Donald Trump wird Präsident
thomas.matterne
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Falsch, wirr und gefährlich

Eine Replik zu „Donald Trump wird Präsident–Und das ist vielleicht gar nicht so schlecht!“

1. Falsch:

(in Auszügen)

Ein parlamentarisches System mit mehreren Parteien ist an dieser Stelle geschützter, als die amerikanische Entweder-Oder-Variante. Während hier 20 % ihre Stimme bei AfD und den Linken machen können, um ihren Protest Ausdruck zu verleihen, kann der Populismus in den USA den Sieg davon tragen.

a) Weimar?
b) Fällt dir spontan ein Wahlsieg eines Populisten — deinen prognostizierten Präsidenten Trump mal nicht mitgezählt — in den USA ein? Dieses „Zwei-Parteien-System“ (ganz so einfach ist es gar nicht, aber dazu später mehr) hat sich zumindest bisher als äußerst robust erwiesen. Es hält schon ziemlich lange–streng genommen länger, als alle anderen Demokratien. Dazwischen sind ziemlich viele Mehrparteiensysteme den Bach runtergegangen.

Das Zwei-Parteien-System verhindert jegliche Alternative eines dritten Weges. Sei es ein liberaler Kandidat im Sinne europäischer Sozialdemokratie oder ein Konservativer, der Werte vertritt und nicht Kapitalismus.

1.
a) Gary Johnson (tadaa, liberal und konservativ!)
b) Jill Stein (grün)

Die These ist aber gleich dreifach falsch:
2. Johnson und Stein stehen in Umfragen–für amerikanische Verhältnisse– ausgesprochen gut da. Der „dritte Weg“ ist gerade jetzt in den USA seit langer Zeit mal wieder eine wirkliche Alternative.
3. Und jetzt wird es ganz verrückt: Ironischerweise könnte diese Alternative ausgerechnet Trump helfen. Ihm kann doch nichts besseres passieren als Präsidentschaftsdebatten mit einem dritten Kandidaten (siehe die Vorwahlen bei den Republikanern). Oder Bernie Sanders Anhänger, die zu Jill Stein überwechseln. Das zeigt sich auch in den Umfragen.

Der Präsident Donald Trump könnte zum einen den gleichen Effekt haben, wie der Ausgang des britischen Referendums. Große Teile seiner Wähler würden sich schon am nächsten Morgen fragen: Scheiße, was haben wir da gemacht?! Der sicherste Weg Populisten zu entzaubern war es schon immer, sie an der Macht zu beteiligen.

a) Die Brexit-Befürworter sind nicht an der Macht beteiligt worden. Ganz im Gegenteil, sie sind vorher alle weggelaufen.
b) Deswegen geht der Spruch auch anders: „Der sicherste Weg Populisten zu entzaubern war es schon immer, sie in Verantwortung zu nehmen.“ Das sagt man, wenn sie es gerade so in Parlamente schaffen und sich dort blamieren. Wenn Sie an die Macht kommen–und bei einer US-Präsidentenwahl wird man nicht an Macht beteiligt, man bekommt sie–ist es zu spät.
c) Auch wenn #bregret mal ein populäres Hashtag und Mem war, gab es gar nie eine Mehrheit, die den Brexit bereut hätte.
d) Aber nehmen wir mal für einen Moment an, Trump würde gewinnen und die Wähler würden sich am nächsten Morgen fragen: Scheiße was haben wir da gemacht?! Wären dann nicht alle deine Thesen hinfällig?! Oder haben die Wähler dann über den erst herbeigeführten und später spontan bereuten Wahlsieg von Donald Trump komplett vergessen, dass sie zuvor „auf dem Altar libertärer Ideologien geopfert“ wurden? Womit wir bei…

2. …wirr…

…angekommen wären.

Statistiklügen der Systemvertreter,

Ich bin mir auch ganz sicher, dass der ein oder andere etablierte Politiker mal eine Statistik verzerrt–in einigen Fällen vielleicht sogar bösartig. „Statistiklügen der Systemvertreter“ ist trotzdem eine gefährliche Wortwahl. Sie reißt, wie der Begriff der Lügenpresse es auch versucht, eine ganze Institution ein. Die Welt wird aber bestimmt nicht besser, wenn wir uns gegenseitig davon überzeugen, dass Statistiken generell gefälscht sind. Das ist einfach nicht die richtige Stelle um einen Text zu überspitzen. Diese hohle Rücksichtslosigkeit ist Ursache des Problems.

Dabei ist nicht einmal das Problem, dass man dem Mann auf der Straße Dinge wie etwa den Freihandel und die Globalisierung nicht richtig erklärt hat, sondern das Freihandel und Globalisierung dem einfachen Mann tatsächlich eher schaden, als nützen.

Tatsächlich? Du hast Glück: Ich bin empfänglich für Statistiken, sie überzeugen mich ab und zu. Hast du eine um die These zu untermauern?

Vor kurzem habe ich einen Tweet als Reaktion von Noch-Präsident Obamas Aussage gelesen, er halte Donald Trump für ungeeignet Präsident zu werden: Ob Obama dann das Kriegsrecht verhängen will?

Nein.

Der Gedanke daran, dass Donald Trump Befehlsgewalt über die US-Streitkräfte bekommt, inklusive eines Koffers mit der Möglichkeit Atombomben abzufeuern, ist in der Tat wenig beruhigend. Aber seien wir doch mal realistisch, wo wäre der Unterschied zur Politik eines George W. Bush oder Barack Obama?

Wenns ganz schlecht läuft, darin, dass beide keine Atombombe abgeworfen haben? Und ist diese Möglichkeit nicht Unterschied genug? Mich beunruhigt das.

