Der Film und ich

Wie Regisseur Marcel Gisler sagt: “Ich denke, dass ‘electroboy’ vielfältig lesbar ist.“ So hat jeder einen „anderen“ Film gesehen und man kann sich austauschen. Deshalb denke ich, dass „electroboy“ ein guter Film ist.

Marcel hat gesammelt wie blöd und alles runtergekocht auf die Essenz. Ein kluger und fleissiger Mensch. Ich vermute, dass der bewusste Verzicht auf das Künstliche und das Ausschmückende ein Grund ist, wieso man bei den Filmen von Marcel das Gefühl hat, dass sie nicht hyperprofessionell gemacht sind, aber deshalb als Zuschauer mittendrin steht und fühlt, dass keine Effekthascherei vorliegt. Dieses Fehlen von künstlichen Geschmacksverstärkern verwirrt dann all jene, die sich schon an die “Hollywood”-Filter gewöhnt haben.

Wieso habe ich damals zugesagt? Um mehr über mich herauszufinden. Um mich der Vergangenheit zu stellen. Und mich betreffend meiner Angststörung öffentlich zu outen, weil ich denke, dass zu diesem Thema zu wenig breit publiziert wird.

Der “electroboy”-Film war wirklich ein Grossprojekt, so viele, die involviert waren, so viel Arbeit und Hingabe an Details, und mir blieb nichts anderes übrig, als zuzuschauen. Sehr ungewohnt, aber irgendwie von alten Mustern befreiend, will ich doch sonst immer die Kontrolle und die Entscheidungsgewalt haben. Es war seltsam, der Mittelpunkt zu sein, aber kaum Einfluss auf die Entstehung des Filmes zu haben.

Chaos hat mich schon immer verunsichert. Gerade bei kreativer Arbeit. Deshalb war ich betreffend Dokumentarfilm ziemlich lange etwas überfordert. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass aus dem wilden Durcheinander von scheinbarer Willkürlichkeit etwas entstehen kann, das konkret und überzeugt einem Ziel entgegenläuft. Aber dann wurde ich aufgeklärt, dass so Sammeln funktioniert. Man kauft sich alle Möbel, erhältlichen Farben und Bodenbeläge, um am Schluss ein kleines Zimmer einzurichten. Wäre ich so vorgegangen, hätte ich jetzt vielleicht einen genialen Song geschrieben und das perfekte Outfit für mein Leben gefunden. Aber ich bin nur Protagonist, schon immer. Habe kein Leben recherchiert, gedreht und verdichtet. Ich bin kein See, in dem sich alles sammelt, ich bin (hoffentlich) nur ein kleiner Fluss. Denn bevor sich etwas sammeln kann, bin ich (hoffentlich) schon weg. Folgt daraus, dass bevor ich etwas vollenden kann, schon an etwas anderem arbeite? Folgt daraus, dass bevor ich ein Haus bauen kann, lieber das Zelt wieder woanders aufschlage? Folgt daraus, dass ich selbst lieber keinen Dokumentarfilm machen würde? Ich denke ja.

Ich finde, dass der Florian im Film ein guter Link zu mir ist. Meine Perspektive betreffend Familie ist ziemlich analytisch geprägt. Ich sehe die Perspektiven der anderen und kann sie aus der Geschichte heraus verstehen, weshalb ich auch nicht böse sein kann auf meine Familie. Doch in dieser analytischen Sichtweise kommen vielleicht meine innerfamiliären Gefühle etwas zu kurz. Jeder aus der Familie hat nach der Visionierung des Films gesagt, dass er nicht viel über mich gewusst habe vorher. Also war der Film auch eine Möglichkeit, mich meiner Familie vorzustellen. Wie ich im Film sage, sprechen wir eine andere Sprache. Regisseur Marcel Gisler hat übersetzt.

Darf man eine Familie so ausstellen? Nur so macht es für mich Sinn. Unsere Aussagen sind direkt im Film, aber sie sind es auch, weil wir uns lieben. Jeder von uns hat mit Freude am Projekt mitgemacht und persönlich daraus profitiert. Wir Protagonisten wirken ungeschützt, man kommt sich als Zuschauer voyeuristisch vor. Die Zusammenarbeit basierte auf Freiwilligkeit. Niemand wurde genötigt oder zu Aussagen gedrängt. Marcel hat jeden von uns langsam, vorsichtig und sehr sensibel immer besser kennengelernt und uns mit Humor und Zuneigung Fragen gestellt, die ein anderer nicht hätte stellen dürfen. Die ganze Familie hat den Film vor der offiziellen Aufführung gesehen, jedes Familienmitglied hat positiv reagiert und sich mit dem Gezeigten einverstanden erklärt. Marcel Gisler und das Filmteam pflegen eine freundschaftliche Beziehung zu uns. Es gab nie einen Anlass, misstrauisch zu werden oder Angst zu haben, dass man missbraucht werden könnte für ein fertiges Konzept oder eine vorgefertigte Message. Ich denke, dass meine Eltern neugierig waren und im Film die wahrscheinlich letzte Möglichkeit sahen, die Familie wieder näher zusammenzubringen, was auch tatsächlich so war. Die Arbeit am Film hatte eine therapeutische Wirkung auf die ganze Familie.

Wie ist es, mich selbst auf der Leinwand zu sehen? Würde ich mein Leben live auf einer Bühne einem Publikum erzählen, wäre mir das bestimmt unangenehm und ich würde mich ausgestellt fühlen. Beim Film ist das gar nicht so. Ich sehe mich als Projektion auf der Leinwand, und als solche ist sie in ihrer gefestigten Form nicht verletzbar. Der Link zu mir funktioniert gut, weil ich mich in dieser Figur wiederfinde. Sie steht wie ein Schutz zwischen mir und dem Publikum.

Ich habe durch die Mitarbeit am Film realisiert, dass meine Projekte und mein Leben total eng verbunden sind. Das passt auch zu meiner Einstellung, dass das Leben als Ganzes das ultimative Kunstprojekt ist. Mit dieser Erkenntnis habe ich auch die Angst überwunden, als Privatperson zu verwundbar zu sein, um von Aussen beurteilt werden zu dürfen.

Durch das Interesse der Filmemacher an meiner Person habe ich Aufwind bekommen: Motivation, wieder Energie durch kreatives Arbeiten zu generieren. Ich meinte längere Zeit, dass es mir an Inputs fehle. Dann habe ich sie wieder im Alltag und in meinen Interessen entdeckt. In diesem Sinne wurde durch die Filmvorbereitungen und der damit verbundenen Auseinandersetzung mit meiner Vergangenheit die Inspiration aus mir selbst heraus wieder entfacht.

Florian Burkhardt, 2014