Die tragenden Oberflächen der Demokratie

Wenn wir über Demokratie reden, schätzen wir Meinungen, Engagement und zählbare Aktivität. Inszenierungen und deren Konsum betrachten wir mit Skepsis, sehen sie häufig als verzichtbar an. Es bleibt dabei, die vermeintlich oberflächlichen Dinge haben es schwer:

Dabei sind Oberflächen die Stellen unserer Demokratie, an denen wir Politik durch Bilder, Symbole, Zeichen und Gesten erst erleben können. Oder anders ausgedrückt: an denen wir Politik beobachten, kontrollieren, erspielen und entscheiden können. Sie prägen sie im Alltag stärker als jede Verfassung, jedes Wahlgesetz oder informelle politische Abkommen. Sie sind die unsichtbaren Stützen, die unsere Demokratie tragen, fortbilden und so erst ermöglichen.

Im Normalfall redet niemand über sie. Im Wahlkampf beschäftigen sie uns dann für wenige Wochen zwangsweise. Sie beschäftigen die Politik, weil man ja irgendwas auf diese Plakate bringen muss. Und die Journalisten, weil man über sie so einfach Artikel schreiben kann. Da wird noch schnell das belangloseste Plakat in ein passendes Narrativ gepresst, um irgendwie Inhalt zu generieren: Als Analyse getarnte Bildunterschriften. Das reicht nicht.

Funktionierende Oberflächen sind eine Grundvoraussetzung für unsere Demokratie. Dafür gibt es einen sehr einfachen Grund. Es steht nirgendwo geschrieben, wie wir Demokratie eigentlich nutzen sollen. Die Anweisung „Lies alle Wahlprogramme und vergleiche sie!“ kommt im Grundgesetz nicht vor. Genau das macht Demokratie so unglaublich widerstandsfähig — wir können sie nutzen, wie wir wollen. Und morgen vielleicht schon ganz anders. Jeder für sich. Und da wir erst an Oberflächen Politik erleben, prägen sie unsere Demokratie und was wir mit ihr anfangen. Deswegen sollten wir uns — wenn uns an Demokratie gelegen ist — diese Stellen anschauen.

Ich möchte einmal genauer hinschauen. Wo funktioniert die Oberfläche unserer Demokratie und wie? Was verändert sich gerade, und welche Auswirkungen hat das? Tragen die Oberflächen noch, oder müssen wir sie neu aufstellen?


1. Unser Ideal von Demokratie ist verlogen und kontraproduktiv

Für den ersten Teil dieser Reihe lohnt sich bereits die Frage, warum Oberflächen es im Politischen so schwer haben:

Ein Grund ist die gesunde, aber manchmal übertrieben kritische Haltung gegenüber vermeintlich oberflächlichen Dingen, insofern es nicht um Unterhaltung, Kunst und Kultur geht — da darf das Feuilleton selbstverständlich die Gesellschaft an der aktuellen Serienlandschaft im TV messen.

Hinzu kommt ein unbändiger Wunsch nach Authentizität. Nach etwas unumstößlich Wahrem, auf das sich der Wähler verlassen („Die ist einfach so wie sie ist, und sagt einfach was sie denkt!“), und auf das sich der Politiker und die Journalistin im Zweifel zurückziehen können („Es geht doch jetzt um Inhalte, nicht um den Stil!“). Dass Authentizität durchaus paradox sein kann, habe ich an diesem Beispiel erkundet.

Zu allem Überfluss entstehen Oberflächen auch ohne, dass man sich mit Ihnen beschäftigen müsste, was den Gestalter oft plagt, die Welt aber irgendwie am Laufen hält. Inhalte eben nicht.

Wenn ich die Oberflächen unserer Demokratie betrachte, erkenne ich noch eine weitere Hürde: Unser demokratisches Ideal. Es steht im Widerspruch zu oberflächlichen, eingängigen und konsumierbaren Dingen.

Vor diesem Konflikt erscheinen viele demokratische Herausforderungen unserer Zeit (das Wiedererstarken der Populisten, „postfaktische“ Wahlkämpfe, Echokammern und einige mehr) in einem anderen Licht. Es ist nicht sehr viel heller, es flackert mehr so vor sich hin. Es beleuchtet aber ein paar Stellen, die wir sonst häufig übersehen:


2. Der Designfehler der Demokratie

Die in Teil 1 beschriebenen Probleme blieben lange unentdeckt. Auch für die Politikwissenschaft (siehe Democracy for Realists). Durch eine neue digitale Öffentlichkeit treten sie nun stärker zu Tage. Wer sich noch um Demokratie schert, muss sich nun um den Designfehler der Demokratie kümmern.