Wie funktioniert der Libra Coin von Facebook und was bedeutet dieser für den E-Commerce?

Florian Schweikert
Aug 27, 2019 · 4 min read

Im Juni hat Facebook seine Pläne für eine eigene Kryptowährung unter dem Namen “Libra” vorgestellt. Mit Libra will Facebook, nach eigener Darstellung, Menschen ohne klassische Bankverbindung helfen, einen Zugang zum internationalen Finanzmarkt zu bekommen. Im Whitepaper beschreibt Facebook Libra als eine dezentrale Blockchain, eine Kryptowährung mit hoher Preisstabilität, sowie eine Plattform für Smart Contracts’ Und erhofft sich damit ein neues Ökosystem für verantwortungsbewusste Innovationen im Finanzdienstleistungsbereich kreieren zu können. Ein durchaus ambitioniertes Ziel, das von Skeptikern bereits als Mogelpack beschrieben wurde.

Libra soll unter dem Dach der Libra Association betrieben werden, die in der Schweiz gemeldet ist. Zu den 28 Gründungsmitgliedern gehören auch globale Marken wie Spotify, PayPal, Vodafone, ebay, Uber, Coinbase, Visa und Mastercard. Ein Konglomerat an wichtigen globalen Playern, die alle in ihrem Bereich zu den Marktführern gehören.

WIE FUNKTIONIERT DER LIBRA COIN?

Die Idee des Libra besteht darin, als digitales Geld zu fungieren. Zu diesem Zweck ist Libra so konzipiert, dass es einfacher zu handhaben und einen schnelleren Durchsatz bei kürzeren Validierungszeiten (die Integrität einer Transaktion) bietet, als bei allen bestehenden Zahlungssystemen. Das macht Libra auf einem Schlag zum leistungsstärksten Bezahlsystem der Welt. Die Transaktionsgebühren bei Libra sollen dementsprechend verschwindend gering sein. Libra basiert aber nicht, wie andere Kryptowährungen auf einer dezentrale Blockchain. Ebenfalls in Frage zu stellen ist, ob Libra überhaupt als Kryptowährung bezeichnet werden kann.

Der Libra Coin unterliegt keinen Preisschwankungen, wie beispielsweise Bitcoin, der alleine von Angebot und Nachfrage determiniert wird, und wird von einer Reserve aus mehreren Währungen gestützt. Libra ähnelt somit Stablecoins, weist aber nur wenige Gemeinsamkeiten mit Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum auf. Trotz der Ähnlichkeit mit fiat-unterstützten Stabelcoins ist Libra eine Alternative, die sich grundlegend und technisch von diesen unterscheidet.

Der Libra Coin basiert auf einer von Facebook eigens entwickelten Blockchain. Die Libra-Blockchain funktioniert allerdings ohne Blocks und Chains, weshalb man sie de facto nicht Blockchain nennen sollte. Während sie technisch wie viele andere strukturiert ist, beruht sie systemisch auf Validatoren mit Zugriffsberechtigung und nicht auf Knoten in der Chain. Im Whitepaper selbst heißt es: „In der Ledger-Chronik gibt es kein Konzept für einen Transaktionsblock“. Die Daten werden den Prüfern nacheinander (nach Nummer) und nicht in Gruppen zugewiesen. Anstatt wie ein herkömmliches Distributed Ledger zu arbeiten, verwendet die Libra-Blockchain eine einzige Datenstruktur, die alle Transaktionen und Zustände im Zeitverlauf aufzeichnet.

Libra ist über die Währung hinausgehend ein quelloffenes, verteiltes System zum Anlegen, Verwalten sowie Ausführen dezentraler Programme bzw. Kontrakte (Smart Contracts). Smart Contracts sind Programme, die automatisch ausgeführt werden, sobald eine im Kontrakt vereinbarte Summe überwiesen ist — ohne manuelle Prüfung des Zahlungseingangs.

