Wenn das Schweigen bricht

Es ist vielleicht einfach zu viel, was wir unter den Tisch kehren wollen. Es ist Zeit für eine kleine Revolution, indem wir uns dem stellen, was uns belastet, auch wenn wir es oft nicht wahrhaben wollen. Nicht nur Gesellschaftliches, auch das Persönliche gehört thematisiert, zum Beispiel die Dynamik in der eigenen Familie. Das habe ich mir gewünscht, als der Dokumentarfilm «Electroboy» über mein Leben ins Kino kam und offen Schwierigkeiten in unserer Familie aufzeigte. Doch anschliessend sagten meine Eltern nichts dazu, als gäbe es gar kein Problem. Erst jetzt, nach dem Erscheinen meines autobiografischen Romans «Das Kind meiner Mutter», reagieren sie.

Im Buch gebe ich dem Florian, der ich in meiner Kindheit und Jugend war, eine Stimme in einer Familie, in der die Psychiater den Ursprung meiner generalisierten Angststörung sehen. Den Grund, wieso ich jetzt Invalidenrentner bin. Ich lasse darin den jungen Florian erzählen, der noch immer verletzt und eingeschüchtert ist. Der schon so lange auf der Flucht vor seiner Herkunft ist. Ohne Filter und ohne Zensur gebe ich preis, wie ich damals das Leben mit meinen Eltern erlebt habe: die Überbehütung, die Fremdbestimmung ohne Raum für eine eigenständige Entwicklung. Es ist keine Abrechnung, es ist Ehrlichkeit. Ein Statement zu einem Thema, das Eltern wie Kinder betrifft: Erziehung und Freiraum.

Das Buch hat die Auswirkungen einer Explosion, meine Eltern reagieren heftig, das dicke Eis auf dem See des Schweigens bricht. Jetzt wird sich zeigen, ob wir schwimmen können oder untergehen. Als mein Vater den Klappentext liest, wird er wütend und nennt mich undankbar. Meine Mutter behauptet, dass ich lüge. Am Tag darauf sagt sie, sie könne sich an nichts mehr erinnern, es sei zu lange her. Eine Woche später ein erstaunlicher Schritt: Meine Eltern sind bereit, sich konfrontieren zu lassen und erwarten auf schriftlichem Weg Fragen von mir. Ich hoffe, dass ich mutig genug bin, den angefangenen Weg der Auseinandersetzung weiter zu gehen. Ich habe grosse Angst davor. Aber ich will nicht mehr wegrennen und glaube zu wissen: Wenn Schlimmes passiert ist, kann man es nicht mehr ändern. Doch wie wir damit umgehen, schon.

Publiziert im Surprise Magazin, dem Schweizer Strassenmagazin; ein konkreter Beitrag gegen Armut und Ausgrenzung in der Schweiz, verkauft von sozial benachteiligten Menschen.