Bin ich ein Narzisst?

Ein ärztliches Dokument der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich hält es mir vor: ich habe eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, kurz: ich bin ein Narzisst. Dem Narzissten schreibt man neben Selbstüberschätzung zwei Eigenschaften zu: Hunger nach Bestätigung und mangelndes Mitgefühl. Kein nachfolgender Psychiater konnte diese Einschätzung bestätigen. Könnte es also sein, dass ich gar kein Narzisst bin? Und: wie narzisstisch sind wir alle? Ich mache mich auf Spurensuche.

Die Statistik behauptete früher, dass 1% der Bevölkerung Narzissten sind. Dann hiess es, dass sechs Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens eine narzisstische Persönlichkeitsstörung entwickeln. Es ging rasant weiter: heute spricht die Presse von einer gesamten “narzisstischen Hyperkapitalismus- und Selfie-Gesellschaft”.

Ist Narzissmus also “in”? Manche sagen: “Um Erfolg zu haben, braucht man einfach gewisse narzisstische Fähigkeiten.” Man spricht nicht mehr von einer Störung, sondern von Fähigkeiten. Auch privat bedarf es dieser Fähigkeiten, denn wer wahrgenommen werden will, muss sich online präsentieren: man nennt es Selbstvermarktung im Internet. Ich kann den Zeitgeist also so interpretieren: wir sind alle mehr oder weniger Narzissten.

Die Schuld daran gibt man der sogenannten “Gier- und Konsumgesellschaft”. Das Klima in unseren Gesellschaftssystemen sei zunehmend kälter und rücksichtsloser geworden. Unsere Werte seien übernommen von den freien Märkten: möglichst ungebremstem Wachstum, Profitmaximierung als Wirtschaftsmotor. Man spricht von der Gesellschaft als Narzissmusfalle.

Ich sage: totaler Mist. Wir sind keine narzisstische Gesellschaft, wir sind auf der Suche nach uns selbst im Rahmen der neuen Möglichkeit, selbst entscheiden zu können, wer wir sein wollen. Der Mensch experimentiert mit sich selbst im Zusammenhang mit der Gesellschaft. Er wird verunsichert wie auch motiviert durch die grösser werdende Vielfalt und die vielfältigeren Möglichkeiten zu kommunizieren. Der Mensch ist im Kern ein um Anerkennung ringendes, verunsichertes Wesen.

Entweder definiert man den Narzissmus genauer, oder man pathologisiert die Gesellschaft als Ganzes. Der Begriff “Narzisst” ist mittlerweile auf fast jeden anwendbar und damit ein beinahe leerer Begriff geworden. Wir sollten es schlicht als Evolution betrachten, denn der Mensch passt sich nun mal neuen Umständen an.

Lang ist’s her, da stand eine einzelne Narzisstin vor einem Spiegel und fragte: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Heute stehen wir alle vor dem Spiegel und fragen: „Spieglein, Spieglein an der Wand, bitte sag mir wer ich bin.“

Publiziert auf tsri.ch