Menschen sind doch sehr verschieden…

Dr.Alexander Loitsch
Aug 11 · 6 min read

Glosse von Hurga Hrabonsky

Mein bester Kumpel ist ein Stadtmensch. Sven heißt er, ist in der Stadt geboren, ist in der Stadt aufgewachsen und lebt nach wie vor in der Stadt in der der geboren und aufgewachsen ist. Er bevorzugt urbanes Feeling in Form von vielen Menschen und den damit unvermeidlich einhergehenden Lärmpegel um sich herum. Und er würde nie aus seiner Stadt weggehen – sagt er.

Ich selber bin ein in der einzigen Millionenstadt Österreichs Geborener, aber vermute, das ich ein Findelkind bin und dieser Umstand von meinen Eltern geschickt vertuscht worden war, weil ich keine Berge, keinen Schnee, kein Bier und Fußball mag, sondern lieber hohe Temperaturen im Süden, Ruhe und Natur und ich es gar nicht mag wenn der Mob mit seinen Autos, E-Rollern, Fahrrädern und E-Bikes vor meiner Haustür vorbei tobt. Und umso mehr Ruhe und Natur in Form von viel Gegend vorhanden ist, umso besser für mich und meine Seele. Ganz gut ist es, wenn noch Wasser, idealerweise sehr salziges, in oder komplett nahtlos, rund um die ruhige Gegend schwappt, in der ich mich gerade aufhalte.

Gestern war ich in Svens Stadt unterwegs. Berlin, Friedrichshain/Kreuzberg. Wenn man einschlägigen Fernsehbildungssendungen auf einem TV-Sender, dessen Name aus drei Buchstaben besteht, glauben schenken kann, ist Berlin bei Tag und Nacht die Stadt der Prolls, sozusagen Proll-City, die Metropole psychisch minderbemitteltem Nachwuchses mit verfälschten Wertvorstellungen und befremdlichen Prinzipien als Ableger idiotypischer Eltern.

Außerdem soll es da auch auffallend viele Ausländer geben. Das ist mir persönlich egal, da ich ja selber Ausländer bin. Das sieht man mir zwar nicht an, aber als Ösi bemerkt man meine Abstammung spätestens, wenn ich den Mund aufmache und verbale Äußerungen in meiner stark K & K-Hofmonarchisch gefärbten Muttersprache von mir gebe.

Meine transdanubische Abstammung ist übrigens auch die Erklärung, warum ich manchmal ein etwas schwurbeliges Deutsch schreibe. Ich bitte um Nachsicht dafür, wie es aktuell ja auch bei etlichen andere Ausländer in Deutschland üblich ist, wenn sie was Böses angestellt haben. Dadurch wird nämlich das Opfer-Täter Prinzip einfach umgekehrt und der Übeltäter wird zum bemitleidenswerten Oper, das angeblich traumatisiert und sozialschmarotzend, „sponsored by the braven Steuerzahler in Germanyr“ vor sich hinlebt und sich mit Händen und Füßen dagegen stäubt a) vernünftiges Deutsch zu lernen und b) nicht mit aller Gewalt seine für uns oft befremdliche Kultur bei uns durchsetzen zu wollen.

Aber wie wir ja alle wissen, sind es nur ganz, ganz wenige Individuen die das tun, also sozusagen eine Randgruppe. Das lernen wir ja täglich aus den Massenmedien. Ich bin ja ohnehin der Meinung, es sollten rechteckige Sonnenbrillen für alle verteilt werden, da von vielen Menschen die Realität erst anerkannt wird, wenn ein rectangulärer Bildschirm, sei es als Fernsehgerät oder Smartphone ausgeführt, diese in manipulativen Pseudorealitäten wiedergegeben wird. Aber was weiß ich schon?

Und ich werde außerdem einen Teufel tun der allgemein von allen propagierten Meinung zu Widersprechen! Ich will ja nicht als Schwarzseher, Weltverschwörer oder sogar Rechtsradikaler oder Nazi angesehen werden. Das möchte ja keiner von uns, oder? Daher immer schön die vorherrschende Meinung vertreten!

Nun aber zurück zu meinem Stadtausflug. Mein erster Eindruck von Friedrichshain war, als ich da ankam, eine Gruppe dunkler Gestalten, die an einer Strassenbrücke herumlungerten. Als sie meiner gewahr wurden, löste sich eine, die dunkelste Gestalt, aus der Truppe, schlenderte lässig auf mich zu und grinste mich mit zwei sehr weißen, aber nicht mehr ganz vollständigen, Zahnreihen an. Folgender hochgeistige Dialog entspann sich darauf zwischen uns:

Er so: „Ey, Digga, was geht?“

Ich so: „Ääääh. Ich hab keine Ahnung“.

Er so: „Alder, brauchst du was?“

Ich so: „Hm, wenn sie so fragen. Ja. Zwei Wochen bezahlter Urlaub wären mal ein guter Anfang. Dann hätte ich noch Bock auf eine echte Wiener Käsekrainer mit süßem Senf, Brot und einem Almdudler, aber die gibts hier in dieser Stadt leider nicht in der von mir gewohnten udn bevorzugten heimischen Geschmacksqualität, also die Käsekrainer meine ich, dazu. einen Almudler der hier interessanter Weise auch anders schmeckt als in meiner hügelig bis bergigen Heimat. Ach ja und mein Auto braucht mal wieder eine Autowäsche. Wenn man auf der Autobahn mit 228 Kilometer pro Stunde so vor sich hindümpelt, nimmt man alles mit was da einem entgegen kreucht und fleucht und das macht dann immer so einen leicht gepunkteten Film aus toten Insektenkörpern auf der Windschutzscheibe und auf den Seitenspiegeln. Und die sollen eben weg. Sieht halt nicht schön aus“.

