Manspreading: ein Appell

Heute in der Tram hatte ich ein Erlebnis, was mich, nach kurzer Überlegung, sehr wütend gemacht hat. Auch jetzt, nach einigen Stunden, denke ich noch daran. Und ich denke, das ist die perfekte Gelegenheit, um eine Sache anzusprechen, über die ich schon lange mal reden wollte. Das sogenannte “manspreading“ — wenn Männer in öffentlichen Verkehrsmitteln mit weit geöffneten Beinen dasitzen und somit ihre Oberschenkel gegen die ihrer Sitznachbarn drücken. Insbesondere für Frauen kann das sehr unangenehm sein. In einigen Städten gab es deshalb Kampagnen in den Bussen und Bahnen, um darauf aufmerksam zu machen, z.B. in New York und Madrid. 
 Im Internet wird das Konzept verlacht und gilt als Beispiel für die verrückten „feminazis“ die ja echt mit allem ein Problem haben.
 Und auch im „echten Leben“ hatte ich schon die eine oder andere Diskussion mit Frauen, aber hauptsächlich mit Männern, die den ganzen Diskurs für lächerlich und überzogen halten. Gerade die Männer schienen persönlich beleidigt zu sein, wenn man sie darauf hinwies, dass „manspreading“ nicht nur mehr Platz als nötig in Anspruch nimmt, sondern außerdem sexuelle Belästigung sein kann.

Sie denken: „Aber ich sitze auch breitbeinig da, na und, ich hab‘ halt Eier! Deshalb ist das doch noch lange keine sexuelle Belästigung“. 
 Das vielleicht nicht. Und bisher kam ich mir in einer solchen Diskussion auch recht hilflos vor und suchte nach den richtigen Worten. Das Argument „Aber Frauen ist das unangenehm“ zieht in solchen Situationen meistens leider nicht. 
 Deshalb möchte ich gerne alle diejenigen, die nicht das Konzept des „manspreadings“ glauben, dazu einladen, über mein Erlebnis von heute nachzudenken.

Ich saß in der Tram und war auf dem Weg nach Hause. Vormittags und am Anfang der Strecke war die Bahn noch ziemlich leer. Trotzdem setzte sich ein Mann direkt neben mich. Obwohl ich zuerst etwas genervt war — wollen wir nicht alle in den Öffis alleine gelassen werden? — habe ich diesen Gedanken erst einmal beiseitegeschoben. Der Mann war schon recht alt, ich denke so Ende 60, und wir saßen in der Bahn ziemlich weit vorne. Alte Menschen haben ja oft die Vorliebe, weiter vorne zu sitzen, also akzeptierte ich ihn.
 Dennoch kam mir der Mann für mein Empfinden etwas zu dicht. Okay, dachte ich, lasse ich ihm seinen Platz, und rutschte weiter Richtung Fenster, stellte meine Beine enger zusammen und drehte mich von ihm weg. Während der 20-minütigen Fahrt ergab sich zwischen uns ein Kleinkrieg, bei dem ich mich immer mehr in mich zusammenfaltete und er jeden Zentimeter, den ich freigab, einnahm, sodass ich wieder seinen Oberschenkel und seinen Oberarm an meinen hatte. Ich machte das ganz automatisch und realisierte erst, wie zusammengekauert und in die Ecke gedrückt ich war, als wir meine Haltestelle erreichten und ich ausstieg. Um aus der Ecke herauszukommen, musste ich mich förmlich an dem Mann vorbei drängen.

Wie automatisiert sein Verhalten war, kann ich natürlich nicht sagen, und er hat mich ansonsten weder besonders auffällig angeguckt oder angesprochen. Trotzdem handelte es sich bei seinem Verhalten um ein systematisches körperliches Eindringen in meine Privatsphäre.

Stellen wir uns die Situation doch mal ein bisschen anderes vor. Er steigt ein, setzt sich dicht neben mich und legt mir obendrein die Hand auf den Oberschenkel. 
 Das ist ganz klar sexuelle Belästigung. 
 Ich gebe zu, dass Hand auf Oberschenkel deutlich schlimmer gewesen wäre, als das, was er tatsächlich getan hat. Aber sexuelle Belästigung war es trotzdem.
 Denn ob nun mit seiner Hand, oder mit seiner linken Körperhälfte; ich wurde von einem mir fremden Mann an Stellen berührt, an denen ich ihn nicht haben wollte. Und das wieder und wieder. Obwohl ich mich mehrfach und immer weiter von ihm abgewandt habe.

Wenn er mir die Hand auf den Oberschenkel gelegt hätte, wäre es in einem gewissen Sinne sogar einfacher gewesen, mit der Situation umzugehen. Ich hätte aufspringen können, mich lauthals beschweren können. Ich wäre gegangen. Die gleiche Reaktion auf diese andere Form des Übergriffs wäre aber nicht nur den anderen Fahrgästen, sondern auch mir selbst übertrieben und unverhältnismäßig vorgekommen.

Und das liegt nicht daran, dass ich nicht im Grunde auch gerade sexuell belästigt wurde. Es liegt daran, dass mir beigebracht wurde, solches Verhalten hinzunehmen, darüber hinwegzusehen, ja, nicht mal darüber nachzudenken.
 Während der ganzen zwanzig Minuten Fahrt habe ich nicht ein einziges Mal darüber nachgedacht, aufzustehen und mich wo anders hinzusetzen. Obwohl ich mich unwohl fühlte. Obwohl er mir unangenehm war.

Und das macht mich wütend. Und ich frage mich, warum ich mich dem ausgesetzt habe. Und ich frage mich, ob ich etwas sage, oder zumindest weggehe, wenn mir so etwas das nächste Mal passiert. 
 Aber was ich mich auch frage, ist, warum viele die Diskussion um das „manspreading“ so lächerlich finden. Indem sie sagen: Frauen sollen sich nicht so anstellen, sagen sie auch zu mir: deine Gefühle sind lächerlich, dein Unwohlsein ist egal.

Und ich habe den Eindruck, dass wir, als Gesellschaft, immer sehr schnell dabei sind, dem Unwohlsein von Frauen weniger Beachtung zu schenken. Wenn Frauen sich unwohl fühlen, wird immer schnell gesagt, dass sie es herunterschlucken sollen. Keiner will sich mit diesem Unwohlsein auseinandersetzen und uns Frauen wird geraten, beigebracht, das auch nicht zu tun.

Aber dieses Hinwegsehen über anderer Leute Gefühle, ganz besonders über ihr Unwohlsein, ist respektlos und egoistisch. 
 Das Argument, was Männer immer bringen, wenn sie ihr „manspreading“ erklären wollen, ist, dass es ihnen unangenehm ist, mit geschlossenen Beinen zu sitzen. Ich habe keine Hoden und weiß deshalb nicht, wie es sich anfühlt. Aber mir genügt es, wenn Menschen, die Hoden haben, mir das so sagen. Ich habe nichts dagegen, in einem vollen Bus neben einem Mann mit gespreizten Beinen zu sitzen. Es ist auch okay für mich, wenn sein Oberschenkel meinen berührt.
 Aber in dem Moment, in dem der Körperkontakt mir unangenehm wird, zwingt mich die Gesellschaft, sein Unwohlsein über meines zu stellen. Und das will ich so nicht mehr hinnehmen.

Hier also mein Appell an alle Frauen: wenn euch ein Mann in den öffentlichen Verkehrsmitteln zu dicht kommt, sagt ihm das. Seid höflich, aber bestimmt. Unterdrückt euer Unwohlsein nicht, sondern handelt daraus.
 Oder aber, liebe Frauen, die ihr denkt, dass andere Frauen, die sich über das manspreading aufregen, nur auf wichtigtun, den Feminismus trivialisieren und/oder sich nur anstellen: diese Meinung steht euch zu. Aber bitte, untergrabt nicht diejenigen, die anders denken.

Mein Appell an die Männer: wenn ihr das müsst, dann sitzt mit breiten Beinen da. Nehmt euch so viel Platz wie ihr braucht. Aber setzt da eine Grenze, wo ihr in die private Zone eines anderen Menschen eindringt. Wenn jemand von euch wegrückt, ist das keine Einladung, sich noch weiter auszubreiten, sondern ein deutliches Signal: bleib weg von mir.

Mein Appell an alle: die Gefühle anderer Leute mögen anders sein, als die euren. Ihr mögt sie vielleicht nicht nachvollziehen können. Aber sie sind dennoch genauso valide wie eure. Akzeptiert das!