Wie fühlt es sich an, wenn die eigene Lieblingsband älter ist als man selbst? Als die Donots am 16. April 1994 ihr erstes Konzert in Ibbenbüren spielen, bin ich minus ein Jahr und drei Monate alt. 25 Jahre später feiern meine Jugendhelden Silverhochzeit — und nehmen mich ein Stück mit auf große Jubiläumstour.

Image for post
Image for post
Donots (v.l.n.r.): Guido Knollmann, Eike Herwig, Ingo Knollmann, Alex Siedenbiedel, Jan-Dirk Poggemann (© Rainer Keuenhof)

Manchmal musst du alles nochmal über den Haufen werfen. Wenn du einen Text über die eigene Lieblingsband schreibst, zum Beispiel. Weil du einfach nicht weißt, wie du das alles in Worte packen sollst, ohne total verliebt zu klingen. Das kann ja keiner richtig verstehen außer dir selbst, und ein paar guten Freunden vielleicht. …


Das zweite Studioalbum der Donots auf Deutsch lässt keinen Raum für stumpfe Monotonie und Meinungsmache. Es tritt mutig auf, tarnt sein musikalisches Unperfektsein als Attitüde und geht mit positiver Selbstverantwortung voran: „Nein, unsere Köpfe könnt ihr niemals haben, weil unsere Herzen lauter als Bomben schlagen.“ Warum Lauter als Bomben das Superheldenalbum der Donots ist.

Image for post
Image for post
Solitary Man/Warner/VÖ: 12.01.2018

Es sind die ersten Worte, die nach halbjähriger Pause im Mai 2017 aus den Donots herausschießen: „Bomben! Lauter als Bomben! Alle reden nur laut und durcheinander.“ Der dazugehörige Song heißt Keiner kommt hier lebend raus, er knüpft mit rasendem Punkrock an das erste deutschsprachige Album Karacho von 2015 an und präsentiert sich als friedliche Kampfansage gegen Kriegstreiberei, Religion und Terror. Seine Live-Premiere feiert der Song fast prophetisch nach der vermeintlichen Terrorgefahr bei Rock am Ring 2017, kurz vorher findet Sänger Ingo Knollmann auf der Bühne die richtigen Worte: „Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der Idioten sich für irgendeine Religion in die Luft sprengen. Ich möchte auch nicht in einer Welt leben, in der Arschlöcher millionenschwere Waffendeals abschließen und Leute wegbomben. Und ich will auch nicht in einer Welt leben, in der das Ganze dahin führt, dass einige Leute Generalverdacht gegen Menschen äußern und dumme Populistenarschlöcher braune Meinungsmache in der Mitte der Gesellschaft platzieren.“ …


Das Beste in der Musik sind nicht die Noten, es sind die Gefühle und besonderen Momente, die man mit ihr verbindet. Sie lässt uns glauben, dass auch schlechte Zeiten auszuhalten sind und am Ende irgendwie doch immer alles gut wird. Musik kann einem nicht das Leben retten, aber sie kann einem dabei helfen, es selbst zu tun. Anlässlich des Suizuids von Chris Cornell sprechen Künstler wie John Baizley, Nicholas Müller und Ingo Knollmann darüber, wie Musik Menschen mit psychischen Erkrankungen und Ängsten unterstützen kann — und wie betroffene Musiker selbst mit ihren Problemen umgehen.

Image for post
Image for post
VISIONS Special: Musiker sprechen über psychische Erkrankungen

Konzerte sind eigentlich kein Ort für schlechte Laune, aber sie können einer sein, wenn man gar nichts mehr fühlt. Dann helfen einem selbst die Songs der besten Bands nicht mehr. Manchmal aber, wenn beim Musikmachen noch ein bisschen mehr mitschwingt als nur die Musik, kann sie die nötigen Funken Hoffnung und Lebensmut in einem zünden. Es ist der 28. Dezember 2013, als ich mit hängenden Schultern und Mundwinkeln neben der Bühne des Osnabrücker Rosenhofs stehe, und die Donots ihren vorletzten Song spielen. „Put the knife down, don’t you cut your own heart out“, singt Ingo Knollmann hunderten, schweißnassen Menschen entgegen, die schon den ganzen Abend lang so glücklich und euphorisch gegeneinander laufen und springen, als wären sie gerade erst geboren worden. Nur ich stehe da und schaue ihnen zu, ungewollt traurig und leer — bis der Sänger einen Schritt nach vorne macht und sich plötzlich zu mir dreht: „I need you alive now.“ Die Dämonen im Kopf schrecken zurück. …

About

Writing. Coffee. Music.

Get the Medium app

A button that says 'Download on the App Store', and if clicked it will lead you to the iOS App store
A button that says 'Get it on, Google Play', and if clicked it will lead you to the Google Play store