Europäer wären in diesem Konflikt unparteiisch.

Stimmt. Ich bin sehr vorsichtig insbesondere gegenüber der deutschen Medienlandschaft, in der Putin immer und von vornherein als der Böse präsentiert wird. Es findet eine starke Schwarz-Weiß-Zeichnung statt. Auch die EU verfolgt eigennützige Interessen. Aber es geht eben vor allem darum, wie jemand für seine Interessen eintritt. Putin ist de facto auf der Krim einmarschiert und hat die territoriale Hoheit der Ukraine verletzt. Mit Soldaten ohne Hoheitsabzeichen. Das hat eine andere Qualität als ein vorurteilsbehafteter Artikel über russische Politik.

Du selbst warst als Journalist für ein deutsches Magazin vor Ort. Wie bewertest du deine eigene Neutralität, die Vorurteilsfreiheit deiner Eindrücke?

Das ist schwierig. Ich meine, natürlich komme ich als Journalist auf die Krim, um unabhängig zu berichten und zu zeigen: Hier sind die Leute, die wirklich für eine russische Krim sind und das äußern — und die gibt es, es sind nicht wenige. Aber ich habe auch so oft Beschimpfungen von pro-russischen Demonstranten erlebt, die einfach alle westlichen Journalisten als Provokateure und Faschisten beschimpfen. Darüber wird man mit der Zeit einfach wütend über so viele Vorurteile.

…und ist in der Wut nicht mehr objektiv?

Aber nur kurze Augenblicke lang. Am Ende habe ich, damit nicht immer das gleiche Problem entsteht, mich als Este ausgegeben, wenn ich mit Russen gesprochen habe. Ich lebe in Estland, das habe ich deshalb auch glaubwürdig hingekriegt. Und mit der Taktik ging es besser, sie waren dann viel eher bereit, normal mit mir zu reden.

Wie informieren sich die Menschen auf der Krim selbst über das, was gerade um sie und mit ihnen passiert? Können sie frei entscheiden, welche Nachrichten sie hören möchten?

Als ich dort war, wurden gerade die ukrainischen Fernsehsender abgeschaltet. Das Internet war frei zugänglich, wobei hier natürlich auch ein Sprachproblem zum Tragen kommt, denn nur wenige können Englisch. Dementsprechend sind es vor allem russische Nachrichten, die gehört und gelesen werden. Allerdings muss man sich auch klar machen, dass dieses Problem umgekehrt auf westlicher Seite genauso besteht. Westler, die Russen ihre Vorurteile vorwerfen, müssen sehr darauf achten, nicht den gleichen Fehler zu machen.