Das Kind meiner Mutter

Ich war noch nicht geboren, als meine Familie mit dem Auto verunglückte. Mein Bruder überlebte den Unfall nicht. Auf seiner Grabinschrift steht: «Geboren, um zu sterben, gestorben, um zu leben». Tatsächlich entstand durch seinen Tod ein neues Leben: Meine Mutter wurde kurz darauf mit mir schwanger. Ich sollte die Lücke schliessen, die entstanden war. Psychiater würden heute davon abraten, nach einem Kindsverlust sofort wieder ein Kind zu zeugen, aber damals war das anders; meine traumatisierte Familie stand alleine da, in einer Zeit, in der keiner von psychologischem Beistand oder einer Therapie sprach. Es war üblich, alles zu schlucken und so zu tun, als wäre gar nichts passiert. Dabei wäre es so wichtig gewesen, Hilfe zu suchen und miteinander offen über alles zu reden, damit eine Verarbeitung stattfinden kann.

Auf den ersten Blick wuchs ich in einer friedlichen Welt auf. Ich war ein ruhiger, zurückhaltender Junge, der die überschwängliche Liebe seiner Mutter genoss und sich bei ihr in Sicherheit wähnte. Niemand ahnte damals, was einmal aus mir werden würde: Ein Mensch, so aktiv, als müsste er gleichzeitig zwei Leben führen. In einer Reihe von Erfolgsstorys erfand ich mich in kürzester Zeit immer wieder neu: Ich reüssierte zuerst als Snowboardpionier, dann als Supermodel, surfte auf der Dotcom-Welle und wurde König der Zürcher Clubszene. Man behauptete, ich sei ein Visionär.

Dabei hinkte ich der Zeit lange hinterher. Ich wurde erzogen von Eltern, die im Zweiten Weltkrieg aufgewachsen waren und die nichts anderes zu kennen schienen als Gott und Esoterik. Eine Leidenschaft meiner Mutter war es, in der Aktualität etwas Böses und in fast allem einen möglichen Auslöser für eine Drogensucht zu sehen. Selbst in der Popmusik, dem Fernseher und gar im Radio. Auch Freunde waren mir nicht erlaubt, hätten sie doch schlechten Einfluss auf mich ausüben können. Meine Mutter hatte Angst, wieder ein Kind zu verlieren und wollte mich vor der für sie so gefährlichen Aussenwelt schützen. Ich versuchte, mich den Einschränkungen entgegenzustellen, aber der Widerstand war zu gross; ich kämpfte vergebens. Die Vergangenheit herrschte über mich, als hätte sie die Gegenwart erwürgt. Es ging so weit, dass ich nicht einmal meinen Beruf selbst wählen konnte, ich musste eine Ausbildung zum Primarlehrer machen, denn so stand es in meinem Horoskop.

Meine Eltern hatten nicht verstanden, dass jede Zeit ihre eigene Kultur und ihre eigenen Helden hat, und hielten mich in der Epoche gefangen, die sie nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt hatte. Dabei braucht ein junger Mensch eine freie Entwicklung, Raum für eigene Interessen, einen selbstbestimmten Umgang mit dem, was er entdeckt, in meinem Fall die Homosexualität, die 80er- und 90er-Jahre; ein Teilhaben am Hier und Jetzt.

Jedes Kind wächst in seiner eigenen Zeit auf, auch wenn die Eltern das, was in den Jahren des Grosswerdens ihrer Kinder passiert, nicht gutheissen. So ist ein Handyverbot oder kein eigener Internetzugang kontraproduktiv, denn nur eigene, wenn auch von den Eltern begleitete Erfahrungen mit den Vorteilen und Gefahren der Gegenwart ermöglichen einen gesunden Umgang mit den neuen Möglichkeiten. Seine Kultur selbst wählen zu können, ist für den Menschen ein essenzielles Bedürfnis. Nur die freie Wahl ermöglicht eigenen Raum, Austausch und Freundschaften, die für eine gesunde Entwicklung so wichtig sind. Ich kann Eltern nur empfehlen, ihren Kindern die eigenen Werte vorzuleben, das Kind während seiner Entwicklung aber selbst entscheiden zu lassen, was für seine Person richtig ist. Ein Kind muss sich die Hände verbrennen können, um zu realisieren, dass eine Platte wirklich heiss sein kann. Ein Jugendlicher muss eigene Erfahrungen machen, um die Welt einschätzen und sich einordnen zu können.

Ein Kind ist kein Besitz, es ist kein Bild, das die Eltern aufhängen und abstauben können. Es ist kein Tier in einem Käfig, sondern gehört in eine geförderte Selbstständigkeit, wo es seinen eigenen Weg und seine eigenen Ziele finden kann. Das Leben soll sich frei entwickeln können und darf nicht wie Wasser in einem Stausee gesammelt werden, um für fremde Zwecke missbraucht zu werden. Sonst wird es gezwungen, im Untergrund seinen Weg zu suchen; in der Heimlichkeit, unter einem Lügenkonstrukt. Die Unterentwicklung ist vorprogrammiert und wird zu einer Störung führen.

Mit 27 brach ich zusammen. Ich lieferte mich selbst ins Irrenhaus von Zürich ein, wo mir eine generalisierte Angststörung diagnostiziert wurde. Am Boden angekommen, musste ich monatelang daran arbeiten, mich wieder aus dem Haus zu wagen oder einfach nur in einen Bus zu steigen. Ich musste alles neu erlernen. Ich musste in mir die Ängste meiner Mutter bekämpfen. Es fühlte sich an wie eine Wiedergeburt.

Ein Literaturagent sah in meiner Kindheit und Jugend allgemeingültiges Material. Er konnte mich überzeugen, einen autobiografischen Roman zu verfassen. So liess ich den kleinen Florian von sich erzählen. Ich sehe es als Weg, via Vergangenheit in eine gesunde Gegenwart zu finden.

Der Schritt in die Öffentlichkeit hat sich auf jeden Fall gelohnt: Der Florian in mir, der so lange hatte schweigen müssen, hat endlich eine Stimme und kann vielleicht sogar dazu beitragen, dass andere die Fehler meiner Eltern nicht wiederholen. Ich möchte auch aufzeigen, wie nötig es ist, miteinander offen zu kommunizieren, will man gesunden: Das Buch hat die Auswirkungen einer Explosion, meine Eltern reagieren, das ­dicke Eis auf dem See des Schweigens bricht, die Schweizer Familie spricht.

Publiziert im Züritipp (Tages-Anzeiger)