Was würde Freud zu Tinder sagen? — 
Eine kulturphilosophische Betrachtung

Gucken wir uns die globale Gesellschaft an, so fällt ein Fakt besonders auf: es besteht eine konstante Spannung zwischen dem Tabu-Thema Sex und dessen Fetischisierung als Ware. Im Alltag werden wir regelrecht mit der Versuchung nach Sex und Erotik bombardiert, was besonders beim realitätsfernen Bild der Frau sichtbar wird, da sie oft und vielseitig mit üppigen Rundungen und viel Haut auf diversen Medien erscheint. Gleichsam wird jedoch das Thema Sex und Erotik nur zaghaft bis gar nicht nach außen getragen. Das wohl prominenteste Bespiel dieser Ambivalenz ist die Werbung. Es wird zwar mit Sexualität und viel Haut geworben, jedoch gibt es eine Art Aufsicht, die allzu sexistisches Auftreten in der Werbung rügt und abmahnt. Es herrscht ein öffentliches Tabu, welches Sex verbannt — wir müssen selber damit umgehen. Diese Gegenüberstellung ist offensichtlich ein Widerspruch mit sich selbst. Auf der einen Seite werden wir aufgefordert, uns dem hinzugeben und auf der anderen Seite sollen wir darüber nicht reden. Wie können wir mit diesem Spannungsverhältnis als Individuum nun umgehen? Es muss ein Lösungsversuch her. Untersuchungsgegenstand dieses Gedankenspiels soll die App Tinder sein, die sich weltweit großer Beliebtheit erfreut, obwohl ihr Funktionsumfang äußerst begrenzt ist. Diese Untersuchung soll der Frage nachgehen: Ist Tinder ein Regulator, um die Zerrissenheit zwischen Es, Außenwelt und Über-Ich in der aktuellen globalen Kultur zu balancieren? Tinder soll hier stellvertretend als Beispiel für andere Plattformen und Webseiten angesehen werden, da es augenscheinlich nur einen minimalen Nenner der Dating und Porno-Industrie anbietet, aber gleichsam in vollem Umfang Bedürfnisse befriedigt.

Folgend soll zunächst die App Tinder vorgestellt werden, um sie fortan möglichst präzise einordnen und mit ihr arbeiten zu können. Da wir uns in der globalen Kultur bewegen, wird es nötig sein, einen Begriff der globalen Kultur heranzuziehen, um auch hier eine korrekte Verortung zu ermöglichen. Danach werden wir Freuds Theorien zum Sexualtrieb anschauen und hierbei besonders auf „Das Ich und das Es“ sowie auf „Das Unbehagen in der Kultur“ eingehen, da diese Texte sich mit der Einordnung des Sexualtriebs in der Gesellschaft res. Kultur beschäftigen. Wurde dieser Überblick gegeben, kann vielleicht gezeigt werden, was Nutzer dazu treibt, Tinder so umfangreich zu benutzen.

