tl;dr — Proeuropäische Politiker müssen sich um die wahrnehmbare Oberfläche Europas kümmern, um dessen Tiefe zu retten.

Europas fehlende Oberflächlichkeit

Oberflächen haben es schwer. Im Alltag erleben wir sie nur beiläufig, sie sind selten erwähnens- oder bemerkenswert. Und wenn es darauf ankommt, genügen sie nicht. Dann begeben wir uns lieber in die Tiefe: Grundsatzdebatten, der Inhalt zählt. Dinge werden hinterfragt und durchgearbeitet bis wir unter der Oberfläche sind. Hinter ihr steckt bekanntlich mehr — wir vermuten: die Wahrheit. Alles andere ist nur oberflächlich oder gar Täuschung.

Dabei ist das Wahrnehmen von Oberflächen der Normalfall, und die Beschäftigung mit der Tiefe die Ausnahme. Wer weiß schon was in einem Smartphone passiert, wenn man eine App startet, oder wie sie technisch überhaupt da hingekommen ist. Oder wie eine Postkarte vom Briefkasten genau zum Empfänger kommt. Es käme auch Niemand auf die Idee den Weg zur Arbeit „durchzuarbeiten“. Die Straßen, die da links und rechts abgehen, sind nicht weiter verfolgenswert.

Und doch sind all dies Oberflächen, die uns durchs Leben führen. Der Bildschirm des Smartphones und der leuchtend gelbe Briefkasten sind deswegen — mal mehr, mal weniger gut — bewusst gestaltet. Die vom Weg abgehenden Straßen, und die Fassaden der säumenden Häuser, folgen zwar selten einem großen Plan, versichern uns aber trotzdem täglich aufs Neue, dass wir noch nicht vom Weg abgekommen sind. Oberflächen helfen uns ganz unabhängig davon, ob wir hinter sie schauen können. Auch dann, wenn sie Niemand für uns gestaltet hat. Sie verraten uns mehr über die Welt als uns bewusst ist.

Im täglichen Leben sind Oberflächen die kleinen Helfer des Alltags. Für Familien, Organisationen oder Staaten sind sie unerlässlich. Immer dann, und überall dort wo Menschen zusammenkommen, um etwas gemeinsam zu tun, bilden sich Oberflächen. Das kann der Wimpel beim Kegelclub sein, oder der Küchentisch an dem täglich gefrühstückt wird. Bei der Polizei bilden die Uniformen und die Beklebung der Autos eine Oberfläche für die Bürger. Da kann schon ein Farbwechsel von grün auf blau für reichlich Irritationen sorgen. Und auch der Teppich im Flur zum Chef oder die geschäftliche E-Mailsignatur tragen jederzeit dazu bei, dass eine Organisation für den Einzelnen wahrnehmbar bleibt. Ohne Oberfläche kann sie das nicht. Eine Firmenphilosophie, eine Vereinssatzung oder eine Verfassung zeugen hoffentlich von Tiefe, sind im Alltag aber nicht erlebbar. Die Tiefe kommt erst an uns heran, wenn sie uns als Oberfläche erscheint. Bilder, Symbole, Zeichen, Gesten, Rituale. Manchmal reicht schon ein weißer Kittel um einem Fremden zu vertrauen.

Europas Mangel

Genau an diesem Punkt hat Europa ein Problem. Gerade jetzt auch beim Fremden — aber vor allem beim Kittel und dem Vertrauen. Europa ist nicht erlebbar, weil es den Europäern keine Oberflächen anbietet. Der „viel beschworene Geist Europas“ (wie leer das klingt!) bleibt unsichtbar.

Was man 2008 noch als beruhigendes Zeichen missdeuten konnte — Europa war für eine Generation doch selbstverständlich geworden! — ist spätestens in der Krise fatal. Scheitert der Euro, dann scheitert Europa. Aber was scheitert eigentlich, wenn Europa scheitert?

Auf diese Frage gibt es nur Antworten, die in der Tiefe liegen. Eigentlich ist schon die Frage nicht tief genug für Europa. Man müsste erst einmal unterscheiden in den Erdteil und den Kontinent, die europäischen Nationalstaaten (und die, die nur teilweise in Europa liegen), den Europarat, den Schengen-Raum, Staaten die den Euro eingeführt haben und die Europäische Union. Europa ist an sich nicht sehr griffig.

Die Europäische Union ist dabei noch am ehesten fähig eine Oberfläche zu bilden. Wie ist die Lage?

Grenzen
Eins der verbreitetsten Argumente, das für Europa wieder und wieder angeführt wird, ist (war?) das der abgeschafften Grenzkontrollen. Dass die Europäer so leichter Urlaub machen können ist richtig und wunderbar. Es bemerkt aber Niemand — und die jüngeren Generationen haben gar nicht erlebt, dass es mal anders war. Nicht vorhandene Grenzen sind leider das Gegenteil einer Oberfläche, die man wahrnehmen könnte. Und so verschwindet einer der größten Fortschritte der letzten Jahrzehnte aus dem Bewusstsein der Europäer. Da kann die Politik das Argument noch so mantra-artig herunterbeten. Es bleiben hohle Sätze, so lange offene Grenzen nicht bewusst wahrgenommen werden.