Auf jeden Fall unterscheiden sie sich darin, das Donald Trump frauenfeindlich ist. Und rassistisch. Und viele seine Anhänger sich ermutigt fühlen, es ihm gleich zu tun. Wie kann man einen Beitrag mit der Überschrift „Donald Trump wird Präsident“ schreiben, und das Wort „Rassismus“ nicht einmal erwähnen? Bei 850 Wörtern?

Sie unterscheiden sich auch darin, dass Obama zumindest versucht hat (in Teilen auch erfolgreich, aber das ist für dich wahrscheinlich auch nur eine „Fußnote der Geschichte“?) Atomwaffen einzudämmen, während Trump nicht mal versteht, warum die USA sie nicht einfach einsetzen. Den Unterschied kann man natürlich populistisch kurz und klein schlagen:

Hat einer von beiden die Welt friedlicher gemacht? — Eine rhetorische Frage!

Haha, rhetorisch! Weil die haben ja Krieg geführt und so, ne? Dann hat man aber ein Problem, wenn man sich kurz später darüber aufregt dass Obama…

Die Ukraine-Krise ja am Allerwertesten vorbei gegangen ist

…was im übrigen totaler Bullshit ist.

Und wie kann man ernsthaft einen Satz mit „Der Isolationist Trump könnte uns vor Augen führen,“ beginnen, und mit „dass wir unsere Probleme selbst lösen müssen.“ enden lassen? Und wie kann Jemand wie Klaus Eck so etwas hervorheben und Medium auf Deutsch empfehlen? Ist das noch #contentstrategie oder schon Schwachsinn?

3. Gefährlich

Und mit all diesen Fehlern und Ungenauigkeiten würde ich mich am Wochenende gar nicht beschäftigen, wenn es nicht so verdammt gefährlich wäre:

Dass viele Wähler den etablierten Parteien auf beiden Seiten des Atlantiks nicht mehr Vertrauen, ist ein großes Problem. Dass man emotionsgeladenen Menschen immer nur besserwisserisch kalte Statistiken an den Kopf wirft, ist auch ein Problem. Und ja, die Welt ist wegen #brexit, #trump, #terror und #globalisierung und vieler anderer Dinge total kompliziert.

Dem entkommt man aber nicht durch einen „zynischen Blickwinkel“, der bei völliger Unkenntnis verzweifelt Überblick simuliert, dabei alle Unterschiede niederwalzt und jedes noch so dumme Politikerklischee bedient. „Macht, Geld und Bitches“ wird auch nicht durch ironische Mem-Bilder lustig. Das ist einfach nur scheisse. Texte im Internet werden auch von Jugendlichen gelesen, die vielleicht irgendwann mal entscheiden, ob sie sich politisch engagieren wollen. Was denken die wohl nach so einem Text?


Es macht einen Unterschied, ob wir jetzt ernsthaft versuchen zu verstehen warum Trump, UKIP, der FN, oder die AfD Zulauf haben. Dabei hilft uns weder Ironie noch Zynismus. Und es wird einen Unterschied machen ob sie Macht bekommen oder nicht:

Es hat einen Unterschied gemacht, als die zwei größten Atommächte der Welt sich darauf geeinigt haben ihr Arsenal langsam abzubauen. Das ist kein Problem was irgendjemand für sich selbst lösen könnte, und das geht nicht über Nacht.

Es macht einen Unterschied, wenn ein US-Präsident sagt er sei Feminist.

Es macht einen Unterschied ob es Handelsabkommen gibt oder nicht. Auch wenn diese nicht zu 100% fair sind. Ohne Abkommen kann man die Ungerechtigkeiten nämlich überhaupt nicht bekämpfen.

Es macht einen Unterschied, sollte erstmals eine Frau US-Präsidentin werden.

Es macht einen Unterschied, wenn eine Kanzlerin für Tausende Flüchtlinge die Grenze öffnet, damit sie davor nicht verrecken.

Es macht einen Unterschied, wenn Genscher sich in Prag auf einen Balkon stellt. Und dann macht es auch einen Unterschied, ob Gromyko oder Gorbatschow an der Macht ist.

Es macht einen Unterschied, wenn Kanada 250.000 syrische Flüchtlinge aufnimmt. Das ist nämlich kein syrisches, amerikanisches oder europäisches Problem, das geht uns alle an. Es gibt kein Recht auf ein von der Geschichte unbelästigtes Leben.

Es macht einen Unterschied, wenn Martin Schulz Rassisten aus dem Europaparlament verweist.

Es macht einen Unterschied, wenn Jens Stoltenberg nach dem Attentat in Oslo nicht nach Rache sinnt, sondern „Noch sind wir geschockt, aber wir werden unsere Werte nicht aufgeben. Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.“ sagt.

Es macht einen Unterschied, wenn sich die „US-Elite“ sechs Tage nach dem 11. September in Washington vor eine Moschee stellt und sagt: „Islam is peace“:

Transskript

Diese kleinen Unterschiede führen letztlich trotz des „Siegeszugs von Freihandel, Globalisierung und Radikalkapitalismus“ und „der Eliten“ dazu, dass es ziemlich vielen Menschen sehr viel besser geht als vor 200 Jahren. Nur für den Hinterkopf: Das sind die 200 Jahre zwischen Industrialisierung, Liberalismus, Gründung der USA und deinem Beitrag.

Diese Unterschiede gehen in deinem dumpfen Getöse einfach unter. Ja, die Welt ist kompliziert und manchmal auch widersprüchlich, aber diese kleinen Unterschiede halten sie zusammen.

Um es abschließend und jetzt auch leicht zynisch mit einem „Systemvertreter“ zu sagen: