Ernüchternd

Nie wieder wird es in unserem Leben so etwas wie Semesterferien geben. Zwei Monate, die sich vom Sommer in den Herbst dehnen. Zwei Monate losgelöst von äußeren Zwängen im eigenen Gedankensüppchen schwimmen.

Ihr wisst genauso gut wie ich, dass es solche Semesterferien gar nicht gibt. Losgelöst. Wohl eher gebunden. An Ansprüche, Seminararbeit, Wohnung, Job. Ich sehe es ein: In der Pause zwischen Semester vier und fünf stehe ich bisweilen früher auf, als während der Vorlesungen. Ich plane meine Wochen nach Terminen, betreibe Literaturrecherche und wische eingetrocknete Zahnpastaflecken aus dem Waschbecken. Hin und wieder lese ich, aber das artet immer in mehrere Stunden aus, die mich von (wirklich wichtigen) Real-Life-Dingen abhalten.

Jeden Morgen setze ich mich nach dem ersten Kaffee an den Laptop, um Dinge zu schreiben, die weder wissenschaftlich noch journalistisch sind. Es sind Dinge aus meinem Kopf, die meistens abends beim Einschlafen hervorkriechen und mich nötigen, sie in die winzigen Zeilen der Notizen-App meines Smartphones zu tippen. Schnell, bevor sie verblassen. Angetrieben durch meinen Kopf, der seit Beginn des Studiums auf Hochtouren arbeitet, befeuert von Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit oder Lotmans Erzähltheorie. Das Schreiben zieht sich oft über den ganzen Vormittag und erst gegen Mittag lassen Schuldgefühle oder Termine diese Flut an Wörtern verebben. Wozu machst du das? Die Wahrscheinlichkeit, dass du die nächste Rowling wirst, ist lächerlich gering…

Manchmal verstehe ich selbst nicht, warum ich meine wertvolle Zeit damit verbringe, Geschichten niederzuschreiben, die ich mit Sicherheit eines Tages fallen und in einer Schublade verkümmern lasse. Oft aber fühlt es sich unglaublich gut an, zu meinen Geschichten zurückzukehren, Tag für Tag. Den Protagonisten dabei zusehen, wie sie ihr Eigenleben entwickeln — ungefähr das schönste Gefühl, das ich mit dem Schreiben verbinde. Ich stecke ein paar bedeutende Eckpunkte ab, bevor ich meiner Geschichte ihren Lauf lassen kann und sich die Figuren von selbst bewegen.

Du kannst doch gar nicht schreiben. Dir fehlt es an Geduld. Es mag stimmen, ja. Aber Schreiben ist ein Prozess des Lernens und Übens und genau das werde ich tun. Solange, bis es einigermaßen gut ist. Denn es ist die vielleicht beste Art, um für eine Weile das Leben hinter sich zu lassen, die Termine, die fremden Menschen, die Zahnpastaflecken.

You must stay drunk on writing so reality cannot destroy you, soll Ray Bradbury einmal gesagt haben. In wenigen Wochen beginnt das neue Semester und mit ihm kommt die Zeit, in der mir weniger Stunden für’s Schreiben bleiben. Und dabei habe ich noch gar nicht richtig damit angefangen.

Ernüchternd.