Nudge — Entscheidungsarchitektur à la Google

Gegen einige innere Widerstände habe ich zum Jahresbeginn angefangen, mich mit Nudging (engl. für schubsen) zu beschäftigen. So abstoßend ich die erste Seiten von Thalers und Sunsteins Büchlein “Nudge — Wie man kluge Entscheidungen anstößt” auch fand, so oft wurde es in den letzten Jahren offenbar gekauft (2015 immerhin Auflage Nr. 5). Und so banal, widersprüchlich oder ‘trickreich dargestellt’ ich den Inhalt auch fand, so weit hat die Idee, Menschen so zu manipulieren, dass sie ‘kluge’ Entscheidungen treffen, mittlerweile Wellen geschlagen.

Es gibt eben solche Bücher. Werke, die inhaltlich fragwürdig sind, die dort lancierten Theorien aber trotzdem nicht tot zu kriegen sind. Robert Putnams “Bowling alone” ist da auch so ein Beispiel…

Nudge-Theorie

Der Theorie des “libertären Partanalismus” von Thaler und Sunstein zu Folge, sind die meisten Menschen gedankenlose, träge Schäfchen, die ohne viel Selbstkontrolle durch ihren Tag latschen. Und weil die “Humans” so sind, brauchen sie gelegentlich einen Schubs (Nudge) in die ‘richtige’ Richtung. Blöd nur, dass die Richtung des Schubses vom Standpunkt des Nudgenden — Thaler und Sunstein nennen ihn Entacheidungsarchitekten — abhängt…

Alles in allem ist die Theorie des Nudgings nichts weiter als eine Ausdifferenzierung des Form-Follows-Funktion-Prinzips mit einiger Überhöhung psychologischer Effekte. Dementsprechend lässt sich der Impact eines Nudges auch nur an großen Menschenmengen nachweisen — was jene, die den ewigen Königsweg zur Manipulation anderer suchen, natürlich schwer beeindruckt (Hat ja bei 80% der Schweden funktioniert…).

Wie dem auch sei! Kürzlich bin ich auf eine “Entscheidungsarchitektur” gestoßen, die ganz hervorragend illustriert, wie man heute so herumgeschubst wird.

Opt-Out — der Weg aus der Youtube-Summary

Es muss schon eine Weile her sein, dass ich bei Youtube angab, irgendwelche Mails bekommen zu wollen. Nun flatterte aber mal wieder eine Summary herein und ich wollte das ungeliebte Abo kündigen. Also nix wie hin zum Ende der Mail und auf “abmelden” klicken.

Auf meinem Android-Smartphone, mit dem ich meinte, diese Sache schnell erledigen zu können, öffnete sich prompt ein vertrauter Dialog:

Der Standard-Vorschlag (statistisch der am häufigsten gewählte) — dachte ich mir — wird schon der richtige sein. Sicher hat man den Opt-Out-Button dort mit eingebaut. Pustekuchen! Die Youtube-App öffnet sich und während sie das tut, erscheint erneut ein vertrauter Dialog:

Okay, dann waren die Entwickler eben Pfeifen oder sind noch damit beschäftigt, die Account-Verwaltung in die App einzubauen und den Button dort irgendwo zu verstecken. Derweilen (und auch in Ermangelung echter Alternativen) komme ich wohl nicht umhin, die nun standardmäßig vorgeschlagene Option auszuwählen.

Der Standard-Browser öffnet sich und während er das tut … Na ihr ahnt es schon!

Sieht aus wie ein Kurzschluss im Userflow, der durch das Zusammenspiel mehrerer zum Googleverse (Nennt man das so?) gehörender Anwendungen zu Stande kommt. Ist es vielleicht auch. In diesem Fall gilt ja — O’Reilly sei Dank — der Modus des ewigen BETAs im Web 2.0. Allerdings kann ich mir irgendwie nicht vorstellen, dass sich der sonst so hartnäckig-allgegenwärtige Google-Konzern so leicht aus meinem E-Mal-Postfach verdrängen lassen will. Absicht also!

Für die Absicht spricht, dass mir der dritte Dialog, anders als die ersten beiden, keine Standardauswahl vorgab. Bei einem Kurzschluss wäre das nicht so. Jetzt muss ich also selber überlegen — was die Ausstiegswahrscheinlichkeit ziemlich in die Höhe treiben dürfte — und den Bug als solchen erkennen. Heißt, ich muss meinem Browser, nachdem ich ihn schon zum Tool meiner Wahl erkor, sagen, dass er die Webseite wirklich aufmachen soll, damit ich mein Abo kündigen kann. Mit einem so moralisch gestützten Browser klappt das dann auch.

So kompliziert der vorletzte Satz geschrieben ist, so kompliziert war auch die Entscheidung. Glücklicher Weise laufen solche Entscheidungen bei unsereins ja glücklicher Weise schon recht schnell ab, wenn wir nicht überlegen, die Runde noch einmal abzulaufen, um festzustellen, ob sie wirklich eine ist und dann so einen Kommentar dazu zu schreiben …

Wider dem Schäfchen sein

Es dürfte durchgedrungen sein, dass ich so meine Schwierigkeiten mit dem Nudging habe. Hier aber scheint es — ohne bei mir final erfolgreich gewesen zu sein — funktioniert zu haben. Die Störung des Userflow scheint zufällig (ist sie vielleicht auch) wirkt aber als hemmender Kanalfaktor — ein Bgriff aus der Psychologie, den Thaler und Sunstein so preisen:

Der große Psychologe Kurt Lewin sprach in diesem Zusammenhang von kleinen Einflüssen, die bestimmte Verhaltensweisen entweder fördern oder einschränken […] Oft ist es deshalb wirkungsvoller, ein bestimmtes Verhalten zu fördern [oder zu hemmen; Anm. von mir] als zu versuchen, jemanden in eine bestimmte Richtung zu drängen (S. 104).

Das Beispiel des steinigen Opt-Out aus einem Youtube Mailing ist natürlich banal. Irgendwie kommt man da schon raus und wenn nicht, ist das eine SPAM-Mail mehr am Tag. Doch zeigt sich einmal mehr, dass Neugier der beste Weg ist, sich nicht rumschubsen zu lassen. Schenkt man den Steinen im Weg und den Knüppeln zwischen den Beinen etwas Aufmerksamkeit, anstatt sie murrend zu umgehen, kann man viel über die Welt lernen und sein Ziel umso entschlossener weiter verfolgen :-)