Er so: „Ey, Alda, wassen krasse Typ bis du denn? Isch versteh nur die Hälfte. Aber hab ich voll krass Zeug was macht gute Laune, schwör isch.“

Ich so: „Nein Danke, Zeug hab ich selber genug, bin gerade dabei meine Schränke auszumisten. In zehn Jahren sammelt sich extrem viel eigenes Zeug an das man eh nicht braucht aber zu schade ist es wegzuwerfen. Jetzt reicht es mir aber und ich verkaufe die Sachen auf Ebay oder werfe sie einfach beim Nachbarn heilich in die gelbe Mülltonne. Aber trotzdem danke.“

Ich ging weiter meines Weges, der Typ glotzte mir leicht irritiert hinterher und ich wäre dabei fast in einen Haufen Hundeexkremente getreten. Glück gehabt.

Zum Glück war ich gerade nicht in Reinickendorf oder Marzahn-Hellersdorf unterwegs, da ist die prozentuale Dichte der Ablage der Würste die hinten aus den Vierbeinern rauskommen am höchsten. In beiden Bezirken leben aktuell rund 9.500 Hundebesitzer. Danach kommen gleich Steglitz-Zehlendorf und Pankow in der Hitparade der gehwegverzierenden Deponaden. Die wenigsten Hundebesitzer gibt es in Kreuzberg/Friedrichshain, wodurch mehr Gehsteig zu sehen ist, als in den anderen Distrikten, was wiederum, zu meinem Glück, die Chance in einen Kackhaufen zu treten geringer hält.

Die Hundesteuer für Berlin beläuft sich pro Jahr übrigens auf rund 10 Millionen Euro, Tendenz steigend, was, sowohl die Steuereinnahmen, als auch die Anzahl der liegen gelassenen Hundehaufen, trotz strafen dafür von bis zu 60 Euro, in, auf und um öffentliche Flächen der Stadt betrifft. Und Sanitäts-, Rettungs- und Blindenhunde sind von der Hundesteuer ohnehin ausgeschlossen, und Blindenhunde können, auf Grund der gegebenen Umstände, ihr grosses Geschäft in der Öffentlichkeit, aber von Ihrem Herrchen ungesehen, verrichten.

Dieses „heimlich Sachen irgendwo liegen lassen“ funktioniert in einer Großstadt, auf Grund der Anonymität des urbanen Einwohners, übrigens ganz gut. Es gibt da Menschen die seit 20 Jahren in ein und derselben Wohnung leben und Ihre Nachbarn nur vom flüchtigen Grüßen im Treppenhaus kennen. Auf der Straße guckt dir kaum jemand in die Augen und wenn, um dich zu provozieren, oder dir etwas verkaufen zu wollen.

Trotzdem zieht es jedes Jahr immer mehr Menschen in diese ohnehin schon übervolle Metropole. Die Mieten explodieren, die Lebensmittelpreise ziehen ebenfalls langsam nach, viele früher prestigeträchtige Gegenden sind heute dreckig, beschmiert und abgeranzt. Im Sommer tobt der Mob in den Parks und rund um die Seen und prügelt sich um die paar freien Liegeplätze. Doch jeder wie er es mag. Meines ist es nicht.

Ich liebe ruhigere Kleinstädte. Und in eine hatte ich letzten Sven entführt. An einen See. Und Sven war als echter Urbaner schockiert. Da gab es doch tatsächlich Jugendliche, die nicht im Hochsommer mit dicken Kaputzenshirts und schlabbrigen „zu-Hause-Couch-Jogginghose“ rumliefen, sondern in „Non-Pseudo-Rpper-Klamotten“, bestehend aus sauberen Jeans, Poloshirt und Sneakers. Und die sprachen alle Deutsch. Also jetzt nicht das „Alda-isch-bin-voll-krass-cool-und-gechillt-weil-isch-fahr-5er-Karre-schwör- isch“-Deutsch das Jugendliche aktuell gerne von, nennen wir sie mal „zugezogenen Menschen“ übernehmen weil sie es cool finden so zu reden wie gewisse Vollpfosten in Musikvideos, sondern echtes Hochdeutsch. Und diese Jugendlichen hatten gute Manieren, konnten Grüßen und hatten sogar Respekt vor älteren Menschen. Und was am schockierendsten für Sven war: Fremde Menschen sehen dir auf offener Straße in die Augen und dann kommt der echte, wahrhaftige Horror für einen Vollbluturbanisierten: Sie grüßen dich!

Sven war knapp am Rande des Herzinfarkts und als er merkte wie viel Sauerstoffgehalt in der gesunden Wald- und Seeluft enthalten ist, klappte er körperlich und mental ganz zusammen und flehte mich an Ihn wieder zurück in die Stadt zu fahren.

So sind Geschmäcker und Bedürfnisse eben verschieden. Was der eine liebt, mag der andere gar nicht. Menschen sind doch sehr verschieden, oder? Aber was weiß ich denn schon?

(c) 2019 Hurga Hrabonsky