Beschreibung von Tinder

Die App Tinder wurde 2012 gegründet und soll zurzeit 20 Millionen aktive Nutzer haben, die sich weltweit unterhalten können. Ignorieren kann man diese Anwendung in unsere Kultur wohl nicht mehr. Um Tinder nutzen zu können, muss man sich mit einem existierenden Facebook-Profil anmelden und diesbezüglich auswählen, welches Geschlecht man gerne näher kennenlernen möchte. Zur Pflege des eigenen Bildes kann nun noch ein Text über sich selbst geschrieben werden sowie bis zu sechs Bilder eingestellt, um dem Gegenüber ein Eindruck von sich zu vermitteln. Hat man das geschafft, bekommt der Nutzer fortan entweder männliche oder weibliche Nutzer angezeigt, die sich in der näheren Umgebung aufhalten und laut Facebook-Profil gleiche Interessen haben. Tinder glaubt, dass Nutzer mit gleichen Interessen (die vorab auf Facebook durch das Anklicken von bestimmten Seiten zu bestimmten Themen ausgewählt wurden) sich auch im echten Leben kennenlernen wollen würden. Hat man nun einen Nutzer zur Auswahl vor sich, kann man den Nutzer entweder ablehnen, weil man ihn nicht mag (was meistens innerhalb von ein paar Sekunden entschieden wird), oder man klickt auf das Herz, um zu zeigen, dass man die Person irgendwie toll findet. Wie in einem Katalog kann der Nutzer so blättern und sich den Gegenüber regelrecht als Ware aussuchen. Erst wenn beide Parteien sich mit Gefällt mir markiert haben, kommt es zu einem Match und man darf sich private Nachrichten hin und her schicken. Was danach passiert, ist nur durch die Handlung der Nutzer limitiert. 
Damit muss Tinder in den Bereich der Dating und Flirt-Plattformen eingeordnet werden. Weiter kann somit die Hypothese aufgestellt werden, dass Nutzer auf Tinder miteinander schlafen wollen. Offiziell wirbt damit Tinder natürlich nicht, aber das aktuelle Video auf der Website legt dem Nutzer hunderte Fantasien nahe, die zwei Parteien miteinander ausleben könnten. Wer also ein Match erhält, hat potentiell die Möglichkeit ein erotisches oder sexuelles Abenteuer zu erleben; zu mindestens wird das suggeriert. Sollte es dann zu einem physischen Treffen kommen, findet ein zweites Treffen statt, bei dem sich das virtuelle Pärchen nochmals physisch kennenlernt. Selbst wenn es dazu nicht kommt, ist jeder Match eine Bestätigung für die eigene Person. Seht her, mich mag jemand. Jemand hat mich offiziell als interessanter Mensch bewertet. So wird wenigstens der eigene Narzissmus gestillt. Wir wissen von likes und Feedback in sozialen Netzwerken, dass der Nutzer dadurch Bestätigung und Anerkennung empfindet, was ihm für wenige Augenblicke einen Sinn gibt und eine gewisse Befriedigung darstellt. Da denkt jemand an mich und das fühlt sich gut an. Diese Pawlowsche Konditionierung der kurzfristigen Anerkennung kann zu einem Suchtverhalten führen. 
Witz, Charme, die menschliche Aura und alles was dazu gehört, wenn man einem echten Menschen in der realen Welt begegnet, werden auf Tinder vernachlässigt. Es entscheidet allein das Bild über ja oder nein. Ja, er/sie ist ein wertvoller Mensch oder nein, er/sie ist ein weniger wertvoller Mensch.

Die globale Kultur nach Redner

Unsere globale Kultur wird vor allem durch die digitale Technologisierung beeinflusst und geprägt. Jede Kultur besteht fundamental aus drei Säulen: Technik, Ethos und Repräsentation. Die Repräsentation sind Objekte oder auch Personen, die für etwas stehen oder jemanden einstehen. In lokalen Kulturen werden Repräsentationen eine Bedeutung zugemessen, die der Mensch erhält, wenn er Objekte oder ähnliches benutzt. So repräsentieren z.B. Heiligtümer einer jeden Kultur etwas Bedeutsames, was für die Menschen der Kultur wichtig ist. Wir sehen heute noch, dass immer wieder religiöse Symbole zerstört werden, um ihre Bedeutung zu schmälern. Aber auch ein Anwalt oder ein Auto repräsentieren etwas und können eine Bedeutung für jemand oder etwas haben.

Der Ethos bestimmt unser Verhalten und die Regeln res. Normen in unserer Kultur, nach der wir uns ausrichten. So werden Begrüßungen, Rituale oder der Umgang mit Menschenleben einen bestimmten Wert zugesprochen, an dem sich die Menschen orientieren, da es wertvoll für den Erhalt der Kultur ist.

Die dritte Säule sind Techniken, die eine Kultur benutzt und weiterentwickelt. Also Techniken zur Herstellung von Objekten, zum Anbau von Pflanzen auf dem Acker oder auch zur Hinrichtung von Menschen. Alle drei Säulen bedingen sich einander normalerweise gleichwertig und prägen sich damit auch gegenseitig in ihrer Entwicklung. So prägt die Technik des Autos unsere Verhalten in der Stadt und wie wir uns in der Stadt bewegen. Anbautechniken bestimmen was wir essen und welchen Nahrungsmitteln wir eine Bedeutung zuweisen und welchen nicht.

In der globalen Kultur kommt es jedoch zum Triumph der Technik über den Ethos und der Repräsentation, was zur Homogenisierung und Entmenschlichung unserer lokalen Kultur führt — die Repräsentationen verlieren an Bedeutung und der Ethos seinen Wert für den Menschen. Diese Homogenisierung wird vor allem durch die Automatisierung und leichte Reproduzierbarkeit von Daten und Informationen ermöglicht. Die Entwertung des Lebens und seine zunehmende Bedeutungslosigkeit schaffen eine Leere, die nach Redner durch eine Ersatzkultur gefüllt wird. Sie tritt an jene Stelle, die Rituale und Traditionen einst in der lokalen Kultur ausfüllten. Oder wie Han sagt: „Daten und Zahlen sind additiv und nicht narrativ. Sinn beruht dagegen auf Narration. Daten füllen die Sinnleere.“
Warum das wichtig ist, zu erwähnen? Tinder muss als digitale Technologie angesehen werden, die in unser Verhalten eingreift und uns formt. “We shape our tools and thereafter our tools shape us.” Diese Plattform ist sicherlich nicht die erste ihrer Art, aber sie kann durch die Einfachheit als stellvertretend für viele andere angesehen werden.

Triebe und das Ich in der Kultur

Folgend wird auf Grundlage Freuds erklärt, wie sich Triebe in unserer Gesellschaft verhalten und wie sich diese innerhalb einer Kultur entwickeln. Im Zentrum steht dabei vor allem der Sexualtrieb. Darauf aufbauend wird anschließend Tinder kulturphilosophisch betrachtet.

Die Ausprägungen des Ichs

Freud sieht den Menschen vor allem durch Triebe konstituiert und versucht dadurch Verhalten in der Gesellschaft zu erklären. Ein zentraler Trieb stellt dabei der Sexualtrieb dar, der im ständigen Spannungsverhältnis mit der Kultur res. mit äußeren Einflüssen steht. Das Ich, welches das ausgeprägte und bewusste Selbstbild der äußeren Welt eines Menschen darstellt und ein modifizierter Teil vom Es ist, bekommt im Laufe der frühkindlichen Entwicklung das Über-Ich als weitere Instanz zu spüren, die dem Ich Befehle und Verbote auferlegen will, aber eben auch zugleich ein Teil des Ichs ist. Das Ich kann als Tor angesehen werden, das äußere und innere Wahrnehmungen aufnimmt, sich mit ihnen identifiziert, und diese in den Seelenapparat des Unbewussten und Vorbewussten einordnet. Es prägt sich als mehrfache Existenzen aus dem Erleben der Umwelt.

Dabei muss jedoch das Ich ständig den Kampf innerhalb der Kultur führen. Um Klarheit zu erlangen, soll zunächst das Es beschrieben werden. Das Es ist das Unerkannte und Unbewusste, welches fließend, nicht genau getrennt, vom Ich hinabfließt und so keine präzise Trennung von Bewusstem und Unbewusstem aufzeigt. Das Es enthält die unbewussten Triebe. Freud spricht hier vom Sexualtrieb sowie vom Todestrieb (der jedoch für diese Untersuchung außer Acht gelassen werden soll). „Das Ich repräsentiert, was man Vernunft und Besonnenheit nennen kann, im Gegensatz zum Es, welches die Leidenschaften enthält. […] Zu Uranfang ist alle Libido im Es angehäuft, während das Ich noch in der Bildung begriffen oder schwächlich ist.“ Das Es hat gewissermaßen einen eigenen Willen, der versucht wird, vom wachsenden Ich gesteuert zu werden und die Triebe in die richtige Richtung zu bringen. Das Ich kann keine absolute Herrschaft über das Es erlangen, es muss seine Kräfte annehmen und umsetzen.

