
Ich liebe den Geruch von frisch geschnittenem Gras am Morgen
Es ist Samstag, der 30. April 2016, 5:30 Uhr Früh. Ich atme tief ein, mein Brustkorb hebt sich. Es schmerzt, denn obwohl morgen der erste Mai ist haben wir um diese Uhrzeit eine Temperatur um den Gefrierpunkt. Dennoch hole ich tief Luft bis das Stechen in der Brust nicht mehr auszuhalten ist. Noch einmal. Und noch einmal. Ich liebe diesen Geruch! Die ganze Woche waren die Bauern beschäftigt mit dem Mähen ihrer Felder. Das Schnittgras liegt noch auf den Wiesen. Das werden die wohl heute einholen, denke ich.
Noch zwei Atemzüge. Ich habe ein Bild im Kopf. Nein. Eher ein Gefühl! Ich sehe mich, in bayrischer Tracht. Ich habe meine schneidige Lederhose an, schwarzes Gamsleder mit gelber Stickerei. Einen Träger mit Standardwappen auf der Brust. Den Träger meines Trachtenvereins, der Stolz und das Erkennungszeichen eines jeden Trachtlers, habe ich vor Jahren verlegt oder irgendjemandem geliehen und nicht zurückbekommen, ich weiß es nicht mehr genau. Meine Beine stecken in den selbstgestrickten Wollstrümpfen und die wiederhum in den typisch bayrischen Haferlschuhen von Trachten Frey. Die Schuhe sind schon durchgelatscht und haben ein Loch in der Sohle. Aber sie gehen schon noch. Oben rum das Standardrepertoire. Weißes Trachtenhemd mit halber Knopfleiste, grüne Weste (Leiberl, wie wir sagen), eine braune Trachtenjacke und mein grüner Scheiberling. Den habe ich mir 2002 oder 2003 zugelegt. Kurz nach meinem Autounfall, als ich die 25 Stiche in meiner 22 Zentimeter großen Kopfwunde schützen und verstecken wollte. Ich bin auf dem Weg nach Hause. Zu Fuß. Ich komme von der Bar des alljährlichen Weinfestes in Brannenburg. Ich will nur noch heim in mein Bett. Das Fest ist wunderschön und sehr gemütlich. Wir sitzen jedes Jahr “beim Kern auf der Hausbank”, direkt hinter der Musikkappelle. Und da sitzt nur die Elite. Ich weiß nicht so genau, warum ich da immer sitze, aber über den Fußballverein kenne ich so ziemlich jeden im Dorf. Und jeder kennt mich. Das ist, wenn man um halb sechs Uhr früh nach Hause torkelt, nicht immer von Vorteil!
Und das Gefühl das ich habe ist Erschöpfung. Erschöpfung von den Anstrengungen der vergangenen Stunden. Trinken, singen, feiern, diskutieren (bei uns: dischkriern), streiten, sich wieder vertragen, einen Versöhnungsschnapps trinken und so weiter. Das passiert alles. Ab einem gewissen Pegel innerhalb von Minuten. Und immer und immer wieder. Ich will mich gar nicht beschweren, ich habe bei diesem Weinfest im Jahr 2011 den Grundstein für meine Beziehung mit meiner jetzigen Frau gelegt. Aber es ist unglaublich anstrengend.
Dehydriert falle ich eine halbe Stunde später, etwa um sechs Uhr, in mein Bett und falle in ein wenig erholsames Delirium. Als ich um zwei Uhr Mittag wieder aufwache ist der halbe Tag gelaufen und ich habe nur noch eines zu tun. Meine Freunde anrufen und fragen, wann wir wo hingehen.
Das Bild und das Gefühl sind verschwunden und ich bin wieder im Hier und Jetzt. Ich sitze in meinem Auto und fahre. Ich gehe nicht von etwas weg, nämlich von einem Fest, sondern ich fahre wo hin. Nämlich ins Büro. Es ist tatsächlich Samstagfrüh, 5:30 Uhr. Und ich freue mich. Ich freue mich umso mehr, als ich an einem Trachtler vorbei fahre, der nach Hause wankt. Denn ich kann produktiv sein. Ich bin topfit und hungrig nach Erfolg. Wenn ich um zehn Uhr wieder nach Hause fahre um unser Familienwochenende einzuläuten, und der ein oder andere noch im Bett seinen Rausch ausschläft bin ich glücklich. Denn ich habe schon mindestens vier Stunden Leistung gebracht. Ich hatte vier Stunden mehr Zeit, für meinen Erfolg zu arbeiten.
Ja, das ist ein neues Leben. Ja, ich musste einiges aufgeben, ich musste sogar viel aufgeben. Aber ich weiß, warum ich das getan habe.
Und ich LIEBE dieses neue Leben!