“Flyer als German Wings”
Wenn die stumpfste Satire mehr zur Aufklärung beiträgt als journalistische Berichterstattung
Kaum eine Woche nach #Varoufake wird der Mainstream-Journalismus™ in Deutschland erneut auf die Probe gestellt. Diesmal ist nicht mal ein detailverliebt durchinszenierter Video-Hoax vonnöten; eine ebenso kalkulierte wie duchsichtige Provokation auf Twitter reicht aus, um die moralische Empörung einiger Akteure aufzuwiegeln und somit “zur Kenntlichkeit zu entstellen”.
Das Hintergrundrauschen der rituellen Betroffenheit
Auf den ersten Schock nach dem Absturz von Germanwings-Flug 4U9525 folgt eine Welle der Betroffenheit. Darauf wiederum folgt eine mittlerweile ebenso obligatorische zweite Welle, die anmerkt, die Betroffenheit sei scheinheilig, da sie nur bei Ereignissen zum Ausdruck kommt, die eine unmittelbare Nähe zu unserer (gefühlten) Lebenswirklichkeit aufweisen.
Diese Aussagen sind menschlich nachvollziehbar, somit aber auch vorhersehbar, da sie nach einem ritualisierten Prinzip funktionieren, das sich mit jeder Katastrophe neu manifestiert.
Dies schafft eine grundlegende Atmosphäre der Betroffenheit, in der die kommerziellen Medien, die auf eine gesteigerte mediale Aufmerksamkeit angewiesen sind, besonders radikal um diese kämpfen. Um das Interesse aufrechtzuerhalten, wird das Vakuum an sachdienlichen Informationen zum eigentlichen Absturz angefüllt mit Spekulationen, Berichten über Hinterbliebene und Beileidsschreiben.
Für weitere Details hierzu empfehle ich die Lektüre des Kommentars Der verhältnismäßige Journalismus, ein Opfer auf DWDL.de
Der Absturz hat eine Maschinerie in Gang gesetzt, die in einem grotesken Überbietungswettbewerb gleichzeitig die Anrührigkeit der Betroffenheitsbekundungen und die voyeuristische Zurschaustellung der Katastrophe immer weiter auf die Spitze treibt.
Money Boys Shitstorm aus dem Lehrbuch
Untrennbar verbunden mit der Kunstfigur Money Boy ist auch immer die Frage “Meint der das ernst?” Fest steht, dass der österreichische Rapper und Diplom-Kommunikationswissenschaftler regelmäßig und bewusst Grenzen auslotet und übertritt.
Dies manifestiert sich einerseits in seinen absurden, meist stumpfen und häufig überraschenden Äußerungen auf Twitter, andererseits in seiner Musik, die das Genre Rap mehr und mehr auf seine Klischees, Effekte und leeren Gesten reduziert.
Ob es sich bei der Reproduktion von Stereotypen um eine bewusste Parodie oder unreflektierte Nachahmung handelt und ob die Tabubrüche von Money Boy als Satire oder doch nur als Marketing gedacht sind, ist hierbei völlig unerheblich.
Fest steht, dass seine Äußerungen zum Flugzeugabsturz auf absurd simple Weise einen klassischen Shitstorm und den Umgang damit inklusive typischer leerer Gesten und Phrasen widergeben. Die Inhalte treten in den Hintergrund und jede neue Provokation und Wendung hat weitere heftige Reaktionen zur Folge.
Der Tabubruch
Die Einsicht
Die Durchhalteparolen
Er nimmt sogar in gewohnt dadaistisch-naiver Weise direkten Bezug auf die spekulative Berichterstattung der Medien:
Natürlich blieben die ersten empörten Reaktionen nicht lange aus. Verschiedene Medienpersönlichkeiten haben für die Tweets, gelinde gesagt, wenig Verständnis übrig.
Hat jemand zufälligerweise am Wochenende Zeit und Lust, mit mir nach Wien zu fahren um Moneyboy aka “der Hässlon mit dem Mundwinkelkäse” schön ein´s in die Fresse zu hauen????
Falls jetzt wieder die Moralapostel kommen….
JA…..genau dieses Verhalten sehe ich als Vorbildlich an, denn dieser verschissene Helmträger verdient nichts anderes als genau DAS!!!!!!!!!!!!!! — Jan Leyk auf Facebook, 16.500 gefällt das
ich möchte vor Scham einfach nur noch kotzen!
Goodbye and Fuck off, Dude —
such dir eine neue Spezies.
Als Mensch hast du versagt. — Oliver Kalkofe auf Facebook, 12.900 gefällt das
Focus Online entblödet sich nicht, eine umfangreiche Zusammenstellung der “Geschmacklosigkeiten” mit Videoaufnahmen der Wrackteile des Flugzeugs zu garnieren.
Satire versteht man erst, wenn man auf die Reaktionen schaut, statt auf die Satire selbst
Es ist zugegebenermaßen ein kleiner Teil der Medienlandschaft, der direkt auf die Tweets anspringt. Trotzdem führt dieser Fall uns die Vorhersehbarkeit einiger medialer Wirkmechanismen anschaulich vor Augen.
Money Boy befeuert die Überbietungsmaschinerie der Betroffenheit auf plumpe aber wirkungsvolle Weise und lässt sie so weiter freidrehen.
Darüber hinaus verleitet er diejenigen, die sich immun wähnen gegen den Exzess der Berichterstattung, dazu, sich wortwörtlich einzumischen in den unkontrollierbaren Strudel der Empörung und hält ihnen somit den Spiegel vor.
Die Behauptung, Money Boys Tweets können keine Satire sein, da dieser offensichtlich nicht intelligent genug sei, auf dieser Metaebene zu operieren, ist ebenso überheblich wie irrelevant. Natürlich kann Money Boy nicht sämtliche Implikationen und möglichen Lesarten seiner Kommunikation überblicken. Aber das kann niemand.
Dies zum Kriterium für Satire zu machen, zeugt lediglich von der Hybris der Kritiker, die sich von dem Wunschtraum verabschieden müssen, von einem objektiven moralischen Standpunkt über mediale Geschehnisse urteilen zu können, ohne selbst Akteure ebendieser Geschehnisse zu sein.
Nicht nur der verhältnismäßige Journalismus, auch die Verhältnismäßigkeit der öffentlichen Meinung steht auf wackeligen Beinen, wenn sie sich durch derart simple und gezielte Provokation aus dem Gleichgewicht bringen lässt. Das hat uns Money Boy, bewusst oder unbewusst, vor Augen geführt.
Bei weiterem Interesse am Thema hier noch mal die Empfehlung, den Artikel Der verhältnismäßige Journalismus, ein Opfer auf DWDL.de zu lesen.