Menschliche Rädchen

Unsere Gesellschaftsform funktioniert, weil wir in dieses Leistungssystem hineingeboren werden und in ihm aufwachsen. Es scheint uns natürlich und plausibel, dass das Ganze nur möglich ist, wenn wir selbst Leistung erbringen. Wir glauben, dass es Kraftstoff für den kollektiven Motor ist, aktiv und erfolgreich zu sein. Und dass wir uns als Individuen dadurch sinn- und zweckvoll fühlen. Leistung will zudem erbracht werden, weil sie vom Umfeld mit Akzeptanz und Bestätigung belohnt wird. Und je grösser die Leistung, desto besser — das haben wir spätestens in der Schule gelernt.

Aber eines wurde mir nie beigebracht: wie ich reagieren soll, wenn ich weniger oder gar keine Leistung mehr erbringen kann. Nie hat mir jemand gesagt, dass Probleme auftreten könnten. Und dass ich in einem solchen Fall ohne schlechtes Gewissen Hilfe in Anspruch nehmen kann. Kein Lehrer hat mir je aufgezeigt, wo man Hilfe findet, sollte man nicht mehr optimal funktionieren. Denn in unserer Gesellschaft ist die Beanspruchung von Hilfe nur im Notfall und am liebsten auch nur theoretisch vorgesehen. Und kommt einem Eingeständnis des eigenen Versagens gleich. Jeder habe einen Rucksack zu tragen, heisst es. Auch das sieht man als Leistung: die eigenen Probleme unter Kontrolle zu halten und zu verbergen.

Als mich psychische Probleme lahmlegten und ich, der Leistungsmensch, als Systembestandteil mit Motorschaden Konkurs anmelden musste, kam mir das als Totalversagen meiner Person vor. Im Nachhinein betrachtet kann ich die Ansprüche der Gesellschaft nicht einmal aus betriebswirtschaftlichen Gründen verstehen. Sie verlangt, dass wir das Gaspedal durchtreten, bis der Motor in Flammen aufgeht und die ungünstige Wirkung grösstmöglich ist. Sie sagt dann vielleicht noch, man habe ja die Möglichkeit gehabt, rechtzeitig Hilfe zu suchen. Und bestätigt damit noch einmal, dass alles mein eigenes Versagen ist. Sie macht es sich einfach und ignoriert die Schwachstellen im System, die gefährlich sind für mich als Person, aber auch für den Gesamtkörper. Denn man kann nicht erfolgreich missachten, dass die Rädchen dieser Maschinerie menschlich und damit anfällig sind.

Publiziert im Surprise Magazin, dem Schweizer Strassenmagazin; ein konkreter Beitrag gegen Armut und Ausgrenzung in der Schweiz, verkauft von sozial benachteiligten Menschen.