Bild: F. Tentler, menschortweb

Smartsphere — Ein neues Konzepte zur Interaktion im analog-digitalen Raum

Auch wenn es vielen noch nicht bewusst ist: Die nächste Stufe der digitalen Evolution ist bereits da und dieses Mal verdient sie eher die Bezeichnung Revolution. 
Mit dem Erwachsenwerden der Smartphones und der Integration sogenannter „Location Based Services“ sind Menschen weder an stationären oder tragbaren Rechnern gebunden, noch nutzen sie ein einzelnes Angebot, um in ihrem digitalen sozialen Raum zu interagieren. Sie haben Hochleistungsrechner mit integrierten transmedialen Netzwerken in der Hosentasche, die sich (via Bluetooth) mit technischen Erweiterungen (Kopfhörer, Fitness-Trecker, Smartwatches, Datenbrillen,…) und (via Bluetooth, GPS, NFC, QR Code, Mustererkennung) mit ortsgebunden digitalen Angeboten (Bacons, Augmented Reality, Virtual Reality, Apps, Messenger,…) verbinden und somit in der Bewegung, im Raum, den Austausch von Informationen in eine neue Dimension katapultieren.

Die Zusammenführung von Smartphones, Social Media und Location Based Services verlangt von Anbietern digitaler Inhalte ein völlig anderes Verständnis der Zusammenhänge zwischen User und Informationen. Aus diesen wiederum ergeben sich viele Aspekte, die ein neues analog-digitales Storytelling verlangen, dass sich dem bereits vorhandenen User-Verhalten nicht nur anpasst, sondern vorangeht. Bisher beschränkt sich das Hineindenken in diese neuen Angebote als reine technische Lösungen. Museen bieten hier und da Beacons an, die Informationen liefern, ohne dass der User sie suchen muss. Weginformationen werden in Echtzeit geliefert und Routen angepasst. QR Codes erweitern Flyer und Poster. Teilweise sind diese Lösungen nützlich, selten wirklich sinnvoll und kompliziert und zumeist gibt man sich mit einem Wow!-Effekt zufrieden. Aber welches Potential darin steckt, wird nicht erkannt und die angebotenen Lösungen verschwinden dann wieder mit der Zeit. Doch muss man wissen, dass sich mit diesen Angeboten Lösungen entwickeln lassen, die nachhaltig nutzbar, ausbaubar und wesentlich effektiver sind, als heutige transmedial Erzählstrategien. Sie erschaffen nämlich nicht nur einen Zugang (ein Rabbithole), sondern liefern auch die Grundlage dafür, dass User sich langfristig und engagiert in eigens für sie geschaffene Sphären aufhalten und dort Nutzungszeit und Traffic liefern. Da dieser gewünschte Effekt heute Grundlage eines jeden Kommunikationskonzepts ist, ist diese langfristige und enge Bindung ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.

