Welt ohne Religion

Mein grösster Traum war und bleibt: eine Welt ohne Religion. Ich wurde als Kind und Jugendlicher terrorisiert mit Unlogik, Heuchlertum und wahnhaften Zwängen durch religiöse Menschen, zuhause, im Unterricht, in der Freizeit. Ich stelle mir eine Welt vor ohne einen altmodischen Wissenslücken-Füller namens «Gott», einem grauenhaften Relikt aus uralten, unreflektierten und unaufgeklärten Zeiten. Einem Vergewaltiger des Geistes. Mich stört an der Idee der Religion, dass man dadurch aufhört, eigenständig zu denken. Mich stört die Idee eines Gottes, weil man dadurch einen passiven Lebensstil rechtfertigen kann.

Nehmen wir stellvertretend für alle Versuche eines Gottesbeweises den berühmten von Aristoteles: Er sagt, dass sich nichts ohne einen Beweger bewegt. Es braucht immer eine Ursache. Die Ursache für den Ursprung der Welt könnten wir Gott nennen. Doch was ist die Ursache von Gott? Wer hat Gott geschaffen? Und wer hat das erschaffen, was Gott erschaffen hat?

Die Frage nach dem «wie» und «warum» ist nicht geklärt, sondern nur nach hinten verschoben. Entsprechend erklärt diese Beweisführung keinen Gott, wie wir ihn definieren, weshalb sie meiner Meinung nach als gescheitert betrachtet werden muss. Es braucht zu viel blindes Vertrauen, um an etwas zu glauben, was Sinn verspricht, aber selbst keinen Sinn macht. Wie kann man als aufgeklärter Mensch an Gott glauben? Ein aufgeklärter Mensch möchte durch rationales Denken alle den Fortschritt behindernde Strukturen überwinden und sucht die Wahrheit: Die Übereinstimmung mit der Wirklichkeit, der Tatsache, dem Sachverhalt.

Woody Allen lässt in einem seiner Filme einen Sohn die Familie fragen: «Zieht ihr Gott der Wahrheit vor?» Aber wieso ziehen religiöse Menschen Gott der Wahrheit vor?

Die Gehirnforschung ist sich sicher: Das Gehirn erzeugt als Nebenprodukt einen Geist, den wir auch Seele nennen. Und der fragt sich unglaublich ehrgeizig, was das alles soll. «Was bringt uns das eigene Leben?» Und als egozentrische Antwort darauf der verzweifelte Schrei nach Unsterblichkeit, obwohl wir wissen, dass unser Leben garantiert tödlich endet.

Dieser Wunsch nach unendlichem Leben und die Angst vor der kommenden Nichtexistenz führt zum Interesse an der Religion, da sie einem ein Weiterleben nach dem Tod verspricht. Wie es auf dem Grab meines Bruders geschrieben steht: «Geboren um zu sterben, gestorben um zu leben.» Eine Behauptung, die es den Hinterbliebenen leichter machen soll. So zu tun, als wäre er gar nicht wirklich tot.

Meine Psychiaterin geht soweit, dass sie Leute, die an eine Religion und damit an ein Leben nach dem Tod glauben, im Scherz als Menschen mit wahnhafter Störung bezeichnet. Wie ist das Leben, wenn man an kein Weiterleben nach dem Tod glaubt? Schaffen wir es, trotz des unausweichlichen Todes, Kraft aus dem Jetzt zu ziehen und auch der Endlichkeit etwas Positives abgewinnen zu können?

Epikur sagte, dass der Tod uns nichts anginge, und es überflüssig sei, die Zeit in Angst vor ihm zu verbringen. Weiter sagte er: Wenn man einsieht, dass der Tod unvermeidlich ist, hört man auf, nach Unsterblichkeit zu verlangen. Er spricht von einer «Philosophie des Augenblicks». Der Sinn des Lebens erscheint mir deshalb einfach und unspektakulär: Er besteht darin, im Hier und Jetzt anwesend zu sein durch Sinneswahrnehmungen und -erfahrungen, begleitet von Gedankenwanderungen. Das ist alles. Und das ist viel.

Publiziert auf watson.ch