Warum gibt es keine Flyer der EU für alle europäischen Länder (Die wichtigsten Daten des Landes, eine Hand voll Tipps für Touristen, Hinweise für Geschäftsreisende), die in Zügen, Bussen und Flugzeugen ausliegen die Staatsgrenzen innerhalb Europas kreuzen? Das kostet doch nichts. Wenn man Papier sparen will, könnte man die Mobilfunknetzbetreiber doch sicher auch verpflichten nach der Grenzüberquerung nicht nur die Roaming-Gebühren per SMS zu nennen, sondern auch auf eine Informationsplattform zu verlinken.

Es ist natürlich nicht so, dass es diese Informationen nicht gäbe, aber wäre es nicht clever wenn die EU ihr eigenes Bild mitprägen würde? Klar, es gibt wichtigeres als Urlaubsreisen, aber es ist eben ein ziemlich guter, weil privater, Moment, in dem sich die EU zeigen könnte. Von diesen Momenten gibt es im Alltag nicht sehr viele.

Warum stehen an den Grenzen keine Schilder auf denen „Willkommen in Europa“ steht? Zu beiden Seiten, in der jeweiligen Landessprache. Ein Schild das mir in meiner Landessprache im Moment der Heimkehr sagt, dass ich in Europa angekommen bin, und ein Schild welches in einer fremden Sprache die Betonung auf die Vielfältigkeit Europas legt. Schilder die auf Europa hinweisen braucht es nicht nur an der europäischen Außengrenzen, sondern auch an den Binnengrenzen. Das würde eine Oberfläche schaffen die nach innen wirkt — Ein Aspekt von Gestaltung der häufig übersehen wird.

Flaggen
Die derzeitigen, gelinde gesagt leicht technokratischen, Schilder an den Grenzen — die aus rechtlichen Gründen sicher zusätzlich notwendig sind, aber hey, an Schildern mangelt es eh nicht — offenbaren einen Gestaltungsfehler den sehr viele Oberflächen von Europa machen: Es werden die Nationalstaaten betont, was immer den Eindruck erweckt, dass Europa eben nicht mehr sei, als eine lose Ansammlung von Staaten. Wäre es dann nicht verzichtbar? Es ist fast unmöglich eine Europaflagge zu finden, die nicht von Flaggen der Nationalstaaten eingerahmt wird.

Das ist natürlich kein grundlegender Fehler wenn man betonen möchte, dass die Staaten zur Europäischen Union gehören und in ihr eine Einheit bilden (was exakt die Symbolik der Europaflagge beschreibt, und damit eigentlich eine sinnlose Wiederholung ist). Europa erscheint in dieser Anwendung aber immer als Beiwerk, ein Konzept in Unterzahl. Es rahmt nicht, es wird eingerahmt. Man müsste den Fokus ab und zu auf Europa, nicht auf die Nationalstaaten legen. Das ist erstmal ein Gestaltungsfehler, kein politischer.

Europas Flagge braucht mehr Eigenständigkeit und Raum um sich im Alltag zu behaupten. Wenn die USA es schaffen, dass wir beim Einchecken am Flughafen die Schuhe ausziehen müssen, wird es doch möglich sein bei innereuropäischen Flügen den Check-in sichtbar mit der Flagge der Europäischen Union zu kennzeichnen. Das würde auch schön den Kontrast zu transatlantischen Flügen verdeutlichen (insofern wir unsere Freiheitsrechte jetzt nicht auch aufgeben, aber dann wäre die EU so oder so verzichtbar). Keep your shoes on!

Euronoten
Yaris Varoufakis traf vor Jahren auf einer TED-Konferenz einmal eine — in Teilen unfaire, aber hier trotzdem erwähnenswerte — Beobachtung: Gibt es ein besseres Symbol für ein Europa, dass sich nicht einigen kann, als das Design der Euronoten? Sie werden mit Toren und Brücken bedruckt (tolle Idee!), die es gar nicht gibt (mehr so ein Kompromiss, der die tolle Idee zu Nichte macht). Wenn man sich nicht einmal darauf einigen kann gemeinsam ein paar echte Brücken und Tore zu identifizieren, die für Europa stehen könnten, muss man sich nicht wundern, wenn Europa so wenig wirkt wie diese abstrahierte Platzhalterarchitektur.

Offensichtlich wollte man der Diskussion aus dem Weg gehen, dass ein Land X der Europäischen Union mit seiner Architektur auf keiner Banknote des Euros vorkommt. Das ist ja irgendwie verständlich. Ich vermute aber, dass eine europaweite Abstimmung über die Motive, wenn sie gut aufgesetzt und moderiert worden wäre, Europa viel mehr gebracht als geschadet hätte (In Neuseeland klappt das gerade ganz gut).

Architektur
Die Europäer hätten sich vielleicht mit ihrer regionalen Architektur auseinandergesetzt und für sie geworben. Vielleicht hätten sie wegen der Abstimmung sogar etwas über andere Länder, Kulturen, Kunstepochen und Architektur im Allgemeinen gelernt. Klar, nicht jedes vorgeschlagene Tor und jede Brücke wäre sofort auf einer Banknote gelandet, aber die werden ja eh laufend erneuert. Das bisschen Streit und Enttäuschung muss man schon aushalten wollen, wenn man es mit einem Europa der Bürger ernst nimmt.

