Bürgerlichkeit

Was haben wir doch früher gehasst, was wir Bürgerlichkeit nannten. Wir haben in ihr unsere Erzieher, alles Spiessige und die langweilige Norm gesehen. Dem allem haben wir den Finger gezeigt und sind abgehauen. Wir fühlten uns so besonders und einzigartig, dass wir in der scheinbar kleinen Welt, die uns umgab, nicht genug Raum zur Entfaltung zu finden glaubten. Wir wollten möglichst weit weg und möglichst hoch hinaus. Manche von uns so hoch, dass sie sich auf dem Mond eine Lungenentzündung holten oder von der Sonne verbrannt wurden. Einige mussten ins Irrenhaus, um dort die Wunden von der gefährlichen Reise kurieren zu lassen. 
Ich war einer, der besonders panisch aus der Bürgerlichkeit ausgebrochen war, weil ich in ihr zu ersticken geglaubt hatte. Sie stand für mich für Gefangenschaft und Fremdbestimmung. Ich fand keine Ruhe, denn die Illusion von Freiheit forderte immer wieder einen Neuanfang. Anzukommen war nicht erlaubt, wenn man auf der Flucht ist. 
Die Ironie meiner Geschichte ist, dass es schlussendlich die Bürgerlichkeit war, die mich immer wieder auf meiner Flucht gerettet hat. Da war die finanzielle Unterstützung meiner Eltern, wenn mir das Geld ausging. Die Gesellschaft fing mich auf, als mich psychische Probleme lahmlegten. Sie pflegte mich, bis ich wieder auf die Strasse treten konnte, nur um die Flucht fortzusetzen. Sie finanzierte mich, als ich unfähig wurde, selbst Geld zu verdienen. Alles was mir von der Rebellion blieb, war das Meckern über irgendwelche Behörden und Ämter. Bis ich auch das aufgab und mir eingestehen konnte, dass ich dankbar sein sollte, dass es die Bürgerlichkeit gab, deren Sicherheitsnetz mich immer wieder aufgefangen hatte. 
In meinem Stammcafé in Berlin ist so manches angekommen, was früher krass und wild war. Man hat sich zu den braven Leuten gesetzt, die ihre Jugend mit Studieren verbracht, danach eine berechenbare Karriere angegangen und Kinder bekommen haben. So kommt irgendwann wieder zusammen, was auseinander gegangen war. Die einen haben sich gleich in der Bürgerlichkeit eingerichtet, anderen fanden wie ich über Umwege zu ihr.

Publiziert im Surprise Magazin, dem Schweizer Strassenmagazin; ein konkreter Beitrag gegen Armut und Ausgrenzung in der Schweiz, verkauft von sozial benachteiligten Menschen.