Wie muss man sich dieses System vorstellen? Zunächst einmal vergessen wir, was wir meinen über Apps und mobile Anwendungen zu wissen glauben, denn dieses Wissen und was daraus heute gemacht wird, entspricht nicht annähernd den dahinter steckenden Möglichkeiten. Einzelne Apps, die eine Funktion besitzen, die eine Website simuliert, oder einen einmaligen Wow-Effekt anbieten, sind weder sinnvoll, noch ihr Geld wert. Nicht nur im Kulturbereich werden so locker 99% der ausgegeben Gelder zum Fenster hinaus geschmissen. Auch im Stadtmarketing, im Tourismus und Unternehmen ist hier ein Markt entstanden, der auf „Me, too!“, Unkenntnis und offensichtlich sich gut verkaufenden Agenturen basiert, die die gleichen Fehler bewirken, wie wir sie bereits bei der Entwicklung von Websites und Social-Media-Strategien erfahren haben: Viel Geld für Null Effekt. Natürlich werden diese Fehler wieder gemacht werden. Das ist auch gut so, denn woran sollte man sonst Erfolg bemessen. Dennoch sollten wir uns dieses Mal frühzeitig mit den neuen Technologien und Konzepten beschäftigen, die wir benötigen, um morgen richtige Entscheidungen zu treffen. Besser noch heute, denn das Morgen ist wörtlich gemeint.
Ich habe in vielen Diskussion und Workshops Verständnis für diese Ideen geerntet, aber bin auch vereinzelt auf Abneigung gestossen. Natürlich hat es mich interessiert, warum das so ist. Immer waren es Menschen, die keinerlei Verständnis für die Zusammenhänge der uns umgebenden digitalen Welt hatten, die schon lange aus dieser Welt ausgestiegen sind, weil sie weder diese Welt, noch die Menschen darin verstehen und mögen. Das ist eine gute Begründung. Aber leider die Falsche, wenn es eigentlich ihr Beruf ist, eine Brücke zwischen ihrer Aufgabe, ihrer Arbeit und dem heutigen User zu bauen. Dann erfüllen sie nicht ihre Arbeit und sie müssen sich fragen, ob diese Arbeit nicht von anderen besser ausgefüllt werden kann. Gleiches gilt natürlich hier auch für Entscheider. Ist es meine Aufgabe, meine Arbeit, meine Produkte zu vermarkten, gibt es heute keinen Weg mehr um eine analog-digitale Kommunikationsstrategie. Analog und digital sind heute eins in der Kommunikation. Es gibt nicht mehr eine Abteilung, die das eine, oder das andere macht. Und wenn ja, wenn es aus irgendeinen mir nicht bekannten Grund sein muss, sollte die analoge Abteilung aufgelöst werden. So einfach ist die Wahrheit, wenn es um um Reichweite, Wahrnehmung und Einfluss/Respekt in der heutigen Welt geht.