Mit so einem Wettbewerb hätte die Europäische Union auch zeigen können, worin sie besonders gut ist: Die europäische Vielfalt zu feiern und zu erhalten. Man muss nur die Oberfläche schaffen, damit das mal Jemand mitbekommt. Wer sich einmal für die Brücke in seinem Heimatort eingesetzt hat, versteht auch eher was diese komplizierten Regeln zum Denkmalschutz „aus Brüssel“ eigentlich sollen.

Quelle: somewhereto_, flickr.com (CC BY-SA 2.0)

Allein die Tatsache, dass wir von „Brüssel“ sprechen verrät einiges über unser Verhältnis zur EU. Europa ist dann weit weg, und ein ziemlich abstrakter und ungenau definierter Ort. In Großbritannien spricht man von der Downing Street. Mit Hausnummer! Und die Oberfläche von diesem Ort ist eine Tür in einem völlig normal aussehenden Wohnhaus. Wahrscheinlich kommt Niemand auf die Idee dort einfach mal zu klopfen um den Premierminister zu sprechen. Aber dieses Bild verändert, ganz unabhängig von den politischen Entscheidungen, die an diesem Ort getroffen werden, unsere Wahrnehmung. Der Begriff der Downing Street 10 lädt ein. Wo würde man klopfen wollen, wenn man Jean-Claude Juncker oder Martin Schulz sprechen will?

Wenn man nicht gerade ein Politnerd ist oder in Straßburg wohnt, kann man das Europaparlament in Straßburg eigentlich kaum als Parlamentsgebäude erkennen. Es könnte auch ein Bahnhof sein. Oder die Firmenzentrale von Nestlé. Beim Gebäude der Kommission verhält es sich ähnlich, nur schlimmer.

Warum Architekten auf die Idee kommen, dass große Glasfassaden transparent wirken sollen (Und Transparenz ist in der Politik ja gerade besonders wichtig), wo sie doch nur höllisch spiegeln, bleibt mir schleierhaft. Sie fügen sich natürlich ganz hervorragend in die Umgebung ein, aber manchmal möchte man ja eher hervorstechen.

Ein Parlamentsgebäude Europas könnte sich das erlauben. Die Ansichten des Gebäudekomplexes in Straßburg, die es tun, spielen in der Öffentlichkeit aber selten eine Rolle. Vielleicht sollte man dort mal ein großes Bürgerfest mit Lichtinstallation werfen, um das Gebäude in ein anderes Licht, bei anderer Perspektive zu rücken. Ein paar Archivaufnahmen mit normalen Menschen vor dem Gebäude (die Wiese vor dem Reichstag ist da wirklich nützlich) wären auch hilfreich. Wenn es nach dem durchschnittlichen symbolischen Schnittbild der TV-Sender geht, huscht da ja nur hastig mal ein Verwaltungsbeamter in Trenchcoat mit Aktentasche vorbei.

Plenarsaal
Der Plenarsaal ist ein Ort an dem Öffentlichkeit entstehen muss. Bei den Planungen hat man auch einige schöne Ideen in den Entwurf einfließen lassen. Zum Beispiel das lichtvertäfelte Rund, die weiße Deckenkonstruktion oder die großen umliegenden Besucherterassen. Wenn man als Besucher den Saal betritt gerät die Fassade des Gebäudes schnell in Vergessenheit. Im Gegensatz zu vielen nationalen Parlamenten wirkt der Raum auch luftiger, offener. Vielleicht ein wenig zu kühl. Die meisten Europäer kennen den Plenarsaal aber höchstens aus TV-Aufnahmen. Und dort dominieren andere Perspektiven, als die der Besuchertribüne. Wie wenig der Saal dann wirkt, zeigt sich wenn der Papst zu Besuch ist. Dann kommuniziert die Rückseite eines Knopfs an der Soutane mehr als das gesamte Gebäude.

Claude Truong-Ngoc / Wikimedia Commons — cc-by-sa-3.0

Die Kleidung des Papstes kann man altertümlich finden, oder zeitlos, hässlich oder schön, übertrieben oder demütig, scheinheilig oder heilig. Sie kommuniziert auf jeden Fall etwas, sie bildet eine funktionierende Oberfläche. Man kann sich zu ihr positionieren, sogar unabhängig davon wer sie gerade trägt. Dieser Plenarsaal gibt — in dieser nicht ganz unwichtigen Kameraeinstellung — nicht einmal ein schlechtes Bild ab. Er gibt überhaupt kein Bild mehr ab.

Und das ist doch nicht nur mit der schwierigen Suche nach Kompromissen zu erklären, oder damit, dass der Saal natürlich auch eine bestimmte Funktion im Ablauf von Sitzungen zu erfüllen hat. Die Abgeordneten des Parlaments beschweren sich zu Recht über fehlende mediale Präsenz des Europaparlament. Dann muss man im 21. Jahrhundert aber auch darauf achten, dass Bilder erzeugt werden, die Jemand sinnvoll ausstrahlen könnte. Am besten ohne den Papst einladen zu müssen.