Dieser tiefen Instanz, mit der das Ich umgehen muss, steht eine hohe Instanz entgegen — das Über-Ich. Es entwickelt sich maßgeblich aus der Identifizierung (Desexualisierung) und Objektbesetzung (Ausübung des Sexualtriebes) gegenüber den Eltern. Das Kind muss lernen, sich von der Objektbesetzung der Mutter zu lösen (welche durch das Stillen mit der Brust einhergeht) und sich gleichsam mit dem Vater zu identifizieren, ihn nicht als Hindernis gegenüber der Mutter anzusehen. Dieser Ödipuskomplex (töten des hinderlichen Vaters, um die Mutter für sich alleine zu haben) muss vermieden werden, sodass sich der männliche res. weibliche Charakter beim Kind herausbilden kann. Doch dazu kommt es nicht unbedingt und die Kinder entwickeln eine ambivalente Einstellung zur Mutter oder/und zum Vater, was zur gleichzeitigen Eifersucht und zärtlichen Objektwahl gegenüber den Eltern kommen kann. Freud spricht dabei von einem Niederschlag des Ichs, was zur Bildung des Über-Ichs führt und fortan Ideale gegen das Ich formuliert. „Diese Ich-veränderung behält ihre Sonderstellung, sie tritt dem anderen Inhalt des Ichs als Ichideal oder Über-Ich entgegen. […] Seine Beziehung zum Ich erschöpft sich nicht in der Mahnung: So (wie der Vater) sollst du sein, sie umfasst auch das Verbot: So (wie der Vater) darfst du nicht sein, das heißt nicht alles tun, was er tut […]“ Das frühkindliche Erleben also mit der Akzeptanz oder nicht-Akzeptant von Vater und Mutter schafft durch das Verdrängen des Ödipuskomplexes ein Gewissen, was je nach Größe der Hindernisses einen Kraftakt für das Ich darstellt. „Das Über-Ich wird den Charakter des Vaters bewahren und je stärker der Ödipuskomplex war, je beschleunigter (unter dem Einfluss von Autorität, Religionslehre, Unterricht, Lektüre) seine Verdrängung erfolgte, desto strenger wird später das Über-Ich als Gewissen, vielleicht als unbewußtes Schuldgefühl über das Ich herrschen.“ Das Ich und das Es erhalten demnach mit dem Über-Ich einen kulturell-spezifischen Gegenspieler, der je nach Entwicklung des Kindes streng oder weniger streng gegen die Triebe vor geht. Das Über-Ich ist bleibender Teil des Elterneinflusses und formt zeitlebens den Charakter. „Als kleine Kinder haben wir diese höheren Wesen [Eltern] gekannt, bewundert, gefürchtet, später sie in uns selbst aufgenommen.“ Das Über-Ich wirkt gewissermaßen in uns nach, wenn die Eltern schon lange keinen Einfluss mehr auf uns haben jedoch die Gesellschaft umso mehr.

Mir dem Über-Ich schafft es das Ich, sich gegenüber der Innenwelt des Es’ zu unterwerfen und seinem Willen Einhalt zu gebieten, wobei das Ich als Vermittler einen Teil der Libido des Es’ aufnimmt, es teilweise de-sexualisiert. Das Über-Ich nimmt dabei eine Wertung des triebhaften vor, da die Triebe in der Kultur nicht frei sein können. „Im weiteren Verlauf der Entwicklung haben Lehrer und Autoritäten die Vaterrolle fortgeführt; deren Gebote und Verbote sind im Ich-Ideal mächtig geblieben und üben jetzt als Gewissen die moralische Zensur aus.“ Die Eltern als etwas Höheres prägen das Kind im kulturellen Kontext, geben jedoch später dieses Höheres an eine andere Einrichtung innerhalb der Gesellschaft ab, in der das Kind ebenfalls gehorchen soll. Ohne Kultur wäre das Über-Ich weder möglich noch notwendig. Die turbulente Entstehung des Über-Ichs kann demnach später auf einer anderen Ebene in der Gesellschaft als Konflikt gegenüber elternähnlichen Autoritäten durchaus fortgeführt werden. Da das Über-ich auch Ideal-Ich genannt wird, konstituiert sein Entstehen beim Individuum die ideal-sittlichen und moralischen Einstellungen in der Gesellschaft. Es vergleicht sich dauerhaft mit seinem Tun, was bei falschem Tun Schuldgefühle hervorruft. Es ist das Gewissen. „[…] es beruht auf der Spannung zwischen dem Ich und dem Ichideal, ist der Ausdruck einer Verurteilung des Ichs durch seine kritische Instanz.“ Das Über-Ich ist dabei vor allem unabhängig gegenüber dem Ich. Da das Über-Ich aus dem Ödipuskomplex stammt, welcher zum unbewussten Es zugehörig ist, hat das Über-Ich zum Es eine besonders ambivalente Beziehung. „An dieser Leistung hat das Ichideal, das ja zum Teil eine Reaktionsbildung gegen die Triebvorgänge des Es ist, seinen starken Anteil.“

