“Es wird eine gewaltige Disruption geben”

Kai Diekmann im persönlichen Gespräch über Jan Böhmermann, warum Friede Springer ein guter Mensch ist und die gewaltige Disruption, die er für die BILD-Gruppe plant

Wie lange wollten sich Kai und ich mal wieder treffen? Seit Jahren hat es nicht mehr geklappt. Und als ich ihm heute morgen kurz eine SMS schreibe: “Gratuliere, tolles Gespräch mit Jan Böhmermann” habe ich nach 2 Minuten Antwort: “Heute Mittag 2 h?” Ich denke, das muss ich nutzen. Habe lange nichts mehr verkauft gekriegt, aber ein Interview mit Kai müsste doch gehen: “Lade dich ein. Restaurant R, Oderstr. 52. Mach ich kleines Interview, okay?” Da kann ich mir das Ticket leisten, Essen ist sehr gut, sehr preiswert. Wir kennen uns seit 86. Er hatte schon damals diesen Drive und das unglaublich gute Gespür für das, was viele Menschen interessiert. Bei mir das Gegenteil. Er hatte mich einmal versucht, in der Redaktion unterzubringen. Ging gar nicht.

Er wählt den gegrillten Räuchertofu, ich nehme die Aubergine mit Hummus. Dann kommen wir langsam ins Gespräch.

Frage: Wie geht es Dir? Alles gut?
Kai Diekmann: Alles gut. Viel zu tun. Und ab und zu mache ich auch noch eigene journalistische Beiträge, macht Spaß …

Frage: Die Beschimpfungen und Flut an Beleidigungen, die Jan Böhmermann derzeit erleidet, gehen Dir persönlich nahe? 
Kai Diekmann: Ja, deshalb hab ich das Interview gemacht. Er braucht ein Forum, wo er sich äußern kann. Keiner hat sich getraut. Ich hab’s gemacht.

Frage: Toll. Wie lief das Interview denn? War das echt ein Fake?
Kai Diekmann: Ich sag‘ mal so … es gibt künstlerische Wahrheit, philosophische Wahrheit, religiöse Wahrheit, gefühlte Wahrheit, meinetwegen wissenschaftliche Wahrheit. Und es gibt journalistische Wahrheit. Ich hab ja schon Interviews gemacht mit Politikern wie Engholm, Heiner Geißler, Helmut Kohl, da war ich erst 18, ging noch zur Schule. Kohl, da musste ich auch etwas nachhelfen, damit das für unsere Schülerzeitung taugte. However, ich habe Erfahrung im Interviews machen seit über 30 Jahren. Weeißt du ja. Es gibt Gespräche, die brauche ich gar nicht mehr lesen, weil ich schon vorher weiß, was da stehen muss. Das sind die Naturgesetze des Medienhypes, die hat man irgendwann tief in sich drin.

Frage: Du weißt vorher, was da stehen muss?!
Kai Diekmann: Ja, ist so. Interviews mit Fußballern zum Beispiel. Berlinale-Gespräche machen wir oft mit passe-par-tout, das heißt, wir suchen dann jemanden, der das abzeichnet, der erste der Ja sagt, hat das Interview in der Zeitung. Kurzinterviews mit Politikern nach schrecklichen Ereignissen — diktiert ein geübter Redakteur so runter. Solche Interviews halt, die kannst du erst schreiben und anschließend führen, falls du dich absichern möchtest. Manche verstehen das ja falsch, obwohl gar nichts falsch ist, und die sagen dann, das Gespräch habe so nicht stattgefunden. Klar, gibt für die auch wieder Presse. Das Interview machen ist ja gang und gäbe, heißt ja auch so, nur ZEIT-Redakteure reden immer so vom “Interview führen”. Machen ist einfach sehr praktisch und macht übrigens den Lesern mehr Spaß als Interviews, die am Thema vorbei gestottert sind. Bearbeiten musst du das Zeug sowieso immer.

Frage: Hast du ein paar Beispiele?
Kai Diekmann: Lieber Himmel, Beispiele … Kurzinterview mit Merkel zur Leistung der Deutschen Fußballnationalmannschaft, da sagen die natürlich im Amt, macht mal. Beckenbauer, da läuft viel so, dass ich ihn nur ansimse, ‚Bäuerchen, schau mal morgen rein, habe großes Interviews mit dir gemacht‘ und er simst dann zurück ‚Super, Dicki, bin gespannt‘. Wenn wir in der Redaktion das schreiben, dann passt das sauber in die BILD, von der Länge der Sätze her, nichts Kompliziertes und so.

“Du hältst doch selbst Ziegen in Potsdam.”

Frage: So ist das Gespräch mit Jan auch entstanden?
Kai Diekmann: Ja, genauso wie gute Interviews eben entstehen.

Frage: So wie Gedichte …
Kai Diekmann: Haha, genau.

Frage: Du hältst doch selbst Ziegen in Potsdam.
Kai Diekmann: Woher hast du das denn?

Frage: Aus der seriösen Presse.
Kai Diekmann: Okay. Ja und?