Das haben die Parlamentarier auch erkannt und halten deswegen regelmäßig politische Slogans auf DIN A4 Blättern in die Höhe. Wahrscheinlich auf den Tintenstrahldruckern der Parlamentsverwaltung produziert. Wird man im europäischen Parlament nur gehört, wenn man sich Schilder bastelt? Das wirkt etwas hilflos.

Ein solches Bild aus dem Plenarsaal müsste mehr Kontext geben (Wo ist das? Wer spricht? In welcher Rolle? An wen?), im besten Fall wäre es — nach ein paar Legislaturperioden — ikonisch. In den USA reicht eine einzige Kameraperspektive um einen Moment mit Geschichte aufzuladen. Aber Europa scheitert ja schon an der Technik für den Stream.

State of the Union
Während der wichtigsten Rede, die vor dem europäischen Parlament gehalten werden kann, der neu eingeführten „State of the Union“, sah die Webseite des Parlaments (nach dem man unnötigerweise erst einmal auswählen musste in welcher Sprache man die Webseite aufrufen will, und danach natürlich das EU-Cookie-Banner weggeklickt hat…) so aus:

Gut, der Hinweis auf den Livestream ist jetzt nicht der einzige Inhalt, der in diesem Web 2.0-Retro-Wirrwar untergeht. Aber wenn man den Link einmal gefunden hatte (treffenderweise dort, wo das Vorschaubild fehlt), war wenigstens die Streamingseite… sagen wir mal „aufgeräumt“:

Und dann steht Jean-Claude Juncker da in dunkelgrauem Sakko vor dunkelgrauem Beton. Wenn über dem Videobild nicht „Europe by Satellite — EbS+“ (!?) stehen würde, könnte man meinen, die Rede wäre in einer Turnhalle aus den Siebzigern aufgenommen worden. Es gibt im Stream keine Bauchbinden, kein Intro, keine Untertitel (Juncker hat die Rede abwechselnd in drei Sprachen gehalten), keine Erklärung was die „State of the Union“ eigentlich ist, keine Möglichkeit das Video zu teilen oder einzubetten, und eine Regie die gefühlt alle sechs Minuten die Kameraperspektive wechselt. Natürlich Vormittags an einem Wochentag. Wenn man wirklich so gar nicht will, dass sich Jemand die Rede anschaut, hat man alles richtig gemacht. Die Rede hatte mehr verdient.


Der kleinste gemeinsame Nenner in der Inszenierung — ja, die braucht es — reicht einfach nicht mehr aus, wenn das politische Europa von seinen Bürgern auch gehört werden will. Es steht nicht nur in Konkurrenz zu Katzenbildern, Youtube-Clips und Daily-Soaps, sondern auch in Konkurrenz zu den nationalen Parlamenten und Regierungen. Und die erscheinen (politisch gesehen fälschlicherweise) relevanter und sind kommunikativ viel besser aufgestellt.

Es kann doch nicht sein, dass jeder einzelne G8/9-Gipfel mehr Oberflächen anbietet als die gesamte Europäische Union. Der Freistaat Bayern auf einem G8/9-Gipfel kann das besser. Das muss europäische Parlamentarier doch in den Wahnsinn treiben! Wie man sich darstellt hat doch auch etwas mit Selbstverständnis zu tun. Und Respekt gegenüber denen, die man vertritt. Es mag ja sein, dass sich Bayern da manchmal zu wichtig nimmt, aber die Europäische Union könnte ein wenig mehr Selbstvertrauen oder zumindest Erkennbarkeit im eigenen Auftritt durchaus vertragen.


In die Tiefe

Oberflächlich betrachtet hat die Europäische Union gegenüber den Nationalstaaten also erst einmal ein Aufmerksamkeitsdefizit aufgrund fehlender oder schlecht gestalteter Oberflächen. Das klingt zur Zeit etwas paradox, wo alle Welt doch von Europa redet. Es befindet sich zwischen Haushalts-, Griechenland- und Flüchtlingskrise, im Ausnahmezustand. Man könnte also fragen, ob sich zumindest das Problem der Aufmerksamkeit nicht gerade von selbst löst, und ob eine Rückwand im Plenarsaal nicht lieber in ruhigeren Zeiten neu gestaltet werden sollte. Genau jetzt hat sie aber stellvertretend in zwei Punkten Relevanz.

1. verstärkt die Krise den strategischen Nachteil der Europapolitiker gegenüber den Politikern der Mitgliedsstaaten merklich, und verengt die Debatten über diese Krisen so auf ein nationales Gegeneinander. Francois Hollande, Frau Merkel, und alle anderen Regierungs- und Staatschefs, stehen ständig vor nationalen Oberflächen und sprechen so (ganz unabhängig vom Inhalt) mehr für ihr Land als für Europa. Die leidenschaftlichste pro-europäische Rede verfehlt in allen anderen Mitgliedsstaaten ihr Wirkung, wenn sie vor der falschen Oberfläche gehalten wird. Und weil Jean-Claude Juncker und Martin Schulz gegenüber den traditionell stark inszenierten Staatschefs zumindest öffentlich nicht durchdringen, bleibt Europa gegenüber seinen Bürgern ingesamt sprachlos.

Ein beeindruckendes Beispiel, dass aus dieser Falle kurzfristig allein durch Rhetorik ausbricht, sind die Reden des liberalen Parlamentariers Guy Verhofstadt. Das reicht in einer Bildgesellschaft aber nicht weit genug.