Wichtig zu erwähnen ist jedoch auch, dass das Ich sich selber lieben will und sich dabei dem Es als Knecht unterwirft. Um seinem Willen gerecht zu werden, lenkt das Ich die Libido auf sich selbst. „Es ist nicht nur Helfer des Es, auch sein unterwürfiger Knecht, der um die Liebe seines Herren wirbt.“ Es lässt sich leicht einsehen, dass das Individuum nach Wegen sucht, vor allem sich selbst zu lieben und zu befriedigen. „Leben ist also für das Ich gleichbedeutend mit Geliebtwerden, vom Über-Ich geliebt werden, das auch hier als Vertreter des Es auftritt.“ Warum das wichtig ist, soll später geklärt werden.

Triebe innerhalb der Kultur

Da wir unstrittig in einer Kultur leben, sollten wir uns noch die Einordnung der Triebe in der Kultur an sich anschauen, um Tinder als etwaigen Lösungsversuch zu verstehen. Wie schon erwähnt, ist das Ich-ideal oder Über-Ich in der Gesellschaft eingebettet, wurde aus ihr genährt und verhält sich spannungsgeladen in der weiteren Entwicklung des Individuums, sobald es aus der Familie hinaustritt und als von ihr unabhängig in die Gesellschaft ein. Das Gewissen wird fortan ständig getestet. 
Zum Wohle der Gesellschaft muss sich das Individuum zurücknehmen, auf seine Triebe verzichten. Es lebt nun in einer Ordnung, die durch Normen und Moral konstituiert ist. So kommt es in den sozialen Beziehungen der Menschen dazu, dass Kultur Triebe unterdrückt, verschiebt oder verdrängt zugunsten des Erhalts einer Kultur. Der Verzicht muss kompensiert werden, anderweitig muss eine Triebabfuhr her. Freud spricht dabei auch von Sublimierung, also der Überhöhung der Triebe auf einer anderen Ebene. „Die Triebsublimierung ist ein besonders hervorstechender Zug der Kulturentwicklung, sie macht es möglich, daß höhere psychische Tätigkeiten, wissenschaftliche, künstlerische, ideologische, eine so bedeutsame Rolle im Kulturleben spielen.“ Zum Erhalt der Kultur, der Gemeinschaft, der Familie, müssen auf die hemmungslosen Triebe verzichtete werden, wobei Autoritäten und die Konditionierung des Gewissens die zentrale Rolle spielt. „Einerseits widersetzt sich die Liebe den Interessen der Kultur, anderseits bedroht die Kultur die Liebe mit empfindlichen Einschränken.“ In George Orwells Dystopie 1984 überwacht (verbietet) die Anti-Sexliga möglichst jegliche sexuelle Aktivitäten der Bürger von London und verschiebt den Sexualtrieb gezielt auf harte Arbeit oder Sport. „Die Partei versuchte, den Geschlechtstrieb abzutöten oder, wenn er sich nicht abtöten ließ, ihn doch wenigstens zu verformen und in den Schmutz zu ziehen.“ Diese absolut kontrollierende Gesellschaft in 1984 sieht sich zum einen durch die nicht vorhersehbaren, unbewussten Regungen des Es bedroht und zum anderen entzieht es dem Individuum die psychische Energie, um dieses ausschließlich auf die konstruierte Ökonomie des Systems zu fokussieren, was zur Unterdrückung und Ausbeutung von Menschen führt. Diese überhöhte Darstellung der Trieb-Einschränkung findet jedoch auch in jeder anderen Kultur Anwendung. „Durch Tabu, Gesetz und Sitte werden weitere Einschränkungen hergestellt, die sowohl die Männer als die Frauen betreffen.“ Die Freiheit der Sexualität ist demnach ein hohes Gut, für das gekämpft werden muss.

