Spiel unseres Lebens

Schon das Spielen von Monopoly fand ich bedrückend. Es geht um Geld, und alle wollen gewinnen. Der Spieler kann investieren, den Rest bestimmt das Glück.

Das reale Leben ist vielfältiger, doch auch da kann man verlieren: Bringe ich die richtigen Voraussetzungen mit? Habe ich die richtigen Entscheidungen getroffen und genug in eine Ausbildung investiert? Habe ich Glück und genügend Kraft, um die vielen Jahre eines Arbeitslebens einwandfrei zu funktionieren? Ich muss, denn sonst wird aus dem Spiel ein Kampf.

Ich hatte stets fleissig gearbeitet, wie es mir beigebracht worden war, als über mir ein Gewitter aufzog, das ich erst bemerkte, als mich der Blitz traf. Ich hatte Zusammenbrüche und arbeitete schliesslich in der Wohnung — bis ich zu jeglicher Tätigkeit unfähig war und in eine Klinik kam. Über meinem Dasein stand plötzlich «Arbeitsunfähigkeit» geschrieben. In der Klinik lernte ich, mich wieder aus dem Haus zu trauen. Doch der Schritt zurück zum produktiven Mitglied unserer Gesellschaft war mir nicht gegönnt, obwohl ich mir nichts sehnlicher wünschte. Arbeitsversuche endeten wie ein Marathon für einen Gelähmten: wenig erfolgreich. Mein Leben wurde zu einer Odyssee, die mich über die Arbeitlosenkasse via Sozialamt zu einem Dasein als Teilrentner führte. Ich bin finanziell total abhängig von der Unterstützung des Staates und meiner Familie. Ohne dieses Geld stünde ich ohne Schutz verloren im Sturm, der noch immer über mir wütet. Ich kenne viele, die auch von Umständen dazu gezwungen sind, im Regen zu stehen. Ihre Geschichten sind vielfältig: die einen haben einen Masterabschluss, anderen war die Möglichkeit einer besseren Ausbildung missgönnt, wieder andere werden wie ich von psychischen Problemen gequält. Was kann man alles für Geld tun, wenn man stark eingeschränkt ist und einem die Umstände schlechte Karten gegeben haben? Manche sind gezwungen, ihren Körper zu verkaufen. Andere arbeiten in Lagerhallen und schleppen Kisten, obwohl sie studiert haben. Glücklich macht sie das nicht, aber sie haben wenig Chancen. Denn wie beim Monopoly geht es nicht um Erfüllung und Integrität. Letztlich bestimmen auch die Karten und das Glück, wer gewinnt und wer verliert.

Publiziert im Surprise Magazin, dem Schweizer Strassenmagazin; ein konkreter Beitrag gegen Armut und Ausgrenzung in der Schweiz, verkauft von sozial benachteiligten Menschen.