Die Rolle von Juncker und Schulz ist auch aus einem tiefer liegenden Grund schwieriger auszufüllen. Die oben beschriebenen Mängel der Oberfläche — und vielleicht auch die Schwierigkeiten im Umgang mit den Krisen — sind auch ein Symptom der fehlenden politischen Integration Europas.

Wenn die Vertiefung der politischen Zusammenarbeit gelingen soll, müssen sich die Politiker, die gewillt sind Europa mehr Macht zu übertragen, um seine Oberflächen kümmern.

Das ist die These. Denn es gilt

2., dass Oberflächen nicht nur für Aufmerksamkeit sorgen, sondern auch Identität und Vertrauen bilden können.


Identität

„Among a people without fellow-feeling, especially if they read and speak different languages, the united public opinion necessary to the working of representative government cannot exist.“

— John Stuart Mill, Representative Government

Öffentlichkeit ist eine Grundvorraussetzung für unsere Demokratie, und Öffentlichkeit entsteht erst in einer irgendwie umrissenen Gemeinschaft. Nur wenn ich mich zugehörig fühle, geht mich das, was die Gemeinschaft verhandelt, auch etwas an. Erst dann kann ich mich einbringen, erst dann kann das demokratische Prinzip funktionieren.

Ästhetik als Vermittler
Ganz offensichtlich sind die Sprachbarrieren innerhalb Europas dabei eine Hürde auf dem Weg zu einem europäischen Gemeinschaftsgefühl und einer funktionierenden europäischen Gesellschaft. Wolfgang Blau bemängelt seit Jahren (gefühlt alle 15 Tweets), dass es kaum pan-europäischen Publikationen gibt, die eine breite Debatte neben den nationalen entwickeln könnte. Und selbst wenn es eine etablierte gäbe, würde sie notgedrungen einen relativ elitären Zirkel in englischer Sprache bedienen müssen. Das Problem der fehlenden gemeinsamen Sprache kann man kurzfristig, und in der Breite, wahrscheinlich nicht lösen.

Wie soll dann ein Gemeinschaftsgefühl entstehen, dass Europa tragen könnte? Hierzu lohnt es sich einen Blick auf Organisationen zu werfen, die ähnliche Probleme bereits bewältigt haben. Große Marken können international erfolgreich sein (Apple, Coca Cola, McDonalds, Mercedes…), oder internationale Verbände (das IOC, die FIFA), die Kirchen oder die Kunst. Sie kommunizieren alle über Kultur-, Sprach- und Schriftbarrieren hinweg, und schaffen es trotzdem Identität zu stiften. Und das gelingt sicher nicht durch eine rein sprachliche Übersetzung oder Übermittlung von Informationen. Die Information, die mir glaubhaft vermitteln könnte, dass ich Coca Cola trinken soll, existiert ja in den USA schon nicht. Und wer versteht den Papst, wenn er spricht. Genuschelt auf Latein?

Eine wesentliche Übersetzungsleistung übernimmt hier der ästhetische Entwurf, und dieser zeigt sich wieder nur an der Oberfläche. Der Klang vom Öffnen einer Coladose kommuniziert inzwischen mehr über das Produkt (und wie es gesehen werden will) als jeder Slogan oder begleitende Werbetext, einen Apple Store oder eine McDonalds Filiale erkennen die Meisten Europäer auch in Shanghai schon von Weitem, das Kirchenläuten (gerade der profane Uhrschlag, eine phänomenale Idee) reproduziert alltäglich Kirche, und in China gibt es Briefmarken mit dem Portrait von Johann Sebastian Bach. Dass Musik eine Art internationale Sprache ist, klingt vielleicht etwas kitschig, lässt sich über die Informationstheorie aber durchaus begründen. Das Wahrnehmen von formellen Mustern, die zwanghafte Suche danach, ist uns allen gemein. Hier kann man ansetzen.

Ästhetik ist abstrakt genug um noch etwas zu vermitteln, wenn Sprache noch scheitert, sie ist einer der kleinen gemeinsamen Nenner der Wahrnehmung über kulturelle Grenzen hinweg. Herbert A. Simon sah in der Technik des Entwerfens, also der Schaffung von Artefakten, sogar die Chance das Zerbrechen der Gesellschaft in Nischen aufzufangen (The Sciences of the Artificial, 1969). So weit muss man gar nicht gehen um zu erkennen, dass der Auftritt der europäischen Union dazu beitragen kann eine europäische Identität zu unterstützen.

Irritation
Besonders gut erkennt man die Funktionsweise von Ästhetik, wenn sie irritiert — was, wie bei der Sprache, natürlich ebenfalls möglich ist.

Das offizielle Portrait von François Hollande weist auf den ersten Blick alle Merkmale einer typischen Fotografie französischer Präsidenten auf. Man sieht die Flagge Frankreichs und der europäischen Union, im Hintergrund den Elysée Palast. Hollande steht im Vordergrund, trägt einen gut sitzenden Anzug zu blauer Krawatte und schaut recht freundlich in die Kamera. Und trotzdem hat dieses Foto, im Gegensatz zu den vorherigen offiziellen Portraits, in Frankreich eine hitzige Debatte ausgelöst.

