Durchschaubar

Ich erinnere mich.

Ich öffne die Augen, ich wache auf. 
Verschlafen reibe ich mir den Schlafsand aus den Augen und richte mich auf.
Zähne putzen, duschen, mir prasselt das heiße Wasser auf den Kopf. 
Ich genieße es zu lange. Den Wasserhahn abgedreht, das Handtuch um mich gewickelt, gehe ich in die Küche und lasse die Kaffeemaschine warm laufen.
Ich ziehe mich an, Unterwäsche, Shirt und Hose. Ein grüner, ein roter Socken. Wer will schon seine Zeit mit Socken sortieren verschwenden. 
Kaffeeduft schwängert die Luft, ich werde langsam wach.
Meine Armbanduhr piepst, es ist 7 Uhr 45, höchste Zeit mich auf den Weg zu machen. Mein Schlüssel fehlt.
Wo ist nur mein Schlüssel?

«Reden, atmen riechen. Erinnerungen über das volle Spektrum. Für das Willow Grain Implantat zahlen Sie weniger als für die tägliche Tasse Kaffee. 
Inklusive drei Jahrzehnte Datensicherung. Unter lokaler Betäubung wird es eingesetzt und dann kann es losgehen- denn Erinnerungen wollen erlebt werden.» [1]

Willow Grain Benutzeroberfläche [2]

Ich drücke den Zurück-Button am Bedienknopf meines Willow Grain Implantat. Ich spule auf gestern abend zurück. Meinen Schlüssel habe ich nicht aus meiner Jackentasche gepackt.
Ich bin wieder im Jetzt und laufe zu meiner Jacke. Ich greife hinein und ziehe meinen Schlüsselbund heraus. Erleichterung. Ich kann los.
Meine Armbanduhr piepst, 8 Uhr 30, ich bin pünktlich und sitze im Wartebereich. 
Ich bin als Nächster dran und trete in das sauber duftende Zimmer und setzte mich auf die gemütliche Couch. 
Ein Frau mit freundlich angenehmer Stimme begrüßt mich. 
«Wie geht es Ihnen Herr Soundso?« fragt sie und tippt mich an.
Ich gebe ihr den Bedienknopf meines Willow Grain Implantat und sie schaut sich all meine Erinnerungen seit dem letzten Termin an.

«Obwohl ich vollkommen blind bin… halte ich mich noch immer für einen sehr visuellen Menschen. Nach wie vor «sehe» ich Gegenstände vor mir. Während ich jetzt tippe, kann ich meine Hände auf der Tastatur sehen… In einer neuen Umgebung fühle ich mich erst wohl, wenn ich ein Vorstellungsbild von ihrem Aussehen habe. Und selbstständig kann ich mich erst bewegen, wenn ich eine mentale Karte habe.» [3]

Durch das Willow Grain Implantat ist es Psychologen und Neurologen möglich Blindheit zu studieren. Ich habe meine anderen Sinne geschärft. Meine akustische Anpassung ist wie bei den häufigsten Blinden ausgeprägt.
Ich habe aber noch stattdessen mein inneres Auge, die Kraft eines visuellen Vorstellungsvermögens zur höchsten Entfaltung gebracht.
Dabei war ich äußerst erfolgreich und habe die bemerkenswerte Fähigkeit entwickelt, Vorstellungsbilder zu erzeugen, festzuhalten und zu handhaben, sodass ich in der Lage bin, eine virtuelle, also die Möglichkeit zu in sich begreifende, visuelle Welt zu konstruieren, die mir ebenso real schien, wie die wahrnehmende, wirkliche. 
Vielleicht manchmal noch realer und lebendiger [4].
Ich kann meine Erinnerungen immer wieder abspielen. Es verhilft mir zu einer unbeschwerteren Selbstständigkeit. Gerade in alltäglichen Belangen, wie dem Suchen meiner Schlüssel erspart es mir das Verschwenden 
unnötiger Zeit. 
Kann ich meine introspektiven Gedanken teilen, eröffnet sich den Sehenden eine ganz neue Ebene der visuellen Ästhetik.
Vielleicht wacht auch ihr auf.

[1] Zitat aus «Mein transparentes Ich», dritte Folge der zweiten Staffel Black Mirror, 02:48 Minute, abgerufen am 26. Juli 2018
[2] Screenshot aus «Mein transparentes Ich«, dritte Folge der zweiten Staffel Black Mirror, 03:01 Minute, erstellt am 26. Juli 2018
[3] Zitat aus «Das innere Auge« von Oliver Sacks, Rowohl Taschenbuch Verlag, September 2012
[4] «Das innere Auge« von Oliver Sacks, Rohwohl Taschenbuch Verlag, September 2012