Ein Gedankenexperiment: Die Verlockung der selbstfahrenden Taxen

Nehmen wir sie doch mal ernst!

Besucher werden von der Messe abgeholt.

Das Meeting ist bereits überzogen. Ungeduldig sitze ich am Rande des Beamer-Lichtes und hoffe, meinen Flug nicht zu verpassen. Mein Sohn hat heute Geburtstag und ich hatte ihm versprochen, pünktlich zu sein. Meine Uhr vibriert. Eine Push-Nachricht empfiehlt mir in 15 Minuten los zugehen, um rechtzeitig am Flughafen zu sein. Auch die anderen blicken jetzt unruhig umher, packen ihre Laptops zusammen; ein Rascheln durchfährt den Raum. Endlich, der letzte Redner ist fertig. Wir klatschen, bedanken uns artig und schütteln dabei viele Hände. Ich eile hinaus, gehe zum Fahrstuhl und fahre ins Erdgeschoss. Dort erhalte ich wieder eine Nachricht: KX TR 1154. Das Taxi fährt gerade ein, seine Tür schwingt auf und ich steige ein. Ruhe. Auf einen Car Pool habe ich gerade keine Lust und so fahre ich ohne Umwege zu meinem Terminal.

Zu solchen oder ähnlichen Szenen kommt es beinahe täglich auf der Welt. Wir haben einen Flug nach Hause und wollen den natürlich nicht verpassen. Der Traum der Smart City wäre die optimale Vernetzung unseres immer hektisch werdenden Alltags. Irgendeine App agiert dabei als der persönliche Assistent, nennen wir ihn vielleicht WeChat. Dieser weiß, wann mein Flug startet, kennt stets meinen Standort und kann daraus den Anfahrtsweg zum Gate exakt berechnen. Sobald ich mich in Bewegung setze, hält ein autonom fahrendes Taxi am Ausgang des Gebäudes, um mich abzuholen. Von dort bringt es mich dann zum Flughafen. Auf Grundlage der Analyse des Inhaltes meines heimischen Kühlschankes, meiner Koch- und Essgewohnheit sowie meinem bisherigen Aktivitätsstatus in diversen Städten bestellt mein Assistent mir ein Abendbrot. Es wartet am Flughafen auf mich, ich muss nur noch in das richtige Restaurant gehen, der Kellner begrüßt mich persönlich mit meinem Vornamen.

Wir könnten diese Customer Journey endlos weiterführen und uns überlegen, wie wir Daten zu sinnvollen bzw. prozessualen Automatismen umsetzen können. Alles was irgendwie eine Schnittstelle besitzt, wird so zu einer endlosen Kette an Aufgaben zusammengefügt, die je nach Status und Anforderung umgesetzt werden. Dieses Arbeitsfeld nennen wir heute Service Design. Konzeptuell wird dabei der Ablauf und die Interaktion zwischen Menschen, Dienstleistungen und Kommunikationswege geplant und organisiert. Es geht um das optimale Design einer möglichst automatisierten Dienstleitung. Im Vordergrund steht dabei das Kundenerlebnis oder in Zeiten der Nutzer: die User Experience. Jeder Medienbruch, jeder unnötige Klick, jede Barriere soll reduziert werden, möglichst nicht mehr vorhanden sein und der Kunde keine Störung empfinden. Die Daten der Nutzer ermöglichen einen reibungslosen Ablauf des Alltags. Alles fließt fortan perfekt, weil Algorithmen keinen Reibungsverlust zulassen und wenn doch, wird dieser ge-fixed. Energie wird gespart, Staus vermieden und gemeinsam genutzte Autos optimal ausgelastet.

„Rechnung versenden“, spreche ich am Flughafen in meine Uhr. Das Taxi hat schon wieder einen neuen Nutzer und rauscht davon. Zum Glück ist der Arbeitstag nun endlich vorbei. Ich lockere die Krawatte und atme einmal tief durch. Am Flughafen angekommen, erhalte ich wieder eine Nachricht, die mich mit drei Geschenkauswahlmöglichkeiten an den Geburtstag meines Sohnes erinnert. Nachdem ich mich für Geschenk Nummer drei entschieden habe, erhalte ich bereits den Weg zur Amazon-Pickup-Station. Ich gehe los und eile vorher noch zum Starbucks, wo ein Snack und ein Wasser auf mich warten. 10 Minuten und 43 Sekunden bis ich am Gate sein muss. Das ist zu schaffen. Ich bekomme Lust auf einen Espresso und setze ihn ebenfalls auf die Bestellung bei Starbucks mit drauf. Als ich ankomme, wartet bereits das Fach 27 auf mich. Die Identifizierung mit meiner Uhr öffnet es. Der Espresso steht bereits dampfend-frisch im Fach und zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht. 8 Minuten und 13 Sekunden. Ich eile weiter, halte aber zwischendurch an, um vom Espresso zu trinken. Drei Minuten vergehen, bis ich an den Schließfächern von Amazon ankomme. Wieder öffne ich ein Fach und nehme das Geschenk heraus. Ich schmunzle, weil das Geschenkpapier mit Figuren aus der Lieblings-Youtube-Serie bedruckt ist. 5 Minuten. Meine Uhr vibriert mahnend und ich setze mich in Bewegung zum Gate.

Nehmen wir den Gedanken doch mal ernst und schauen uns an, was passiert, wenn wir in Deutschland ausschließlich selbstfahrende Taxen einsetzen, die ganz und vollumfänglich nur für den Kunden da sind. Die Vorläufer dieser Entwicklung sind bereits eingeläutet, wenn auch nicht direkt sichtbar. Entscheidend ist nämlich nicht das selbstfahrende Auto, sondern die Plattform, mein persönlicher Assistent, der den Zugang dazu gibt. Dieser soll möglichst intelligent meine Daten verwalten und aus ihnen die richtigen Analysen ziehen. Denn wir wollen ja in Zukunft nicht einfach nur Taxi fahren, sondern die frei gewordene Zeit während und vor der Taxifahrt nutzen. MyTaxi, Uber, Google Maps oder WeChat, alle können bereits Taxen buchen. Die Zukunft dabei liegt in China und in der App WeChat. In kaum einem anderen Land lässt sich schon jetzt das Leben so umfangreich automatisieren. Mit WeChat können wir unsere Hemden in die Reinigung bringen lassen, Taxen und Essen bestellen, einen Tisch reservieren, offline bei McDonalds bezahlen, Spiele gegen Freunde spielen oder Arzttermine buchen. Und ja, chatten sowie Sprachnachrichten versenden funktioniert auch noch. Der Nutzer muss dabei die App nicht einmal verlassen. Die App kann fast alles organisieren, was der Alltag an Herausforderungen bietet. Wer also erfolgreich Service Design betreiben will, muss im Sinne des Bestandes denken und sein Einstellung dazu radikal ändern, in dem er diesen stets verfügbar macht. Heidegger hat schon in den 50er Jahren das Wesen der modernen Technik beschrieben. Im Bestand wird der Mensch von der modernen Technik ausgemacht. Diese gibt vor, wie etwas zu tun ist und welche Handlungsoptionen vorhanden sind. Dieser Bestand wird heute von Algorithmen und APIs organisiert. Sie bestimmen, wie wir Technologien verwenden können und wie nicht. Der Bestand ermöglicht nun das Bestellen von Gesichert-Bestellbarem — im besten Fall soll die ganze Welt bestellbar sein.