Quelle: www.ladocumentationfrancaise.fr

Eine Fotografie bildet nicht nur ab was gezeigt wird, sondern auch wie es gezeigt wird. Und an dieser Stelle weicht das Portrait von der Erwartung des Publikums fundamental ab.

Hollande steht halbschräg und etwas verloren im Garten, er ist nicht im Bildmittelpunkt und die Flaggen am Elysée sind bestenfalls eine unscharfe Randnotiz. Wir sehen ihn in einer amerikanischen Einstellung, die wir sonst aus Westernfilmen kennen. Das fast quadratische Format ist ungewöhnlich. Und die Belichtung erinnert an eins der schlechteren Urlaubsfoto von der Côte d’Azur, was nur noch stärker betont, dass der Präsident im Schatten steht. Müsste er nicht ins Licht?

Der Präsident wirkt nicht präsidial. Das offizielle Foto deckt sich nicht mit dem Selbstbild der Grande Nation. Wir sehen eine bildgewordene Identitätskrise, die nur deshalb sichtbar wird, weil von einer ästhetischen Norm abgewichen wurde.

Quelle: www.ladocumentationfrancaise.fr

Und diese Abweichung war — personifiziert durch den Fotografen Raymond Depardon — von Hollande bewusst gewählt. Ob sie gelungen ist, sei dahingestellt. Generell ist die formelle Abweichung aber ein mächtiges Werkzeug der politischen Kommunikation, weil es gerade in der Politik so viele ästhetische Routinen gibt (siehe die Kameraeinstellung im weißen Haus), von denen überhaupt abgewichen werden kann. Wenn es diese Norm nicht gibt, wie beim Feuerwerk an Sylvester, gehen selbst die farbenprächtigsten Explosionen unter.

Routinen
Gerade in Krisenzeiten ist es nützlich, wenn man mit kleinen identitären Gesten beschwören kann. Als Angela Merkel und Peer Steinbrück am
5. Oktober 2008 verkündeten, dass die Spareinlagen der Deutschen sicher seien, war dies eine Beschwörung. Der Auftritt war kein klassisches Pressestatement, es gab gar keine Neuigkeit, und es ging auch nicht um den eigentlichen Sachverhalt, die Lage der Hypo Real Estate. Es wäre unmöglich gewesen, der Bevölkerung zu erklären was gerade passiert, und was man gedenkt zu tun (insofern man das überhaupt wußte). Als Merkel und Steinbrück vor die Presse treten geht es um nichts als Vertrauen. In der Politik also um alles. Der Auftritt muss sitzen, eine Oberfläche wird gebildet:

  • Rhetorisch wird maximal verkürzt: „Die Spareinlagen sind sicher“, „kein Euro geht verloren“. Das Wenige textliche Drumherum ist nicht im Ansatz zitierfähig.
  • Merkel (Kanzlerin, CDU, Macht) und Steinbrück (Finanzminister, SPD, Kompetenz) treten gemeinsam auf — was für den Inhalt der Statements natürlich nicht nötig gewesen wäre — und stützen sich gegenseitig. Die Regierung ist geschlossen, es herrscht Einigkeit.
  • Der Ort ist außergewöhnlich und betont so die Wichtigkeit des Auftritts.
  • Die Skylobby ist ein ausgesprochen heller Ort im Kanzleramt, das Wetter hilft zusätzlich mit diffusem, ergo undramatischen Licht. Die Szenerie wirkt beruhigend.
  • Das Kanzleramt steht aber auch für das Zentrum der politischen Macht, ein Zeichen der Stärke. Hier kann etwas bewegt werden.
  • Merkel und Steinbrück stehen offen und frei im Raum. Es wird nichts versteckt.
  • Es gibt kein Rednerpult, kein Manuskript von dem abgelesen wird. Die Szene wirkt nicht inszeniert und wird so besonders glaubhaft.
  • Der Auftritt beginnt und endet mit Merkel und Steinbrück. Es gibt keine Anmoderation, sondern eine direkte Ansprache. Merkel und Steinbrück verfügen über die Zeit und kontrollieren selbst das Geschehen. Sie reagieren nicht, sie handeln aktiv.
  • Die beiden treten an einem Sonntag vor die Presse, weit vor den wichtigen Abendnachrichten für maximale Reichweite.
  • Im Hintergrund der beflaggte Reichstag: Wir alle zusammen.

Es ist schwer zu sagen, wie viel von diesem Auftritt geplant war. Dass er so zu Stande kommen kann, ist aber kein Zufall. In der Bundesrepublik sind diese Oberflächen zwischen Politik, Presse und Bürgern eingeübt. Es gibt gelernte Routinen (Bundespressekonferenzen, Bundestagsreden, Neujahrsansprachen, Staatsempfänge, Talk-Show-Formate etc.) von denen in Krisenzeiten auch einmal abgewichen werden kann, um klar zu machen: Das ist jetzt wichtig! Die Abweichung ist gerade deshalb so wirkmächtig, weil sie so klein ist (das war vielleicht der Fehler von Hollandes Portrait). Wir bekommen immer noch genug Kontext, kennen die handelnden Personen, ihre Rollen, wie sie im Normalfall auftreten und sprechen, was sie bewirken können und sind mit dem Ort vertraut. All dies ist auf den ersten Blick erkennbar, und gibt uns Halt. Es ist ein Moment in dem die Identität der Bundesrepublik sichtbar wird, und es begründet sich öffentlich warum es den Staat brauchen kann. Oder zugespitzt formuliert: Warum Deutschland nicht scheitern darf.