Nach einer kurzen Analyse und den noch vagen zur Verfügung stehenden Informationen können wir bereits festhalten, dass Libra ein durchaus ambitioniertes und auch mit einigen technischen Neuerungen versehenes Projekt ist. Libra stellt von Grund auf eine neue Smart-Contract-Plattform zur Verfügung, die sich in ihren Grundzügen zwar an Ethereum orientiert, dennoch aber einiges anders, zum Teil auch besser macht. So wird beispielsweise eine neue, eigene virtuelle Maschine gebaut, die in punkto Smart-Contract-Sicherheit wirklich auch Vorteile bietet.

Der Ökonom und Bitcoin-Experte Saifedean Ammous äußerte sich bereits vielsagend zu Libra. Antwortend auf die Frage, wie es um die Unabhängigkeit von Libra aussieht, entgegnete er, wie unabhängig die “Foundation” wirklich ist, würde sich erst offenbaren, wenn Leute anfangen, Libra für Dinge zu benutzen, für die es nicht vorgesehen ist (sein Beispiel: Geld in den Iran senden). Auf Twitter führte er aber in Hinblick auf den Krypto-Markt vielversprechend hinzu: “There are no armies forcing you to accept Libra, but a world in which everyone has their money on an app is a world in which everyone is a click away from bitcoin.”

Mit Libra greift Facebook auch nach dem immer noch nicht zufriedenstellend geklärten Grundproblem des Internets: Digitale Identitäten. Woher weiß man, dass eine Person die ist, für die sie sich ausgibt?

Ein Vorteil, den das Attributionsmodell von Facebook beispielsweise gegenüber dem von Google bereits jetzt hat, ist, dass einzelne Conversions direkt bestimmten Personen zugeordnet werden können. Das kann Google, in der Art und Weise wie Facebook das kann, nicht. Denn Google arbeitet beim Tracking mit einem Cookie-System, welches nach Geräten trackt. Facebook hingegen kann geräteübergreifend, sozusagen people-based, Conversions eindeutig zuordnen. Egal, ob die Conversion über das Tablet oder das Smartphone generiert wurde. Facebook möchte dieses people-based Attributionsmodell anscheinend nun auch auf digitale Identitäten ausbauen.

Schon mit dem Start der Betaphase von Instagram Shopping und einer auf der Plattform integrierten Checkout-Funktion, zeigte sich eindeutig, wo die Reise hingehen soll: Instagram soll zu einer Shopping-App werden. Ein großes Problem, dem Facebook und Instagram trotzdem immer noch gegenüberstehen, stellen Transaktionsgebühren für Zahlungsdienstleister dar. Diese sind zum jetzigen Zeitpunkt nicht nur zu hoch, sondern auch nicht von Facebook kontrollierbar. Genau dieses Problem soll durch Libra gelöst werden. Denn Libra wird deutlich schneller sein als das globale Zahlungssystem von Mastercard oder Visa und zu spürbar geringeren Transkationsgebühren Zahlungen verarbeiten können. Dieser Fakt erklärt auch, warum Mastercard und Visa an dem Projekt beteiligt sein wollen. Facebook will sein jetziges Geschäftsmodell nicht gefährden und lagert es deshalb halb aus und Mastercard, Visa und Paypal kommen Facebook entgegen und tragen die Verantwortung mit. Mit dem Wissen, dass wenn Libra erfolgreich sein wird, sie ihre Geschäftsmodelle fundamental hinterfragen müssen.

Für den E-Commerce stellt Facebook somit ein System zusammen, das es in Zukunft einfach macht, Geld zwischen Freunden im Messenger zu versenden und damit gleichzeitig instant ein Produkt zu kaufen. Alles aus einer Hand und alles im Bruchteil einer Sekunde. Über die Möglichkeiten und die Implikationen von Instagram Shopping für die Customer Journey habe ich bereits hier geschrieben. Besonders interessant wird es auch, wie sich Web-Shops gegenüber der neuen Zahlungsmöglichkeit verhalten: Werden WooCommerce und Shopify Libra in ihre Systeme integrieren?

Es bleibt also abzuwarten, wie sich die nächsten Monate entwickeln und ob Libra bei den Usern so einschlagen wird, wie Soziale Netzwerke damals.

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