Metrozüge in Kopenhagen oder Barcelona fahren bereits fahrerlos und den meisten Fahrgästen fällt es noch nicht einmal auf. In Singapur läuft gerade ein Test mit autonom fahrenden Taxen. Das Start-up NuTonomy ist damit der erste Taxi-Dienst, der auf einen Fahrer verzichtet. Bekannt ist hinlänglich, dass Unternehmen wie Google, Uber, Mercedes, Tesla oder BMW ebenfalls daran arbeiten, Autos autonom durch die Gegend fahren zu lassen. Schlagzeilen machen aber vor allem ausländische Unternehmen. Man wirft den deutschen Herstellern Rückständigkeit vor und mahnt immer wieder, man müsse mehr investieren, sonst würde man den Anschluss an Tesla und Co. verlieren. Deutschland als Hochtechnologiestandort scheint dem Untergang geweiht, die Uber-, Tesla- und Google-Flut wird uns bald überrennen.

Sobald ich gelandet bin, erhalte ich wieder eine Nachricht. „TZ RF 6329 wäre in 15 Minuten für Sie bereit. Benötigen Sie ein Taxi?“ Ich bestätige die Frage und ordere ein Taxi. „Sehr gerne. Sie können Kosten sparen, indem Sie ein Paket mitnehmen, was in Ihre Nachbarschaf geliefert werden muss. Die Fahrtkosten würden sich um 50% reduzieren. Wollen Sie das Angebot annehmen?“ Wieder bestätige ich und nehme das Angebot an. Als ich die Brücke in das Terminal verlasse, erhalte ich erneut eine Nachricht. „Hallo Frank! Ich hoffe, Sie sind gut gelandet. Ihr Einkauf wartet bereits auf Sie in Fach 47 am Ausgang Ost. Sollten Sie noch etwas benötigen, dann sprechen Sie uns gerne an. Ihr REWE Team!“ Ich gehe die Liste durch und überlege kurz, was noch fehlt… Ja, ich weiß es! Im Menü wähle ich Blumen aus und lege sie mit in den Einkauf. Sofort erhalte ich wieder eine Nachricht. „Danke Frank! Die Blumen erhalten Sie während der Fahrt nach Hause an der REWE-Station 146. Gute Fahrt! Ihr REWE-Team.“ Ich lächle. Alles funktioniert perfekt. Meine Frau und mein Sohne werden sich freuen! Glücklich laufe ich zum Ausgang Ost, um den Einkauf aus dem Fach 47 zu holen. Durch die Schiebetüren sehe ich bereits das für mich reservierte Taxi mit offenen Türen. Eine Drohne belädt das Dach mit dem Paket, was ich mitnehmen soll. Es ist alles startklar. Meine Uhr zeigt mir eine voraussichtliche Fahrzeit von 21 Minuten an. Staus sind keine zu erwarten. So rausche ich davon und lasse mich von einer Massage verwöhnen.

Zahlreiche universitäre Forschungsprojekte bringen in Deutschland seit Jahren überaus vielversprechende Ergebnisse hervor. Raúl Rojas, Professor für künstliche Intelligenz an der Freien Universität Berlin, ist in seinem Projekt autonomos labs gerade autonom 2.400km durch Mexiko gefahren. Unterstützt wird das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Der Staat hat also durchaus Interesse an autonomen Fahrzeugen, auch wenn die Prämie für Elektroautos bisher von den Bürgern und Bürgerinnen kaum in Anspruch genommen wird. Für die Einführung autonom fahrender Taxen spricht einiges auf Seiten der Unternehmer selbst. Immer sehr beliebt ist das Arguments des Fortschritts und Wettbewerbs. „Wenn wir es nicht machen, macht es ein anderer und das geht dann zu Lasten der heimischen Unternehmen.“ Uber wurde als große Gefahr gesehen und bisher erfolgreich abgewehrt. An jeder Ecke droht der Putsch der neuen digitalen Elite. Im Fortschrittsgedanken steckt auch die Annahme, Technologie würde unser Leben zunehmend erleichtern. Unsere user experience wird auf ein neues Level gehoben, das Leben noch luftiger und lockerer, die autonome Sänfte für jeden Bürger und jede Bürgerin ist in greifbarer Nähe. Doch wie sehen die ethischen, sozialen und gesellschaftlichen Folgen aus, wenn in Deutschland von heute auf morgen alle Taxen autonom fahren würden? Steuern wir auf eine gesellschaftliche Katastrophe zu?