Diese Situationen kann man nicht ad-hoc in einer Krise kreieren. Die Oberflächen müssen im Alltag eingeführt und erlernt werden. Erst dann können sie uns ein so kompliziertes und abstraktes Gebilde wie einen Staat (oder eine Staatengruppe) im richtigen Moment in Reichweite bringen. Er wird dann erkennbar und zugänglich.

Europa hat diese Oberflächen nicht. Deshalb sahen die Bilder von den Krisengipfeln zu Griechenland so unkontrolliert und zerfasert aus. Mal befinden wir uns in einem Raum, der ausschaut als würde gerade das Board-Meeting von Spectre abgehalten, beim nächsten Mal in einem Raum wie der Börse in Frankfurt. Es werden beiläufig Pressestatements auf Parkplätzen oder in der Lobby abgegeben. Man sieht Staatschefs hektisch über Gänge eilen und im nächsten Moment an blumengeschmückten Banketttischen mit weißen Hussen konferieren. Und überall stehen völlig Unbekannte Menschen herum und halten einen Laptop oder einen Becher Kaffe in der Hand. Gerade so als, hätte man die nächtlichen Sitzungen der Einfachheit halber in ein nahegelegenes Hotel mit möglichst großem Kaffeevollautomaten verlegt.

Es gibt kein einziges Bild (Gipfel gab es ja genug…), dass hängen geblieben wäre. So ein Bild kann man nicht erzwingen, aber man kann über Oberflächen dafür sorgen, dass es wahrscheinlicher wird. Und garantieren kann man, das neben der Botschaft nicht auch noch die Form irritiert.


Über die Aufmerksamkeit die Oberflächen ermöglichen, und die Identität, die sie sowohl abbilden als auch verstärken können, laden sie schließlich — wie ein Interface (siehe: Harrison C. White, Identity and Control) — zur Interaktion ein. Über eine der möglichen Interaktionen, „Misstraue mir!“, kann dann langfristig Vertrauen aufgebaut werden.

Vertrauen

So wie die Europäische Union sich auf den Krisengipfeln präsentiert hat, wird — noch bevor überhaupt etwas gesagt wurde — Vertrauen verspielt.

Dabei gilt natürlich nicht, dass jede Oberfläche, eine Inszenierung, ein Soundbite oder eine gut gestaltete Pressewand per se Vertrauen schafft. Zunächst ist das Gegenteil der Fall.

Oberflächen machen sich verdächtig (Im Falle der garantierten Spareinlagen noch Jahre später). Das ist vielleicht die wichtigste Funktion, die sie für die Schnittstelle von politischem System und Gesellschaft erfüllen können. Wir können Oberflächen hinterfragen. Sie laden, in Form von Wahlplakaten, Broschüren, Anzeigen, Reden im Plenum des Bundestages, der Architektur von Parlamenten, Ritualen wie dem Großen Zapfenstreich oder einem Empfang im Schloss Bellevue, gerade dazu ein. Was ein Grund dafür sein dürfte warum es der EU so schwerfällt Oberflächen auszubilden. Jede Inszenierung weckt natürlich erst einmal den Verdacht oberflächlich zu sein, oder etwas vertuschen zu wollen. Und dieser Verdacht kann sowohl von der Bevölkerung, als auch den politischen Entscheidungsträgern gegen die Inszenierung jederzeit ins Feld geführt werden.

Ich vermute, dass aber gerade dieser Mangel des politischen Europas auch dafür gesorgt hat, dass der Vorwurf der Hinterzimmerpolitik die EU besonders hart trifft — ein weiterer Vertrauensverlust. Es ist ja nicht so, als könnte ein einzelner Bürger exakt vermessen, wie viele politische Entscheidungen auf offiziellem (sprich öffentlich, erkennbar, vor Oberflächen spielend) Weg gefallen sind, und welche auf der Hinterbühne stattfanden. Der Vorwurf lautet ja, dass man gerade nicht weiß wie die Politik zu Stande kam. Es kann also theoretisch sein, dass in Berlin viel mehr undurchsichtige Entscheidungen fallen, als in Brüssel oder Straßburg. Aber dort kennen die Meisten weder ein Vorder- noch ein Hinterzimmer in dem man Verhandlungen auch nur vermuten könnte. Europa ist an dieser Stelle so unnahbar, dass es für Viele einfacher ist generell von Schummelei auszugehen.

An dieser Stelle zeigt sich auch, dass Debatten im deutschen Bundestag eben keine täuschenden Oberflächen sind, die verbergen wie eine Entscheidung wirklich getroffen wurde. Sie sind die Oberfläche die uns, der Öffentlichkeit, die Entscheidung überhaupt erst verfügbar macht, so dass wir sie hinterfragen können. Eine Oberfläche kommuniziert erst einmal, sie erfolgreich lügen zu lassen ist ziemlich aufwändig. Das sieht man sofort, wenn man Dobrindt die PKW-Maut im Bundestag verteidigen sieht (Welche Mehrheiten und Motive danach zu einer politischer Entscheidung führen, ist eine andere Frage, die wir dann bei der nächsten Bundestagswahl beantworten können).