Seit 2012 arbeite ich in Beratung und Projektproduktion mit dem Konzept der Smartplaces. Ein Smartplace kann z. B. ein Museum, ein Stadion, ein Festival sein. Nötig ist dafür ein Konzept, dass in einer multimedialen Transmedia-Storytelling-Strategie den Ort, das Event mit seinen Besuchern interagieren lässt. Das sind technische Lösungen, wie WLAN, Beacons, eine App (wenn möglich), aber auch ein Social Web Command Center (eine technische Lösung, die Kommunikation, Monitoring, Controlling und Teamwork in einer Dashboard-Lösung schon nutzbar für Preise zwischen 10–300€/Monat zusammenführt und das Bespielen unterschiedlichster Kanäle zum Kinderspiel macht) und natürlich MitarbeiterInnen, die mit einer Community interagieren können. Wie gross diese Lösung sein muss, entscheidet die Zielvorgabe. Auf diesem Konzept lassen sich komplette und komplexe digitale Kommunikationsaufgaben übersichtlich, nachvollziehbar, kalibrierbar und schnell durchführen. Cambridge Professor Luciano Floridi, der sich mit der Organisation und Ethik von Informationen beschäftigt, hat für die analog-digitale Welt, die uns umgibt, den Ausdruck „Infosphäre” geprägt.
Eine Beschreibung: “Wir befinden uns inmitten einer vierten Revolution, die unser Leben und Selbstbild verändert. Denn in der vernetzten Welt, der so genannten “Infosphäre”, sind wir längst dabei eine neue digitale Umwelt zu kreieren. Die Computer wurden in den vergangenen 30 Jahren immer billiger, kleiner und leistungsstärker. In einen durchschnittlichen Neuwagen steckt heute mehr Rechenleistung als die NASA mit ihren Computern hatte, um Menschen im Jahr 1969 auf den Mond zu bringen. Jeden Tag produzieren wir genug Daten, um alle Bibliotheken der USA zu füllen und im Durchschnitt trägt jeder Mensch heute mindestens einen Gegenstand bei sich, der mit dem Internet verbunden ist. Egal, ob übers Funknetz mit dem Smartphone, über das Internet mit dem Laptop oder über GPS mit dem Navigationssystem im Auto. Täglich greifen wir auf ein weltumspannendes Netz aus Kommunikations- und Informationssystemen zurück. Diesen globalen Informationsfluss, der sich ähnlich der Atmosphäre um die Erde spannt, nennt Floridi Infosphäre. Die wesentliche Erkenntnis dieser 4. Revolution, die erst in ihren Anfängen steht: Wir sind Information-Kreaturen und abhängig von Computern, die schlauer sind als wir.“ (Deutschlandfunk, Das digitale Menschenbild, Link zum lesens/hörenswerten Beitrag: http://bit.ly/1JAXoTk ).
Diese Erkenntnis hat auch für die Kommunikation und für das Marketing heute weitreichende Folgen. 2014 wurde ein erster Prototyp eines recht komplexen Smartplace entwickelt. 2015 reichte dieses Modell nicht mehr aus, um den Bedürfnissen wirklich gerecht zu werden. Was, wenn Menschen zwischen verschiedenen Smartplaces hin und her wechseln? Was, wenn unterschiedliche Angebote im Gesamtkontext einer Stadt einen höheren Sinn ergeben, oder wenn durch ein Separieren unnötige Kosten entstehen? Alles das bewegte unser Denken und wir kamen zu dem Schluss, dass es dafür eine übergeordnete Lösung geben muss. Ausgehend von der Theorie der Infospären, entwickelten wir die Smartsphere, die klug organisierte und interagierende, multi- und transmedial Sphäre, die sowohl unterschiedliche Smartplaces, als auch unikate Informations/Medienströme ortsgebunden zur Verfügung stellt, teilbar und archivierbar macht. Kurz gesagt: Wir stellen eine „Mutter-App“ zur Verfügung die alle notwendigen „Location Based Technologies“ und Kommunikations/Marketinglösungen beinhaltet, um mit dem Nutzer zu interagieren und ihn selbständig die Smartsphere erleben zu lassen. Tag für Tag aufs neue. Informationen, Medien, Kontakte werden nach für den Nutzer relevanten Themen (eine bewusste Filterblase-Verzerrung von 10–20% eingerechnet) ortsbezogen zur Verfügung gestellten und sind innerhalb und ausserhalb (Mail, Social Networks, Messenger) teilbar. Ebenso werden die Technologien der Smartsphere allen Partnern zur Verfügung gestellt, um eigene Smartplaces-Apps — somit wesentlich günstiger, als wenn sie extra und alleine erstellt werden müssten — zu bekommen. Diese sind über Deep Links fast unmerklich im Übergang mit der Smartsphere verbunden. Ähnlich der Facebook-App und ihrem Messenger.
2015 arbeiten wir als Unternehmen menschortweb an 4 unterschiedlichen Projekten, die als Smartspheres 1.0 erste konkrete Anwendungsbeispiele bieten. Das ist eine Smartsphere für die Stadt Magdeburg (Start März 2016), eine mit Gamification-Elementen für das Freilichtmuseum Detmold, die Integration von Smartsphere-Elementen in eine neue Stadtmarketing-App in Wolfenbüttel und das Konzept für eine Smartsphere, die die Grundlage für ein völlig neues Einkaufserlebnis in einer Stadt bieten soll. Hierbei werden die besten Dinge aus der digitalen und stationären Handelswelt verbunden und ebenso werden wir das „Internet of Things“ in die Geschäftswelt bringen und in die Smartsphere integrieren. Weitere Smartspheres mit Burgen und Museen, sowie im Einsatz als Event-App sind in Vorbereitung.

Ich hoffe, ich konnte hiermit einen ersten Einblick geben, wie sich diese (R)Evolution vollzieht. In folgenden Beiträgen möchte ich gerne tiefgehender auf den täglichen Nutzwert für den User und die Einsatzmöglichkeiten, sowie Infospäre-Strategien für Anbieter eingehen.