In Deutschland gab es im Jahr 2012 53.554 Taxen, die im gleichen Jahr schätzungsweise 427 Millionen Menschen befördert und dabei 4,14 Milliarden Euro erwirtschaftet haben. Für das Jahr 2014 lagen die Einnahmen bei 4,44 Milliarden Euro. Es muss nicht weiter erwähnt werden, dass dieser Markt überaus attraktiv für alle Beteiligten ist, die nicht selbst im Taxi sitzen. Gehälter zwischen 1.000€ und 3.000€ Brutto sind bei Taxifahrern möglich und stellen dabei einen immensen Kostenblock dar, den jedes Unternehmen natürlich sehr gerne reduzieren würde. Wahrscheinlich würde sogar der Bestand an autonomen Taxen sinken, wenn Algorithmen berechnen, wann und wo wie viele Taxen gebraucht werden, um so überschüssige und nicht genutzte Kapazitäten zu vermeiden. Heute stehen Taxen oftmals ungenutzt rum, ihre Fahrer daneben und warten rauchend auf Kunden. Das Taxi der Zukunft würde bereits ahnend wissen, wo sich der nächste Gast aufhält und selbstständig dort hinfahren.

Was würde sich für die Fahrer ändern, wenn sie von jetzt auf auf gleich in die Arbeitslosigkeit gehen, weil sie durch einen Algorithmus ersetzt werden? Gehen sie wirklich ohne Alternative im Hinterkopf in die Arbeitslosigkeit? Oder kommt ein schleichender Übergang und es werden keine neuen Fahrer mehr eingestellt und die älteren als Dinosaurier sukzessiv in die Rente verabschiedet? Selbstfahrende Taxen dürften zwar am Anfang teurer sein als ihre dann steinzeitlichen Vorgänger, aber die Einsparung an Personalkosten amortisiert sie in nur wenigen Monaten. Bei 53.554 angemeldeten Taxen sind das wenigstens genauso viele Taxifahrer, die keinen Job mehr hätten. Mietwagenunternehmen, die Shuttles anbieten, sind dabei noch gar nicht mitgerechnet. Zur Berlinale 2016 hatte der Sponsor Audi den Schauspieler Daniel Brühl fahrerlos auf den roten Teppich vorgefahren und uns damit einen kleinen Blick in Zukunft gegönnt. Das charmante aufhalten der Tür durch den Fahrer wird dann durch die Tür selber geschehen. Der Automatismus des Automaten setzt seinen Siegeszug fort.

Mein Taxi hält. Die Scheibe geht automatisch herunter und ein gut aussehender junger Mann in einem Anzug lächelt mich. „Guten Tag Frank! Ich bin Ihr REWE-Premium-Betreuer. Sie hatten Blumen bestellt, richtig?“, sagt er sanft und freundlich.
„Ja, mein Sohn hat heute Geburtstag. Haben Sie da etwas?“
„Natürlich. Wie wäre es hier mit?“
Er zeigt mir auf seinem Tablet einen Blumenstrauß.
„Toll, den nehme ich! Wissen sie was, legen Sie bitte noch einen Strauß Rosen dazu. Ginge das?“, frage ich freudig.
„Natürlich, das machen wir sehr gerne. Noch etwas?“
„Nein, das ist alles. Vielen Dank.“
„Gut, dann bestätigen Sie bitte Ihren Einkauf mit Ihrem Fingerabdruck. Ihre Blumensträuße werden in wenigen Minuten hier sein.“, sagt er immer noch lächelnd und verabschiedet sich dann. Wie versprochen wird der Strauß in wenigen Minuten von einem Runner gebracht und in den Kofferraum gelegt. Mein Taxi fährt weiter.