Oberflächen ermöglichen uns eine Positionierung, die wir ohne sie gar nicht vornehmen könnten. Und erst dann — in dem Moment wo wir durch die Oberfläche zum Misstrauen eingeladen werden — bietet sich die Chance langfristig Vertrauen aufzubauen. Oberflächen ermöglichen dann eine Einschätzung über die Verlässlichkeit von Kommunikation.

Wir können davon ausgehen, dass Angela Merkel sich wie am 5. Oktober 2008 nur erneut vor die Presse stellen wird, wenn sie sich sehr sicher ist, dass sie ihr Versprechen einhalten kann — und wenn die Lage wirklich ernst ist. Auf was können wir uns beim nächsten EU-Krisengipfel verlassen?

Ein nächster Schritt

„…the EU’s institutions are preventing necessary political initiatives for expanding the currency union into a political union. Only the government leaders assembled in the European Council are in the position to act, but precisely they are the ones who are unable to act in the interest of a joint European community because they think mainly of their national electorate. We are stuck in a political trap.“

— Jürgen Habermas, Guardian.co.uk

Aus dieser Falle, auf die meine These gezielt hat, gibt es nur zwei mögliche Auswege:

  1. Die Europäer fordern von Ihren nationalen Regierungschefs das Übertragen von politischer Macht an die Europäische Union ein, oder tolerieren es zumindest.
  2. Die Europäische Union erlangt ohne Beschlüsse auf Ebene der Nationalstaaten informelle politische Macht durch eine höhere Legitimation durch die europäische Bevölkerung.

Beide Lösungen können nur vor den Oberflächen der Europäischen Union erreicht werden. Entweder vor funktionierenden, die erfahrbar machen warum es Europa braucht und eine europäische Identität erzeugen, oder… oder eben gar nicht. Die größte Gefahr auf dem langem Weg seit dem Vertrag von Maastricht ist inzwischen nicht mehr, dass er in den Bevölkerungen nicht mitgegangen würde, sondern dass sich Niemand für ihn interessiert. Ausgerechnet jetzt.

Krisen halten immer Chancen bereit — die EU ist immerhin aus einer der größten entstanden. Irgendetwas scheint ja derzeit nicht besonders gut zu funktionieren und muss sich demnach ändern. Bei den politischen Vorhaben kann ich den handelnden Akteuren, aus vollem Herzen, nur viel Glück und Ausdauer wünschen. Diese Vorhaben sind auch um Längen komplizierter als Fragen des Auftritts der Europäischen Union. Es ist gut zu Wissen, dass sich Menschen auf europäischer Ebene darum kümmern, obwohl der Job noch weniger glanzvoll ist als auf den nationalen Bühnen. Gerade deshalb ist es aber langfristig so wichtig, das scheinbar oberflächliche mitzudenken. Andernfalls versinkt Europa irgendwann in der öffentlichen Bedeutungslosigkeit, und die ist mit der politischen eng verknüpft.

Jetzt ist die Zeit den beschriebenen Mangel Europas zu beseitigen. Die Krisen schaffen der EU gerade die Aufmerksamkeit, die es braucht, und die sie von allein schon lange nicht mehr in der Lage war zu erzeugen, um mit einer großen Reichweite in Erscheinung zu treten. Sie muss sich jetzt von den Nationalstaaten ästhetisch emanzipieren, auch wenn sie politisch auf eben diese angewiesen ist. Sie muss sich im Alltag stärker aufdrängen und geschickte Routinen entwickeln, die sie erfahrbar macht — auch wenn es Widerspruch provoziert. Und sie muss jetzt die Bilder, Symbole, Zeichen, Gesten und Rituale erproben, die die Europäische Union, und alle die sie tragen, bei der Bewältigung der nächsten Krisen Halt gibt. Wenn es dann zu einem politischen Erfolg kommt, kann er der Europäischen Union vor der richtigen Oberfläche auch endlich zugeschrieben werden. Dann wissen die Europäer wieder, warum Europa nicht scheitern darf.

Martin Schulz weiß das. Seit der letzten Europawahl hat er dem Europäischen Parlament mehr Gehör und Sichtbarkeit verschafft. Die neu formierte Rede zur „State of the Union“, so ungeschickt sie beim ersten Mal auch inszeniert war, und das Einladen der nationalen Staatschefs ins Parlament, waren erste wichtige Schritte. Wenn er, wie bei seiner Karls-Preis-Rede, vom „Europäischen Haus“ spricht, macht das Mut. Ich hoffe er steht mit dieser Idee von Europa nicht allein, und sieht dieses Haus nicht ausschließlich als tiefe Metapher für die Organisation politischer Prozesse. Ganz oberflächlich betrachtet sieht man vom Haus nur die Fassade. Sie verrät und bewirkt aber eine ganze Menge.

„Wir haben dieses großartige Haus von unseren Eltern geerbt. Es ist ein wenig in die Jahre gekommen. Deshalb: Lasst es uns erneuern, damit es in seinem Glanz erstrahlt.“