Jagden

Berufen und Verrufen

Die Landschaften um Realta dienen Hirschen als Versteck, Cazis, Realta. Foto: Vale&Jo.

Der Tag ist vorüber. Die Akkus laden. Herr Ba… steht unten. Diesen Abend gibts Hirschessen in Realta und wir sind bereit, ungeschminkt. Die Liftfahrt bringt uns runter — jetzt nicht an diesen Nachmittag denken, dem zweiten Treffen mit S. .

«alte Hirsche»

K., Ba…’s Frau, begrüsst uns überschwänglich und führt uns nach oben. Vor dampfenden Tellern erzählen beide abwechselnd, dass K. zuvor in Realta gearbeitet hatte, dort aber nicht die Weiterbildung zur Sozialpädagogin machen konnte, weshalb es die gelernte Landschaftsgärtnerin nach Chur verschlug. Dort arbeitet sie jetzt in einer psychiatrischen Klinik. “Es ähnelt der Arbeit mit den Eingewiesenen”, sie schmunzelt. Dann reden beide weiter über die Arbeit, die jahrelange Erfahrung ist abendfüllend.

Die Leute haben ein ganz falsches Bild von dem was sich vor und hinter den Mauern abspielt. Nach aussen dringt sowieso nur das Schlechte. Darüber, dass ein Eingewiesener jemanden hier zu Realta im Erdbeerbeet reanimierte, weil der Herzstillstand nahte, wird geschwiegen. Häftlinge sind keine Helden, höchstens Ausreisser, Straftäter. Selbigen hat man im Urlaub mit Alkohol im Blut erwischt. 1 Jahr mehr — kein Pardon. Es ist wie mit den Straftaten allgemein. War es ein Ausländer, erwähnt man Nationalität oder Geburtsland gut und gern; gewinnt aber ein Eingewiesener einen Preis, dann steht: Ein Schreinerlehrling aus Cazis, und man entwurzelt ohne mit der Wimper zu zucken. Wenigstens hatte das auf juristischer Ebene zu einer Strafminderung geführt.

«flotte Hirsche»

Nach Rotwein und Dessert kommen wir zum Zwetschgenlikör. Kennen gelernt hatten sich Ba… und K. in Realta damals. Herr Ba… hält nicht zurück. “Die Jungs wurden immer ganz närrisch, wenn sie ihrer Gruppe zugeteilt waren. Dabei ist die Arbeit auf dem Feld so schon hart genug.” Er lacht, K. gibt sich bescheiden. “Hübsch bin ich nicht, die sehen kaum Frauen. Ausserdem wirken nicht nur Männer anziehend die durchgreifen können — Noch mehr Hirsch?” Ein bisschen noch. “Doch, doch ein ganzes paar waren ihr verfallen; einer hat sogar freiwillig die Gruppe gewechselt.” “Aja, der Italiener. Aber das lag grossteils sicherlich auch daran, dass ich mit ihm auf italienisch schwatzen konnte.”, “Du sagst, du sagst — wie findet ihr den Likör?” Sehr gut. “Woll’n wir noch auf die Pirsch?”

«weisse Hirsche jagen»

Mit dem Auto ziehen wir Kurven auf den Bahnen Realtas, lauschen dabei Ba…’s Worten über die Jagd und dass er gern Hirsche in der Nacht beobachtet. Hier und da grasen sie hinter Hügeln, er kenne einige ihrer Verstecke. Die Ruhe ist idyllisch, die Mägen voll, die Lider schwer. Morgen ist vorerst der letzte Drehtag in Realta und uns wird wieder bewusst, warum wir eigentlich hier sind und was uns genau vor die Flinte lief. Etwas Unbekanntes. Und hinter der nächsten Abzweigung:

Hirsche. 30, 40 Stück.

(4. Mai ’17) Vale&Jo, #FREIHÄIT, @freihaeit uf Twitter ond Facebook