Für das Taxiunternehmen, welches die so begehrten Konzessionen zum Betrieb von Taxen erhält, würde eine herausragende Situation entstehen. Statt dagegen anzukämpfen, sollten sie für das autonome fahren kämpfen! Denn es entstünden weniger Kosten durch nicht mehr vorhandene Mitarbeiter. Die so frei gewordenen Kosten könnten für das Flottenmanagement oder den Kundenservicen eingesetzt werden. Ein anderer Teil der freigewordenen Mitarbeiter könnte in der Überwachung des Betriebes tätig sein und so Unauffälligkeiten beobachten ggf. eingreifen, falls sich der Algorithmus aufhängt — Windows 98 lässt grüßen. Andere Mitarbeiter könnten helfen, ein Logistik-Unternehmen aufzubauen oder Kapazitäten an DHL oder Amazon abzugeben. Wenn ein Gast von A nach B fährt, warum dann nicht auch Pakete mitnehmen, was ebenfalls in den Umkreis von B muss? Die Ausgaben für den Gast und derjenige, der das Paket erwartet, werden dadurch reduziert, weil sie sich die Fahrt teilen — irgendein Anreiz muss ja vorhanden sein. Das Taxiunternehmen kassiert stattdessen doppelt ab, hat aber nur eine Fahrt zu tätigen. Weiterhin könnte die Flotte durch Solarenergie betankt werden. Frei gewordene Gelder werden dann in Solarpanels investiert sowie Ladestationen, die für alle Autos in der jeweiligen Stadt oder Gemeinde frei zugänglich sind — das Unternehmen wird öffentlich zum Wohltäter. Aber vielleicht wehrt sich der alteingesessne Betreiber von Taxen gegen neue Ideen und will von Diversifikation nichts wissen. Eine andere Alternative ist dann, eine Roboter-Steuer einzuführen, die die gesparten Löhne dadurch ebenfalls umverteilt und sie vielleicht in ein Grundeinkommen investiert.

Eine Frage, die man jedem digitalen System stellen sollte, lautet: Können autonom fahrende Taxen manipuliert werden? Ja! Kein System ist sicher. Computer und Software werden immer zu hacken sein und damit können sie manipuliert werden. Der nächste Tatort aus Stuttgart ist geboren. Digitaler Massenmord im Taxi — Lebt Blue Sky noch? Bankräuber agieren fortan von Zuhause aus und lassen Taxi-Insassen so lange durch die Gegend fahren, bis sie die Lösegeldsumme per PayPal oder Blockchain überwiesen haben. Aber im Ernst, es muss für autonome Taxen die Möglichkeit geben, auf einen manuellen Modus umzuschalten, der es dem Fahrgast erlaubt, die Türen selbst zu öffnen und auch selbst zu lenken. Die Souveränität und Freiheit gegenüber Technologien darf in Zeiten der digitalen Autonomie nicht aufgegeben werden.

Autonomes fahren bedeutet auch, über ethische Entscheidungen gegenüber Unfällen und damit gegenüber dem Tod nachzudenken. Ist ein junger Manager eines aufstrebenden Unternehmens mehr wert, als die Hausfrau oder der Krankenpfleger? Wer soll getötet werden, wenn das Auto durch den Algorithmus entscheiden muss, wohin es ausweicht? Vielleicht sollte man sich bei der Beantwortung dieser Frage an einen Grundsatz aus der Fahrschule erinnern: Vorausschauend fahren als oberstes Prinzip. Wenn ein Auto autonom fahren kann und es schafft, in weniger als einer Sekunde zwischen mehreren Gefahrenquellen zu unterscheiden und diese normativ zu bewerten, dann schafft der Algorithmus es auch, entsprechende Unfälle im Voraus zu antizipieren. Denn die häufigsten Ursachen von Unfällen im Straßenverkehr sind jene, bei denen der Fahrer nicht entscheiden muss, wen er jetzt spontan umfährt, sondern weil er sich schlichtweg nicht an die Regeln der StVO hält. Und Regeln kann ein Algorithmus besonders gut.