Frage: Konntest du da über das Gedicht von Jan lachen? Es geht da ja auch in gewisser Weise gegen Ziegen, weil das ja als etwas Schlechtes dargestellt wird, was der Erdogan da angeblich mit Ziegen macht.
 
Kai Diekmann: Ja, das war eine Stelle, wo ich nicht schmunzeln konnte, aber dann habe ich doch laut gelacht über die Ziegen-Diskriminierung.

Frage: Wieso?
Kai Diekmann: Mein Chef hat gelacht …

Frage: Ach, der Döpfner …
Kai Diekmann: Die Redaktionen waren schon alle sehr verunsichert, auch die Chefredakteure wussten nicht, uuiii, was machen wir denn damit? Pro Erdogan, der Kanzlerin zuliebe? Wer ist hier der Buhmann? Wer ist der Gute? Döpfner kannte Böhmi ja gar nicht. Bin ich hin zu ihm, sag mal, diese ZDF-gegen- Erdogan-Geschichte, was machen wir damit? Und dann hat er schallend gelacht …

Frage: Offenbacher halt. 
Kai Diekmann: Hahaha, genau, da kommt bei ihm der Offenbacher Jungtürke durch. Streich das bitte, okay?

Frage: Und Friede?
Kai Diekmann: Friede ist ein guter Mensch. Ein wirklich guter Mensch. Sie hat viel Intuition. Ein bisschen mütterlich bei den Charity-Sachen, aber auch sehr preussisch. Und ein bisschen wie Hubi [Hubert Burda], also mehr ein Zahlenmensch, letztlich. Inhalt nicht so wichtig. Von ihr halten wir so grobe Sachen fern. In der BILD liest sie eigentlich auch immer nur den Wirtschaftsteil. Und den Frauenteil, den auch. Sie ist ja sehr wissbegierig.

“Da wurde einer öffentlich bekannten Person eine künstliche Penisvergrößerung angedichtet …”

Frage: Es geht das Gerücht — ist wirklich nur ein Gerücht, das heißt, irgendetwas ist da wohl dran, du habest Erdogan angerufen und ihm gesagt, Prozess kann er vergessen? Ist das wahr?
Kai Diekmann: Ja. Stimmt. Kann ich bestätigen.

Frage: Wieso hast du das getan?
Kai Diekmann: Landgericht 2003 in Berlin. Da hat ein Prominenter die TAZ verklagt. Auch wegen einer Satire. Da wurde einer öffentlich bekannten Person eine künstliche Penisvergrößerung angedichtet …

Frage: Um wen ging es da?
Kai Diekmann: Um einen gewissen Kai Diekmann.

Frage: Ach so. Klar, jetzt erinnere ich mich.
Kai Diekmann: Begründung des Landgerichts, als Chef der BILD würde ich ja auch ‚einen wirtschaftlichen Vorteil aus der Persönlichkeitsrechtsverletzung anderer‘ ziehen. Also, wenn die Öffentlichkeit dich als Unsympath abgestempelt hat, schließt sich ein deutscher Richter der Öffentlichkeit gerne an.

Frage: Beim Wulff ist die Strategie aber nicht aufgegangen, nicht so richtig?
Kai Diekmann: Nächste Frage …

Frage: Da hattest du damals jedenfalls zum Spott noch obendrein das Unrecht zu erdulden.
Kai Diekmann: So ist es. Und deshalb habe ich Erdogan angerufen und gesagt: Mein Lieber, sei doch einmal für einen Moment nicht so rasend dumm. Lass das mit dem Prozess. Mach was ganz anderes, zum Beispiel spucken auf ein Foto von Böhmi. Oder lade den Böhmi in deinen Palast ein, stell ihm deine Frau vor. Von wegen Ziegenficker — kein Wort wahr. Er war aber für meine Vorschläge nicht so richtig zugänglich.

“Und etwas anderes, was es noch gar nicht gibt, kann dich retten…”

Frage: Wie soll es denn nun mit BILD weitergehen? Du bist jetzt Herausgeber, Rot-Gruppen-Chef, was machst du da? 
Kai Diekmann: Ich arbeite seit einem halben Jahr an einem Strategiepapier „Das neue Rot - näher zum Kunden“. Das ist echt schwer …

Frage: Schwerer als Interviews machen?
Kai Diekmann: Klar. Du musst unheimlich scharf analysieren, was heute da ist. Und das, was es nicht gibt. Und etwas, was es nicht gibt, kann Dich kaputt machen. Und etwas anderes, was es noch gar nicht gibt, kann dich retten…

Frage: Das ist ja Wahnsinn. Nimm dir doch dafür Roland-Berger-Leute wie die FAZ. Wer Maschinenbau kann, kann auch Verlag, meine ich. 
Kai Diekmann: Nee, Berater sind Satiriker. Ganz witzig, kannst du aber letztlich nichts Praktisches mit anfangen.

Frage: Hast Du schon die Eckpunkte?
Kai Diekmann: Es wird eine gewaltige Disruption geben, da können sich einige warm anziehen. Weltweit ein First.