Freud sieht grundsätzlich drei Gefahren, mit denen das Ich konfrontiert ist: die Außenwelt, die Libido des Es und die Strenge des Über-Ichs. Das Ich muss den drei Einflüssen gewissermaßen gerecht werden, zwischen ihnen vermitteln. (In einer Kultur, in der Triebe unterdrückt werden, aber gleichzeitig dafür intensiv geworben wird, diese frei auszuleben, hat das Ich wohl allerlei Schwierigkeiten dem gerecht zu werden.) So kann es passieren, dass sich das Ich zurückzieht und flieht, gewissermaßen Überlebensstrukturen entwickelt.

Wie man vermuten kann, hat das Ich im Leben allerlei Leiden zu ertragen, mit denen es sich herumplagen muss. Freud behauptet hierbei, „Um es zu ertragen, können wir Linderungsmittel nicht entbehren. […] Solcher Mittel gibt es vielleicht dreierlei: mächtige Ablenkungen, die uns unser Elend gering schätzen lassen, Ersatzbefriedigungen, die es verringern, Rauschstoffe, die uns für dasselbe unempfindlich machen.“ Sie sollen uns befriedigen und dem narzisstischem Ich Liebe erweisen. Die Kunst sei dazu in der Lage, da die Phantasie eine Illusion gegen die Realität aufbaut und (so kann man annehmen) das Schlechte und Leidhafte verdrängt. Diese Phantasie soll im nächsten Punkt bei Tinder noch eine gewichtige Rolle spielen.

Tinder als Lösungsversuch

Wie ich bereits in der Überschrift im Punkt 5 behaupte, ist Tinder ein Lösungsversuch, um mit den kulturellen Ambivalenzen umzugehen. Dabei ist Tinder keine klassische Dating-Plattform, auf der sich Menschen in Kategorien präsentieren und ewig lange Fragebögen ausfüllen, um ein möglichst einheitliches Profil zu erstellen, was möglichst der Mehrheit gefällt. Illouz schreibt dazu: „Im Zusammenhang mit Online-Partnersuchdiensten nimmt die Selbstpräsentation aber einen gegensätzlichen Charakter an: vorausgesetzt wird eine Bewegung nach Innen, die auf den festen Kern des Selbst zielt (wer bin und was will ich?), sie ist allgemein und standardisiert (man präsentiert sich mit einem standardisierten Fragebogen). […] Die Arbeit der Selbstpräsentation entfernt sich von wirklichen sozialen Auftritten und zielt weder visuell noch sprachlich auf einen konkreten, spezifischen anderen, sondern auf ein verallgemeinertes, abstraktes Publikum.“ Tinder weicht jedoch von der standardisierten Selbstpräsentation der Cluster-Bildung erheblich ab, vielmehr arbeitet Tinder mit einer Zerstreuung, statt mit einer Standardisierung. Und dennoch erzeugt die App einen Reiz, es zu nutzen. In Tinder werden zwar Profile von Nutzern mit gemeinsamen Interessen eher einander vorgestellt, als Profile ohne gemeinsame Interessen, jedoch bieten diese kein Standardisierungs-Potential, wie es Fragebögen mit vorgegebenen Antwortmöglichkeiten bieten, die zuvor Illouz im Sinn hatte. Da diese gemeinsamen Interessen durch das Folgen von Facebook-Seiten generiert werden, haben wir hierbei weltweit eine Auswahl von mehr 15 Millionen Facebook-Seiten, die potentiell ein Interesse darstellen können. Von Standardisierung kann hier nicht die Rede sein. Auch die Bilder sehen nicht sonderlich professionell oder extra für eine Dating Plattform angepasst aus. Sie sind vielmehr aus dem Leben gegriffen. Das mag subjektiv sein, aber selbst mit diesem subjektiven Eindruck wirkt Tinder wesentlich lebendiger und zerstreuter, was auch zum Verzicht eines standardisierten Fragebogen passen würde.

Wie kann Tinder dann ein Lösungsversuch sein? An Tinder haftet die Versuchung des Sexuellen, die dem Nutzer durch die bloße Möglichkeit suggeriert wird, jeden in der Umgebung potentiell kennenzulernen und sich dann mit ihm oder ihr zu verabreden. Als Technik in der globalen Kultur passt es in den Zustand der Entmenschlichung. Wir kommunizieren nicht mehr direkt mit anderen Menschen, sondern über Maschinen und denken Menschen am anderen Ende des Gerätes zu haben. Die globale Kultur hat dieses Verhalten längst geprägt und Tinder knüpft daran nur an. Die Akzeptanz mit einer Maschine zu einem andere Menschen zu sprechen, ist also nichts Ablehnendes, sondern etwas sozial Akzeptiertes. Die Globalisierung hat transparente Konsumenten erschaffen, die mehr als Ware angesehen werden als ein menschliches Wesen. Tinder bedient als Katalog menschlicher Ware genau diesen Zustand und bietet aber einen privaten res. anonymen Katalog an. Die menschliche Ware kann darin vor der Transparenz-Gesellschaft flüchten und sich verstecken. Da die Transparenz-Gesellschaft als Außenwelt eine Gefahr für das Ich darstellt, kann sich das Ich privat in der App zurückziehen. Hier kann das Ich selbst bestimmen, welche Ich-Existenzen es zulässt und dem Gegenüber präsentiert. Es geht von Tinder keinerlei Gefahr aus, wie es im physischen Leben von Beziehungen durchaus und sehr oft geschieht. Der Schutzwall des Privaten und der Phantasie tun dann ihr übriges, um ein wenig Glück und Lust zu empfinden oder wenigstens Unlust zu vermeiden. Das eigentliche Treffen mit dem Gegenüber, der sich im Katalog ausstellt, ist dabei überhaupt nicht mehr von Bedeutung. „Gewollte Vereinsamung, Fernhaltung von den anderen ist der nächstliegende Schutz gegen das Leid, das einem aus menschlichen Beziehungen erwachsen kann. Man versteht: das Glück, das man auf diesem Weg erreichen kann, ist das der Ruhe.“ Tinder bietet in einer argwöhnischen und voller Misstrauen herrschenden Gesellschaft glückselige Ruhe und Lustbefriedigung durch Unlust-Vermeidung zugleich. Das Ich kann sich vollends der Illusion hingeben und sexuelle Phantasien ungestört ausleben, so wie es der Künstler beim Kunstwerk tut, nur das der Nutzer hierbei keine besonderen Fähigkeit benötigt, wie es der Künstler tut. Wir können also annehmen, dass alleine der Gedanke an einen möglichen sexuellen Akt zu Befriedung von Bedürfnissen führt und damit zu einer Triebabfuhr. „Hier wird der Zusammenhang mit der Realität noch mehr gelockert, die Befriedigung wird aus Illusionen gewonnen, die man als solche erkennt, ohne sich durch deren Abweichung von der Wirklichkeit im Genuss stören zu lassen. Das Gebiet, aus dem diese Illusionen stammen, ist das des Phantasielebens; es wurde seinerzeit, als sich die Entwicklung des Realitätssinn vollzog, ausdrücklich den Ansprüchen der Realitätsprüfung entzogen und blieb für die Erfüllung schwer durchsetzbarer Wünsche bestimmt.“ Freud redet hier zwar von Kunst, so vermag das Foto und das geschriebene Wort innerhalb Tinders ebenfalls die Fantasie stimulieren und so eine Illusion erzeugen, wie es das Kunstwerk in einer Galerie vermag. Mag es zwar nicht so direkt erscheinen, aber Tinder präsentiert seine Werke durchaus wie eine Galerie es gewohnt ist. Fein-säuberlich aufgereiht, um betrachtet zu werden. Das Bild in Tinder (und eventuell der Text dazu) muss zwangsläufig zu einer Phantasie führen, die Realitätsflucht bedeutet und damit zur Abwehr von Leid. Demnach wäre Tinder ein Linderungsmittel. Sollte aber ein Treffen zwischen zwei Nutzern auf Tinder stattfinden, was über das die bloße Phantasie hinaus geht, und es dann auch noch zur Befriedigung des Sexualtriebes kommt, so wäre es wohl richtig, weiterhin an der Phantasie festzuhalten und es beim nächsten Mal wieder zu versuchen, die Befriedigung des Sexualtriebes über den Umweg Tinder zu finden. „Was ist natürlicher, als daß wir dabei beharren, das Glück auf demselben Wege zu suchen, auf dem wir es zuerst begegnet haben.“