Welche Interessen hat der Staat am autonomen fahren? Algorithmen und Software sind immer begrenzte und geschlossenen Systeme, die als Bestand abgeriegelt sind. Folglich ist die daraus resultierende Handlung höchst effizient und zielführend, aber die breiten Möglichkeiten des menschlichen Seins sind eingeschränkt — rasende Taxifahrer wird es damit nicht mehr geben, Blitzerfotos werden dann Relikte der Vergangenheit sein und unbekannte Wege oder sonderbare Abkürzungen werden zu Gerüchten. Steuerhinterziehung für das Unternehmen ist folglich auch nicht mehr möglich. Das 24/7-connected Taxi übermittel die Fahrtkosten, Steuernummer vom Unternehmen sowie, wenn erwünscht, die Details des Fahrgastes sofort an das Finanzamt oder an den Steuerberater seines Vertrauens. Unnötiges Ausfüllen von Auslagenrechnungen sowie Sortieren von Rechnungen fällt weg, der Grund der Taxifahrt wird über den Standort und das Profil des Gastes ermittelt oder nennen wir ihn doch lieber Nutzer, denn ein Fahrgast ist in autonomen Taxen bei niemanden mehr zu Gast.

Zugunsten des Automaten wird dann der Small Talk, das lockere Gespräch, zunichte gemacht. Wie die WG-Küche, die Bar oder der Bahnsteig ist das Taxi ein Ort der zufälligen Versammlung. Dort treffen sich Menschen, die sich vielleicht sonst nicht getroffen hätten, erfahren Geschichten, die sie nie gehört hätten, sehen Dinge, die nur ein lokaler Alteingesessner kennt, weil dieser einen Schleichweg fährt, den Google Maps nicht kennt. Autonome Taxen tilgen diese menschliche Begegnung, sterilisieren weiterhin den Alltag und sondern das zufällige Ereignis aus. Denken wir diesen Gedanken utopisch weiter und beziehen das Car Sharing mit ein, so führen wir bald völlig anonym von A nach B. Für das soziale Wesen des Menschen, der die direkte Kommunikation braucht, sich redend austauschen will und erst im Gegenüber des Anderen aufblüht, wäre diese Abschottung wohl eine fatale Einengung seines Wesens. Oder sucht sich der Mensch am Ende andere Wege zum Erhalt direkter Kommunikation? Es wird am Ende eine Balance gefunden werden müssen. Zum einen darf der Menschen in den verschiedenen Bereichen der Wertschöpfungskette nicht komplett vergessen oder einfach aussortiert werden. Es würde ihm ein Stück Sinn am Leben und damit Befriedigung für sein Tun nehmen. Zum anderen muss technologischer Fortschritt für die Unternehmen und damit der Wirtschaft stets möglich bleiben. Werden wir das nicht hin bekommen, werden katastrophale Zustände in der Bevölkerung wohl unvermeidbar sein. Wenn Asien die unsrige Zukunft des technologischen Fortschritts ist, so ist die USA vielleicht die Zukunft unserer Gesellschaft.

Das Taxi hält vor meinem Haus und ich steige aus. Eine Drohne kommt gerade an und lädt das Paket ab, um es zu seinem Zielort zu bringen, zu meinem Nachbarn. Dieser kommt aus der Tür und nimmt es in Empfang. Wir lächeln uns an und grüßen uns. 
„Hab’ ein schönes Wochenende Frank! Danke für die geteilte Fahrt mit dem Taxi.“, sage er jetzt laut lachend.
„Na klar, kein Problem. Haben wir ja beide etwas von, nicht? Dir auch ein schönes Wochenende!“, sage ich zufrieden.
Dann nehme ich die Sachen aus dem Auto. Die Türen schließen automatisch, es rauscht davon. Im Türrahmen steht schon mein Sohn, der freudestrahlend auf mich zu gerannt kommt. Endlich Wochenende.