Frage: Nämlich?
Kai Diekmann: Also, stell dir mal vor: Du kannst jede Zeitung, jede Ausgabe, jede Zeitschrift sofort lesen, du musst sozusagen nur mit dem Finger schnippen, dann ist sie da… wäre das ein Traum oder nicht?

Frage: Ähem, Internet vielleicht?
Kai Diekmann: Nix Internet. Gedruckt!

Frage: Gedruckt?! Auf Finger schnippen da? Wie willst du das denn machen? 
Kai Diekmann: Internet of things — schon mal gehört? Wir platzieren in 10 Millionen deutschen Haushalten den Roten Schnelldrucker. Damit ist der Verlag technisch direkt vor Ort präsent. Der druckt unsere Zeitungen direkt in den Haushalten. Direkt auf den Küchentisch. Erst einmal nur unsere Zeitungen. In Spitzenqualität. Die Drucker sind connected mit unseren Verlagssystemen. Wir verdienen a) am Content, b) an Werbung, c) an der original BILD-Zeitungsfarbe, d) am BILD-Zeitungspapier. Muss ja auch riechen wie eine Zeitung, nicht wie ein White Paper von IBM. Super Convenience für die Leser. Knopfdruck — die BILD ist schneller ausgedruckt als der Kaffee fertig ist. Das geht ratsch-ratsch. Und weißt du, was das Beste ist? Ahnst du was?

Frage: Sag Du es mir.
Kai Diekmann: Individualisierung! Zielgruppenanpassung. Datengesteuert. Wie Facebook …

“Es wird auch eine gegenderte BILD geben.”

Frage: Kapier ich jetzt nicht so schnell …
Kai Diekmann: Zum Beispiel kriegen Männer in Teilen anderes Bildmaterial als Frauen. Vastehste?!

Frage: Ach so … jetzt dämmert mir was. 
Kai Diekmann: Es wird auch eine gegenderte BILD geben. Geht automatisch und die Feministen-Fraktion ist happy. Die küssen mich. Auflage wird nicht hoch sein, aber egal. Für die Behörden wahrscheinlich vorgeschrieben, die gegenderte BILD in den Wartezonen auszulegen. Andere kriegen meinetwegen so was wie die TAZ, nur lesbar.

Frage: Und Anzeigen gezielt ausliefern, nehme ich an?
Kai Diekmann: Das ist doch der Punkt. One-to-one Marketing, wenn’s sein muss. Döpfner will das haben. Wir wissen von jedem Drucker, in welchem Haushalt er steht. Wer da wohnt und so weiter. Der Drucker ist ja nur gratis, wenn die Leute ein paar Daten herausrücken.

Frage: Kommt mir nur etwas teuer vor, 10 Millionen Drucker.
Kai Diekmann: Ach, teuer. Große Visionen sehen zuerst teuer und unmöglich aus, später billig im Verhältnis zu den Revenues. Klotzen oder untergehen. Dies ist die Zeit für die, die Phantasie haben. Die der Zukunft mit einem lauten, ehrlichen, herzhaften Lachen um den Hals fallen. Die nicht am Jetzt kleben, sondern das Morgen selbst machen wollen. Die siegen wollen. Die nicht zugucken, sondern handeln. Aufbauen. Verändern und transformieren … die einfach machen.

Frage: Wie Gedichte. Wie Interviews.
Kai Diekmann: Es heißt nicht zufällig „Geschichte machen“. Als Vergangenheitsverwalter tauge ich nicht. Da könnte sich Döpfner einen anderen suchen. Nostalgie ist schön, im Museum. Aber nicht hier und heute.

Frage: Etwas Revolution geht immer.
Kai Diekmann: Bei BILD, ja, würde ich sofort unterschreiben.

“Das ist jetzt verbindlich? Die Böhmermann-Kolumne in der BILD ist gebongt?”

Frage: Bekommt denn Jan jetzt die Kolumne in der BILD oder nicht?
Kai Diekmann: Klar kriegt er die. Kann ein Team für ihn schreiben. Ich denke, als Satiriker gehört er zu den Lernfähigen. Soll mich anpingen.

Frage: Das ist jetzt verbindlich? Die Böhmermann-Kolumne in der BILD ist gebongt?
Kai Diekmann: Ja, kann den Platz vom Wagner haben. Muss Mathias fragen, aber von der Seite wird das ja klar gehen. Der will das ja auch.

Frage: Ehe euch SpOn den Böhmermann wegschnappt.
Kai Diekmann: Hahaha, ja das wäre schade.

Frage: Mensch, Kai, danke. War schön dich mal wieder zu sehen.
Kai Diekmann: Und du? Geht’s gut?

Ich sag ihm, das es mir fantastisch geht. Wenig Verpflichtungen, ab und zu ein Interview machen. Alles wunderbar. Ich sehe es positiv.

(Der Interview-Termin wurde auf den 13. April in Berlin festgelegt. Das Gespräch wurde von mir gemacht. Das Copyright liegt noch im Restaurant herum. Wer’s findet, darf es wegwerfen oder weitergeben.)