Über die Vergänglichkeit

In den Neunzigerjahren war ich ein weltweit erfolgreiches Männermodel. Firmen wie Gucci und Prada warben mit meinem Gesicht für ihre Produkte. 20 Jahre später ist mir von der jugendlichen Schönheit wenig geblieben: Mein Gesicht ist gezeichnet, die körperliche Pracht ist weg. Ich bin jetzt jemand ganz anderes.

Das wirklich Besondere an manch Schönem ist seine Vergänglichkeit. Dass sie vergänglich sind, macht Zustände, Erlebnisse und Lebensphasen erst zu etwas Wertvollem. Denn was ewig währt, hat im Moment wenig Wert. Was zum Beispiel Blumen oft nur Wochen vergönnt ist, das Leben, können die meisten von uns wunderbar viele Jahrzehnte geniessen. Jeder einzelne Tag hat Potenzial und trägt die Möglichkeit von Genuss und Veränderung in sich. Alles verändert sich um uns herum, wieso sollten wir selbst das Gleiche bleiben wollen? Veränderungen setzen aber oft voraus, dass wir wissen, wo wir stehen. Der Gewinn jeder Zeit liegt im Erleben ihrer Aktualität.

Mein Partner hat mir beigebracht, mich auf das Positive und die eigenen Fähigkeiten zu konzentrieren und dankbar zu sein. So setzen wir uns jeden Abend an den Tisch und stossen darauf an, was der Tag Schönes gebracht hat, egal wie scheinbar banal es war. Das hat mir geholfen, mehr im Moment zu leben und die Gegenwart bewusster wahrzunehmen. Das ist wichtig, denn die Gegenwart gibt es immer nur gerade jetzt. Und es wäre schade, sie nicht zu spüren, weil ich mich in der Vergangenheit suhle oder daran denke, was die Zukunft bringen soll. Schritt für Schritt geht es weiter, und ich versuche jeden ganz bewusst zu gehen. Im Leben ist nicht das Ankommen — also der Tod — das Ziel, sondern die Reise selbst. Diese Wanderung ist alles, was wir haben. Sie ist ein Geschenk, und wir dürfen es geniessen. Das gelingt uns am besten, wenn wir uns auf den Weg konzentrieren und mit Dankbarkeit die Aussicht betrachten, statt in Gedanken in die Ferne zu schweifen. Präsenz ist das Wichtigste. Zu fühlen, was wir gerade tun und wer wir gerade sind. Wir sind immer nur das, was wir im Augenblick sind. Und das soll nicht verschwommen und ohne Boden sein, denn sonst verschenken wir diesen kostbaren Moment.

Publiziert im Surprise Magazin, dem Schweizer Strassenmagazin; ein konkreter Beitrag gegen Armut und Ausgrenzung in der Schweiz, verkauft von sozial benachteiligten Menschen.