Wie haben bereits in Punkt 2 erwähnt, dass Rückmeldungen (Likes und Kommentare) in sozialen Netzwerken eine kurzfristige Befriedigung bedeuten und damit Glücksempfinden. Diese kommt dem Freudschen Zustand der Unlust-Vermeidung ziemlich nahe. Alleine weil da jemand ist und auf mich reagiert, bin ich nicht mehr alleine und fühle zwar keine wirkliche Lust, aber wenigstens keine Unlust. Wir müssen davon ausgehen, dass es nicht immer zu einem sexuellen Austausch kommt, aber die Möglichkeit als Phantasie bestehen bleibt.

Da Tinder ein anonymer Raum ist, kann man annehmen, dass das Über-Ich nicht sonderlich aktiv wird, wenn es um das Verbot von sexuellen Bedürfnissen geht. Zum einen ist es akzeptiert, was innerhalb tinder passiert, da es die anderen ja auch machen und zum anderen sieht mich ja niemand von der Außenwelt. Das Bedienen des Smartphones im öffentlichen Raum lässt keine Rückschlüsse zu, was ich damit en Detail mache. Das Betreten oder Verlassen eines Bordells hingegen schon. Demnach kann Tinder helfen, aus der Einengung der gesellschaftlich vorgeschriebenen Bedürfnisbefriedigung zu entfliehen, weil das Gewissen in keinem gesellschaftlichen Kontext agiert — das Über-Ich verringert seine strafenden Strenge. Das Stigma der Perversion oder der tabuisierten sexuellen Handlung in der Öffentlichkeit finden somit einen privaten Platz, können aber trotzdem fantasievoll in der Öffentlichkeit (z.B. Fahrt in der U-Bahn, in der Uni etc.) ausgelebt werden. „Die Objektwahl des geschlechtsreifen Individuums wird auf das gegenteilige Geschlecht eingeengt, die meisten außengenitalen Befriedigung als Perversionen untersagt.“ Einzig die Ehe und die Familie mit ihren Kindern ist offiziell als richtige Sexualität in der Gesellschaft anerkannt. Alle anderen konstruierten Perversionen werden verbannt und unterdrückt. In Tinder haben sie einen Raum.

Obwohl es zu keiner Standardisierung von Profilen kommt, wie es Illouz bei Dating-Portalen erläutert, muss bei Tinder trotzdem eine Homogenisierung des Ethos und/oder der Repräsentation angenommen werden, weil es sich um eine Technik in Zeiten der globalen Kultur handelt. Die Homogenisierung findet in der Auswahl zwischen Ja und Nein statt. Das ist zwar im echten Leben durch den ersten Eindruck zunächst auch so, aber da haben wir wenigstens die Möglichkeit eine Person mit all unseren Sinnen kennenzulernen und hinter die Fassade zu blicken. Bei Tinder wird uns nur ein Abbild der Fassade gezeigt, die uns gerade einmal das Licht in einer dunklen Höhle erblicken lässt, mehr jedoch nicht. Das Verhalten wird somit oberflächlich und ein Mensch verliert gänzlich an Bedeutung, wenn wir uns im Katalog für Nein entscheiden. „Totale Beschleunigung findet in einer Welt statt, in der alles additiv geworden und jede narrative Spannung, jede Vertikalspannung verloren gegangen ist.“ Tinder addiert Menschen in sinn-leerer Art und Weise zu Müll und kein Müll. Ein Nein reduziert den Menschen hinter dem Profil auf Nichtigkeit und ein Ja ruft die Assoziation nach Sex hervor. Die geheime Bestätigung im gänzlich geschützten Raum, von niemanden sichtbar, gibt ereignislose Bestätigung. „Das Ereignis bringt ein Draußen ins Spiel, das das Subjekt aufbricht und es aus seiner Unterworfenheit herausreißt. Ereignisse stellen Brüche und Diskontinuität dar, die neue Freiräume eröffnen.“ So mag man wenigstens hoffen, dass der Nutzer sich mit einem anderen Nutzer trifft.