Ballast abwerfen

Ich war süchtig nach materieller Bereicherung. Ich sprengte meinen Kreditrahmen und lieh mir Geld von meinem Partner. Ich konsumierte und merkte gar nicht, dass die Produkte, die ich mir kaufte, nur kurzzeitige Platzhalter waren. Alle Objekte, die ich zum Leben benötige, hatte ich längst. Was ich wirklich brauchte, konnte ich nicht kaufen. Ich war orientierungslos und stopfte das Loch in mir mit materieller Bereicherung. Ich fühlte mich innerlich leer und glaubte, keine richtige Aufgabe im Leben zu haben. Als ich wieder Erfüllung in einer Tätigkeit fand, fiel die Kaufsucht wie eine Hülle von mir ab, und ich sass in einer Überfülle an Material. Doch auch wenn es mir gut geht, fällt es mir nicht leicht, auf Unnötiges zu verzichten, denn Kaufen gibt mir einen Kick. Dabei weiss ich, dass ich nicht mehr bin, wenn ich mehr besitze. Auch ich habe «Haben oder Sein» von Erich Fromm gelesen.

Ich bin 42 Jahre alt, und es hat sich eine Menge angesammelt — was ich als Ballast empfinde, weil es mich unbeweglich macht und unnötig viel Raum einnimmt. Ich erinnere mich an die Jahre, als ich die Welt bereiste. Mein gesamter materieller Besitz hatte in zwei Taschen Platz. Unnötiger Besitz kommt mir vor wie der verkeilte Anker eines Schiffes. Es ist Zeit, Ballast abzuwerfen, damit das Schiff wieder Fahrt aufnehmen kann. Wieso ist es schwer, sich von Materiellem zu lösen? Die Frage ist doch einfach: Brauche ich das wirklich? Ich habe keine Wahl mehr; vieles muss weg. Auch was das In-Verbindung-Bleiben mit Leuten betrifft, die mein Leben einmal gekreuzt haben. Ich verkaufe oder verschenke das Unnötige und gehe meine Facebook-Kontakte durch.

Wenn ich sterbe, lasse ich alles zurück. Bis dahin gilt es, keinen neuen Ballast anzusammeln, denn jetzt habe ich Platz und damit Freiraum geschaffen, den ich nicht einfach mit neuer Materie füllen darf. Nützlicher und notwendiger Besitz ergibt sich aus echten Bedürfnissen. Ich frage mich, ob ich etwas wirklich brauche. Kaufe ich etwas Neues, kommt das Alte weg. Ich komme nackt auf die Welt und gehe nackt. Dazwischen möchte ich beweglich sein.

Publiziert im Surprise Magazin, dem Schweizer Strassenmagazin; ein konkreter Beitrag gegen Armut und Ausgrenzung in der Schweiz, verkauft von sozial benachteiligten Menschen.